# taz.de -- Literatur über Berlin: „Wenn dieser Roman etwas entlarvt, dann das Patriarchat“
       
       > Lilli Tollkien erzählt in ihrem Roman von einem Mädchen in einer
       > Männerkommune im Kreuzberg der 1980er. Ein Treffen anlässlich der
       > Frankfurter Buchmesse.
       
 (IMG) Bild: „Ich empfinde mein Buch als linken Text“: Autorin Lilli Tollkien in Leipzig
       
       taz: Frau Tollkien, Sie haben als Treffpunkt das Kulturquartier Westwerk
       ausgesucht, ein ehemaliges Industrieareal im Leipziger Stadtteil Plagwitz.
       Wenn man hier aus dem Fenster schaut: Graffitis, alternative Läden, bunte
       Haare. Ein bisschen Kreuzberg in Leipzig? 
       
       Lilli Tollkien: Eigentlich wollte ich nach meinem Studium in Heidelberg
       zurück nach Berlin, wo ich aufgewachsen bin. Dann habe ich einen Freund in
       Leipzig besucht und gedacht: Das ist ja wie Berlin, nur ruhiger und grüner.
       Damals waren hier teilweise die Häuser noch unsaniert und es roch nach
       Kohleofen. So roch Kreuzberg auch.
       
       taz: Vermissen Sie Kreuzberg? 
       
       Lilli Tollkien: Ich fühle mich schon wohl, wenn ich dort bin. Aber ich bin
       auch froh, wenn ich wieder weg darf. Berlin ist mir einfach zu anstrengend,
       zu hart und zu teuer geworden.
       
       taz: Ihr autofiktionaler Debütroman „Mit beiden Händen den Himmel schützen“
       erzählt schonungslos vom linken Milieu im Kreuzberg der Achtzigerjahre.
       Solche Bücher können Leser*innen gefallen, die darin eine Abrechnung
       sehen wollen. Ärgert Sie das? 
       
       Lilli Tollkien: Ja, denn das wäre ein Missverständnis. Ich habe dieses Buch
       nicht als Anklage geschrieben. Es gab viele linke Gruppierungen, und ich
       zeige einen winzigen Ausschnitt, der schon damals sehr belächelt wurde. Ich
       möchte mich nicht zur Expertin für die linke Szene oder für diese Zeit
       aufschwingen.
       
       taz: Sondern? 
       
       Lilli Tollkien: Mir geht es um Machtmissbrauch in abgeschlossenen Systemen.
       Das, was dort passiert, kann auch in einer Sekte passieren, in einer
       rechten Gruppierung oder in einer bürgerlichen Kleinfamilie. Lales
       Ziehvater schottet die Gruppe nach außen ab, das ist das eigentliche
       Problem. Wenn dieser Roman etwas entlarvt, dann ist es das Patriarchat.
       Deshalb empfinde ich mein Buch als linken Text.
       
       taz: Der Roman ist aus der Perspektive eines heranwachsenden Mädchens
       geschrieben. Lales Mutter nimmt Drogen, ihr Vater ist im Gefängnis. Sie
       wächst in einer Männer-Kommune auf. Trotzdem haben Ideen, auf die sich die
       Männer berufen, einen emanzipatorischen Kern. Was nimmt Lale davon mit? 
       
       Lilli Tollkien: Man muss da aufpassen. In der von mir beschriebenen Welt
       werden diese Ideale zwar hochgehalten, aber nicht gelebt. Die bedrückende
       Enge der Fünfzigerjahre wird angeblich infrage gestellt, gleichzeitig gibt
       es diese klare Anführerfigur. Lale dagegen stellt irgendwann Autorität
       tatsächlich infrage. Sie ist resilient und traut sich, immer wieder neu
       anzufangen. Und da ist dieser Wille, der Hässlichkeit der Umgebung etwas
       entgegenzusetzen und wirklich frei zu sein.
       
       taz: Also doch etwas Gutes in dieser Kindheit? 
       
       Lilli Tollkien: Ich finde es nicht zielführend, das so schwarz-weiß zu
       betrachten. Es gibt liebevolle Momente und die Möglichkeit, überall mit
       anderen Kindern zu spielen, tolle Bücher, Musik, Nicaragua. Und
       gleichzeitig gibt es traumatische Erlebnisse. Das kann in dieser
       Gleichzeitigkeit nebeneinander bestehen.
       
       taz: Lale wertet selbst lange kaum. Für sie ist zunächst normal, was die
       Lesenden längst als massive Grenzüberschreitung erkennen. Wie haben Sie
       diesen Ton gefunden? 
       
       Lilli Tollkien: Ich habe lange darum gerungen. Mir war wichtig, dass Lale
       nicht schon als Kind mit dem Wissen einer Erwachsenen auf ihre Umgebung
       schaut. Ich habe selbst in der Suchtberatung gearbeitet: Kinder können in
       noch viel schrecklicheren Verhältnissen als Lale aufwachsen und beschreiben
       sie zunächst einfach, ohne sie zu bewerten.
       
       taz: Lale wirkt gleichzeitig manchmal erstaunlich erwachsen. 
       
       Lilli Tollkien: Weil sie ihre unberechenbare Umgebung ständig einschätzen
       muss. Sie muss überlegen: Wo kann ich was sagen? Wie muss ich mich
       verhalten? Sie entwickelt sehr feine Antennen.
       
       taz: Sie beschreiben Lale stark über ihr Körpergefühl. Einmal geht es um
       ihre Haut, die sie sich am liebsten „fester um ihren Körper schnüren“
       würde. Warum? 
       
       Lilli Tollkien: Am Anfang wollte ich die Figur möglichst dissoziiert über
       den weiblichen Körper erzählen lassen. Ich habe Körperteile genommen und
       sie assoziativ verschiedenen Räumen ausgesetzt. Mich interessierten
       Grenzenlosigkeit und fehlende Leitplanken, und gleichzeitig Lales Suche
       nach Struktur, Gewicht und Konturen.
       
       taz: Und die Konstruktion des Romans kam später? 
       
       Lilli Tollkien: Ziemlich spät. Erst einmal hatte ich einen riesigen Wust an
       Notizen. Das Ganze war viel experimenteller. Ich habe wahnsinnig viel
       gestrichen.
       
       taz: Am Ende gewinnt Lale ihren Körper und ihre Geschichte zurück. Ist das
       Erzählen ihre Selbstermächtigung? 
       
       Lilli Tollkien: Auch. Aber ich glaube nicht, dass Schreiben derart
       therapeutisch funktioniert. Um wirklich über solche Dinge schreiben zu
       können, muss man mit ihnen mehr oder weniger durch sein.
       
       taz: Reden wir doch einmal über die Männer, mit denen Lale aufwachsen muss.
       Viele der Männer in dieser Generation wollten ganz anders sein als ihre
       Väter. Trotzdem reproduzierten sie deren Verhalten. Was war da los? 
       
       Lilli Tollkien: Die Männer sind im Grunde nur noch Hedonisten. Ihr
       Verhalten rechtfertigen sie je nach Bedarf mit RAF-Anleihen oder mit
       Esoterik, mit Plakaten und Parolen.
       
       taz: Wie geht das? 
       
       Lilli Tollkien: Vielleicht haben die Intellektuelleren unter ihnen
       „Männerphantasien“ gelesen – aber sie haben die Kritik nicht auf sich
       selbst angewendet. Da bleibt ein blinder Fleck. Und das ist gar nicht auf
       diese kleine linke Bubble beschränkt. Ich höre von Leserinnen und Lesern
       immer wieder: Mit diesem speziellen Setting kann ich mich überhaupt nicht
       identifizieren, aber diese Männer kenne ich. Die Männer der Achtziger –
       aber mit anderen Vokabeln auch die von heute.
       
       taz: Das Interessante ist doch die Selbstgewissheit der Männer. Wer sich
       politisch für emanzipiert hält, muss die eigene Macht vielleicht gar nicht
       mehr untersuchen? 
       
       Lilli Tollkien: Genau. Sie reflektieren sich nicht selbst. Und das gibt es
       bis heute. Auch in der linken Szene, wo sie sich als Feministen inszenieren
       und dahinter genau dieselben Strukturen bedienen.
       
       taz: Das ist ein bisschen wie die Idee des kritischen Weißseins: Die
       eigenen Privilegien werden oft nicht mitgedacht. Fehlt eine entsprechende
       kritische Männlichkeit? 
       
       Lilli Tollkien: Ich glaube, dass die ganzen Vokabeln irgendwann an Gewicht
       verlieren gegenüber dem, was man tatsächlich tut. Das Schwierigste ist
       doch, sich im eigenen Leben so zu verhalten, dass man dem gerecht wird, was
       man theoretisch leben möchte. Und dazu gehört eben auch, einen Zugang zu
       sich selbst zu haben.
       
       taz: In vielen Berichten über Ihr Buch hieß es, Lale wächst ohne Regeln
       auf. Sie widersprechen dem. 
       
       Lilli Tollkien: Weil es nicht stimmt. Es gibt Regeln, Dogmen und klare
       Hierarchien: Wer steht oben, wer unten, wer darf was sagen und fühlen? Lale
       darf keinen rosa Schulranzen haben. Wenn mal eine Freundin des Ziehvaters
       wütend wird, dann gehört sie plötzlich zu den Verrückten und wird
       ausgeschlossen.
       
       taz: Wenn es nicht an Regeln fehlt, woran fehlt es dann? 
       
       Lilli Tollkien: An Schutz und Verlässlichkeit für das Kind.
       
       taz: Lale begreift lange selbst nicht, was ihr geschieht. 
       
       Lilli Tollkien: Weil sie gleichzeitig all diese gegenteiligen Parolen hört.
       Es wird offen über Sexualität gesprochen, und sie übernimmt diesen
       männlichen Blick teilweise selbst. Deshalb versteht sie lange nicht, dass
       das, was sie erlebt, sexuelle Gewalt ist. Sie trägt dieses Wissen in sich,
       kann es aber nicht einordnen. Ich wollte, dass das Unausgesprochene beim
       Lesen so unangenehm wie möglich wird. Umso leiser Lale über etwas spricht,
       desto stärker soll es nachhallen.
       
       taz: Es fehlen auch Frauen, die Lale unterstützen könnten. 
       
       Lilli Tollkien: Die Frauen sind Teil dieses patriarchalen Systems und
       übernehmen teilweise denselben Blick.
       
       taz: Hätten bessere Institutionen Lale schützen können? 
       
       Lilli Tollkien: Die Frau vom Jugendamt fällt auf den oberflächlichen Charme
       ihres Ziehvaters herein. Beim Jugendamt bin ich bis heute skeptisch, gerade
       was patriarchale Strukturen angeht. Ich habe in meiner eigenen Arbeit
       erlebt, wo Kinder aus Familien genommen werden und wo nicht. Die Väter
       haben mehr Rechte bekommen, und das ist ja auch richtig so. Aber daraus
       sind teilweise Strukturen entstanden, in denen zu stark zugunsten von
       Väterrechten argumentiert wird.
       
       taz: Dazu passt der antifeministische Backlash, den wir gerade erleben.
       Macht das den Roman politischer, als Sie ihn angelegt haben? 
       
       Lilli Tollkien: Vielleicht. Gerade jetzt finde ich es wichtig, dass auch
       linke Gruppierungen nicht sagen: Wir stehen auf der richtigen Seite, also
       müssen wir bei uns nicht hinschauen. Man sieht ständig, dass das nicht
       stimmt.
       
       taz: Haben junge Frauen heute mehr Möglichkeiten, Dinge zu benennen und
       sich miteinander zu verbünden? 
       
       Lilli Tollkien: Es gibt mehr Möglichkeiten, aber ich glaube überhaupt
       nicht, dass damit genug erreicht ist. Das Internet bietet Chancen, weil
       Frauen sich vernetzen können. Gleichzeitig multipliziert sich dort ein
       bestimmter Blick auf Frauen und ihre Körper. Der Selbstoptimierungswahn übt
       immer größeren Druck auf den Körper aus.
       
       taz: Womit wir wieder beim Thema wären, dem Anfang Ihres Romans? 
       
       Lilli Tollkien: Ja. Und bei der Kontrolle und den Grenzen. Der Wunsch, den
       Körper zu optimieren, hängt sehr eng mit dem Wunsch zusammen, wenigstens
       über irgendetwas Macht zu erlangen.
       
       7 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) deutsche Literatur
 (DIR) Feminismus
 (DIR) sexueller Missbrauch
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Grüne und Pädophilie: So komisch-seifige Männer
       
       Wie war das damals, beim Gründungsparteitag der Grünen 1980? Warum
       beschäftigten die Befürworter von Sex mit Kindern die Fantasien der
       Schwulen?
       
 (DIR) Enthüllungen aus der linksalternativen Szene: Nicht nur die Indianer
       
       Im Alternativmilieu der 1970er und 1980er Jahre fühlten sich auch
       bekennende Pädophile wohl – trotz "sexueller Revolution" mochten aber nicht
       alle mit Tätern fraternisieren.
       
 (DIR) Pädo-Aktivisten im linken Mileu: Kuscheln mit den Indianern
       
       Im alternativen Milieu der 70er und 80er diskutierte man über befreite
       Sexualität - auch zwischen Kindern und Erwachsenen. Wie kam es dazu, dass
       Pädophilie zeitweise salonfähig war?