# taz.de -- Seoul verlangt Entschuldigung: Südkorea wirft Ukraine Geheimnisverrat vor
       
       > Zwischen Seoul und Kyjiw knirscht es. Auslöser ist der Umgang mit der
       > Überstellung zweier in der Ukraine gefangener nordkoreanischer Soldaten
       > nach Südkorea.
       
 (IMG) Bild: Wolodymyr Selenskyj hat in seiner Rede vor der UN-Versammlung die Überstellung der Soldaten nach Südkorea öffentlich gemacht
       
       Während die Ukraine sich im fünften Kriegsjahr gegen die russischen Truppen
       verteidigt, gerät sie auf diplomatischer Ebene ausgerechnet mit einem Land
       aneinander, das bislang zu ihren politischen Unterstützern gehörte:
       Südkorea.
       
       Hintergrund dieses ungewöhnlichen Konflikts ist die Überstellung zweier
       nordkoreanischer Soldaten, die bereits seit letztem Januar von der Ukraine
       in Gefangenschaft genommen wurden. Die Männer zählten zu den rund
       [1][15.000 Militärs, die Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zur russischen
       Unterstützung entsandt hatte].
       
       Während seiner Rede vor der UN-Generalversammlung hatte der ukrainische
       Präsident Wolodimir Selenskyj erstmals öffentlich gemacht, dass man die
       zwei Soldaten – gemäß ihres eigenen Wunsches – nach Südkorea überstellt
       habe.
       
       Auch wenn [2][Südkoreas Präsident Lee Jae-myung] die Aufnahme der
       Nordkoreaner ebenfalls gefordert hatte, kritisierte er Selenskyj dafür,
       eine Vereinbarung zur Geheimhaltung gebrochen zu haben. Der Vorwurf lautet,
       dass durch die Veröffentlichung nordkoreanische Verwandten der Soldaten
       Repressionen erleiden könnten. Auch dürfte sich Pjöngjang provoziert
       fühlen, dass Seoul überhaupt zwei Überläufer aufnimmt.
       
       ## Kyjiw: Es gibt kein Geheimhaltungsabkommen mit Südkorea
       
       Doch die ukrainische Seite ließ den Vorwurf nicht auf sich sitzen.
       Selenskyjs Kommunikationsberater Dmytro Lytvyn stritt eine Vereinbarung zur
       Geheimhaltung mit Seoul ab. Was für Kyjiws Argumentation spricht:
       Schließlich war es die südkoreanische Regierung selbst, die die
       Angelegenheit der zwei nordkoreanischen Kriegsgefangenen stets
       öffentlichkeitswirksam thematisiert hat.
       
       Am Montag ist der Streit jetzt eskaliert. Ein Sprecher des Präsidialamts in
       Seoul forderte eine „Entschuldigung sowie offizielle Erklärung von Kyjiw“.
       Der Vize-Außenminister Park Yoon-joo bestellte zudem den Geschäftsträger
       der ukrainischen Botschaft in Seoul ein.
       
       Ein Abgeordneter aus dem Regierungslager drohte sogar an, man solle der
       Ukraine sämtliche Hilfsgelder kürzen: „Es gibt keinen Grund, ein Land zu
       unterstützen, das zwischenstaatliche Vertraulichkeitsvereinbarungen nicht
       einhält“, schrieb Kim Byoung-joo auf X.
       
       ## Will Seoul mit dem Streit von der Innenpolitik ablenken?
       
       Hinter dem Streit steht auch der zunehmende innenpolitische Druck, den
       Präsident Lee Jae-myung derzeit erfährt. Seine Popularität ist laut
       Umfragen so niedrig wie nie zuvor seit seinem Amtsantritt im Juni 2025. Und
       viele Kommentatoren vermuten hinter vorgehaltener Hand sogar, dass Lee den
       diplomatischen Konflikt ausschlachtet, um von den eigenen Krisen daheim
       abzulenken.
       
       Eine Kritik aus dem konservativen Lager lautet auch: Lee habe Angst davor,
       Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zu verärgern, und daher vermeidet er
       sämtliche sensiblen Themen – unter anderem auch die Überstellung der zwei
       übergelaufenen Soldaten.
       
       Doch gleichzeitig zeigt sich an der Causa auch eine zunehmende Kluft
       zwischen den Regierungen in Seoul und Kyjiw. Die Ukraine ist mittlerweile
       frustriert, dass Südkorea trotz seiner beachtlichen Rüstungsindustrie
       weiterhin keine Waffen nach Kyjiw verkauft.
       
       Gleichzeitig bezieht Seoul insbesondere seit Ausbruch des Iran-Kriegs
       wieder vermehrt Treibstoff aus Russland. Auch stehen die großen
       koreanischen Mischkonzerne bereits in den Startlöchern, wieder Zugang zum
       russischen Markt zu ergattern. Hyundai Motors etwa unterhält mitten im
       Zentrum Moskaus weiterhin einen repräsentativen Showroom.
       
       ## Präsident Lee: Streit mit Kyiw, Milde gegenüber Pjöngjang
       
       Und während Südkoreas Regierung jetzt Kyjiw offen anprangert, hält sich Lee
       Jae-myung gleichzeitig mit Kritik am nordkoreanischen Regime auffallend
       zurück – offensichtlich, weil es die eigenen Bemühungen unterlaufen würde,
       die innerkoreanischen Beziehungen zu verbessern.
       
       Dabei unterstützt Pjöngjang nicht nur aktiv den russischen Angriffskrieg
       gegen die Ukraine, sondern stößt auch regelmäßig Drohungen gegenüber Seoul
       aus. Erst vor einer Woche sind drei südkoreanische Soldaten entlang der
       entmilitarisierten Zone durch eine Explosion schwer verletzt worden. Wie
       eine Untersuchung ergab, soll diese von einer nordkoreanischen Landmine
       ausgelöst worden sein.
       
       28 Sep 2026
       
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