# taz.de -- Vortrag über Erich Mühsam: „Der pazifistische Ruf findet kaum Gehör“
       
       > Der Anarchist und Antimilitarist Erich Mühsam hätte heute viel zu
       > kritisieren. In Lübeck widemt sich ein Vortrag seinem Kriegstagebuch von
       > 1916/1917.
       
 (IMG) Bild: Graffiti-Gedenken an den Anarcho Erich Mühsam, der 1934 im KZ ermordet wurde
       
       taz: Angesichts der Kriegstüchtigkeit, die Verteidigungsminister Pistorius
       bis 2029 herstellen will, scheint der Pazifismus aus der Zeit gefallen.
       Oder täuscht das, Herr Schäfer? 
       
       Ortwin Schäfer: Momentan ist er sehr aktuell. Öffentlich ist er allerdings
       stark unter Druck. Überall wird Militarisierung gefordert. Der
       pazifistische Ruf nach diplomatischer Konfliktregulierung findet kaum
       Gehör.
       
       taz: Sie befassen sich mit dem [1][Anarchisten und Antimilitaristen Erich
       Mühsam], 1934 im KZ Oranienburg ermordet. Wie präsent ist er heute noch? 
       
       Schäfer: In Literaturkreisen ist er noch präsent, er war ja nicht nur
       politischer Aktivist, er war auch Schriftsteller. Aber leider kennen ihn
       viele nicht mehr.
       
       taz: Mühsam hat Verse gedichtet wie: „Liebe, die das Herz beseligt, / zupft
       an keiner Leier mehr. / Haß ersetzt sie. Haß befehligt. / Haß ist Heil und
       Pflicht und Wehr.“ Ist seine Dichtung auch Lehrdichtung? 
       
       Schäfer: Ja, er war sehr kämpferisch. Davor, in seiner Boheme-Zeit, hat er
       allerdings auch Lebensfrohes verfasst.
       
       taz: Sie referieren über Mühsams „Kriegstagebuch“ von 1916/1917. Was tritt
       uns darin entgegen? Ein Lehrstück über Kriegspropaganda, über die
       Sinnlosigkeit des Kriegsleidens? 
       
       Schäfer: Beides. Und es analysiert die Vorgeschichte des [2][Ersten
       Weltkriegs]. Natürlich hat sich die Welt seit dieser Zeit sehr gewandelt.
       Aber wir begegnen bei Mühsam auch der Zeitlosigkeit.
       
       taz: Worin zum Beispiel? 
       
       Schäfer: Mühsam hat sich zunächst sehr stark an Leo Tolstoi orientiert, der
       Gewalt rigoros ablehnte. Gleichzeitig war er Anhänger von Michail Bakunin,
       einem Befürworter der Gewalt in der sozialen Revolution. In seinem Buch
       versucht er, diesen Zwiespalt zu lösen, was ihm aber, meines Erachtens,
       nicht gelingt.
       
       taz: Mühsam kritisiert Deutschlands damalige Weltmachtbestrebungen. Wie ist
       es heute? Immerhin fordert Bundeskanzler Merz, die Bundeswehr solle
       „konventionell zur stärksten Armee Europas“ werden. 
       
       Schäfer: Diese Bestrebungen sind in Deutschland nie richtig aufgegeben
       worden. Das lässt sich auch an dem [3][Strategiepapier „Neue Macht – Neue
       Verantwortung“ von 2013] ablesen. Mühsam analysiert den Patriotismus, die
       heroische Phrasendrescherei, die Feindbildbildung. All das ist nach wie vor
       aktuell.
       
       taz: „Willst du den Frieden“, heißt es ja, „bereite den Krieg vor!“ Was
       sagen Sie jemandem, der diese Doktrin verficht? 
       
       Schäfer: Dass es immer die Gefahr der Eskalation gibt. Das Argument, dass
       ich nur aufrüste, um diese Waffen nie einzusetzen, wird von der Gegenseite
       als Bedrohung wahrgenommen und gleichlautend beantwortet. Es gilt, einen
       Ausstieg aus dieser Spirale zu finden, durch Kompromisse.
       
       taz: Was hat Mühsam 1916/1917 erlebt? 
       
       Schäfer: Das Grauen des Krieges, das Scheitern der Antikriegsbewegung und
       die Mitschuld der SPD und [4][der Gewerkschaften] durch die
       „Burgfriedenspolitik“. Das Scheitern der Versuche, den Krieg durch Verträge
       und Vereinbarungen zu verhindern.
       
       taz: Spielt das nicht argumentativ denen in die Hände, die einen Frieden
       durch Abschreckung propagieren? 
       
       Schäfer: Das könnte sein, wäre aber ganz gewiss nicht in seinem Sinne. Aber
       Mühsam war ein klassischer Anarchist. Er führte das Problem immer auf den
       Nationalstaat zurück, der mit anderen Staaten um Macht konkurriert. Deshalb
       kritisierte Mühsam auch das Völkerrecht. Er sagte: Wenn es um ihre eigenen
       Interessen geht, halten die Staaten sich nicht daran. Das Argument, es
       werde nicht eingehalten, stehe immer nur gegen den politischen Gegner, sei
       kein Maßstab des eigenen Handelns. Die Lösung sah Mühsam in einer
       entstaateten Vereinigung der Welt.
       
       taz: In einer Utopie? 
       
       Schäfer: Mühsam dachte stark utopisch. Er war überzeugt: Ein dauerhafter
       Frieden ist nur durch die Umgestaltung der Gesellschaft möglich. In
       Richtung Sozialismus. Und in Richtung Anarchie – der gesellschaftlichen
       Ordnung ohne Herrschaft.
       
       30 Sep 2026
       
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