# taz.de -- Debatte über Schwangerschaftsabbrüche: Noch vor zehn Jahren waren Abtreibungen kein Thema
> Wie entwürdigend die Situation für ungewollt Schwangere hierzulande ist,
> wurde am Safe Abortion Day beklagt. Es ist Zeit, auch die Erfolge zu
> sehen.
(IMG) Bild: §218 ist weltweit einmalige Konstruktion: Behandlung ist verboten, aber unter bestimmten Voraussetzungen wird von Strafe abgesehen
Der Saal des Kulturzentrums Kukoon am Freitagabend in Bremen ist voll. So
voll, dass einige auf Tischen sitzen, andere auf der Treppe zur Empore. Es
sind überwiegend junge Menschen in ihren 20ern und frühen 30ern, darunter
eine Handvoll Männer.
Sie sind gekommen, um der [1][Ärztin Alicia Baier] zuzuhören, die aus ihrem
2025 erschienenen Buch „Das Patriarchat im Uterus – ein Plädoyer für
körperliche Selbstbestimmung“ liest. Es geht darum, wie schwer und
teilweise unmöglich es Schwangeren in Deutschland gemacht wird, eine
Schwangerschaft abzubrechen.
Der Anlass ist der weltweite [2][Safe Abortion Day am Montag]. Der soll
seit 2011 darauf aufmerksam machen, dass ein hürdenloser Zugang zu
fachgerecht durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen ein Menschenrecht ist
und nicht kriminalisiert werden darf.
## §218 ist eine weltweit einmalige Konstruktion
In Deutschland ist der medizinische Eingriff als Tötungsdelikt im
Strafrechtsparagrafen 218 festgeschrieben. Der ist eine weltweit einmalige
Konstruktion: Die Behandlung ist verboten, aber unter bestimmten
Voraussetzungen wird von Strafe abgesehen. Wenn die Person sich hat beraten
lassen und eine dreitägige „Bedenkfrist“ eingehalten hat.
Alicia Baier, die selbst Schwangerschaftsabbrüche vornimmt, beschreibt
ihrem Publikum die gravierenden Folgen, wie sie sich auch in
wissenschaftlichen Studien darstellen: Ärzt:innen und Patient:innen
werden stigmatisiert, letztere müssen oft weite Wege auf sich nehmen, es
gibt finanzielle Hürden, eine verunsichernde Rechtslage und Gefahr für Leib
und Leben, wenn [3][Komplikationen nach dem Abbruch eintreten] und
beispielsweise eine Klinik in katholischer Trägerschaft die Hilfe
verweigert.
Die Ampel-Regierung im Bund wollte mit Unterstützung der Linken diesem
Elend eigentlich ein Ende machen, nachdem im April 2024 eine von ihr
eingesetzte Expertenkommission die Legalisierung des Abbruchs in den ersten
14 Schwangerschaftswochen empfohlen hatte. Doch die FDP verweigerte sich,
nachdem sie die Koalition gesprengt hatte. Im Februar 2025 scheiterte das
Vorhaben vorerst.
## Es hat sich vieles verbessert
Das Publikum im Bremer Kukoon ist empört. Die Moderatorin bittet Alicia
Baier immer wieder, die Stellen aus ihrem Buch vorzulesen, die besonders
drastisch beschreiben, wie Menschen eine gute medizinische Versorgung bei
einer ungewollten Schwangerschaft verweigert wird.
Und so geht unter, was Alicia Baier zum Schluss auch sagt: Wie viel sich
verbessert hat, seitdem sie als Studentin an der Berliner Charité 2015 die
erste deutsche Gruppe von Medical Students für Choice gegründet hatte.
Denn damals war die entwürdigende Situation ungewollt Schwangerer in
Deutschland kein Thema, es wurde totgeschwiegen. Der aus Lateinamerika
stammende Safe Abortion Day wird in Deutschland erst seit 2019 begangen,
zuvor gab es nur Proteste gegen diejenigen, die das deutsche Recht
verschärfen wollten und dafür [4][auf dem jährlichen „Marsch für das
Leben“] demonstrierten.
## Erster Artikel zum Thema 2017 in der taz
Es gab auch keine öffentlichen Diskussionen wie die im Kukoon am Freitag,
keine Medien, die sich mit der prekären Versorgung befassten, nachdem das
Gesetz 1995 in Kraft getreten war. Selbst die taz thematisierte nahezu
ausschließlich den schweren Zugang in anderen Ländern, beispielsweise in
Polen, Spanien oder den USA.
Wenn deutsche Medien berichteten, dann über Einzelfälle: Die taz griff 1997
die Situation in Passau auf, 2013 die in Wilhelmshaven und 2016 in
Schaumburg, 2017 in Lüchow-Dannenberg. In einer Handvoll von Lokalzeitungen
erschien etwas über die Situation in der jeweiligen Stadt.
Das änderte sich im März 2017. [5][In der taz erschien der bundesweit erste
Artikel], der die Gesamtsituation betrachtete und auch den 2022
abgeschafften Paragrafen 219a thematisierte. Dieser machte es möglich,
Ärzt:innen anzuzeigen und zu verurteilen, wenn sie darüber informierten,
dass und wie sie Schwangerschaftsabbrüche durchführten. Bis vor vier Jahren
waren diese Informationen quasi nur „unter dem Ladentisch“ zu bekommen.
Dieser erste taz-Artikel blieb folgenlos, nur eine Lokalzeitung im
Nordwesten berichtete über die Recherche-Ergebnisse. Das änderte sich erst
mit einem [6][weiteren taz-Artikel] ein halbes Jahr später, in dem die
Gießener Ärztin Kristina Hänel öffentlich machte, dass sie wegen Verstoß
gegen das Informationsverbot angezeigt worden war.
## Öffentliche Meinung ändert sich
In den Jahren darauf griffen mehr und mehr Medien das Thema auf und langsam
änderte sich der Ton in ihren Kommentaren. Anfangs wurde der Paragraf 218
oft noch als [7][„guter Kompromiss“] beschrieben, ohne dies zu begründen.
Nachdem mehr und mehr Details darüber publik wurden, was das deutsche
Strafrecht Ärzt:innen und Patient:innen aufbürdet, mehrten sich die
Meinungstexte auch in konservativeren Medien, die eine Legalisierung
forderten.
Das spiegelt sich in [8][Umfragen]. 2024 sprachen sich 75,3 Prozent der für
eine repräsentative Studie im Auftrag der Bundesregierung Befragten dafür
aus, Schwangerschaftabbrüche nicht über das Strafgesetzbuch zu regeln. Das
taten sogar 72,2 Prozent der CDU-Wähler:innen und 61,5 Prozent derjenigen,
die für die AfD stimmen wollten.
Mit der größeren Öffentlichkeit fand Vernetzung statt: Von Betroffenen, die
zuvor nicht wussten, dass sie mit ihrer Not nicht alleine waren und sie
auch keine Schuld daran traf. Aber auch von Fachleuten, zum Beispiel
Ärzt:innen.
So ist mittlerweile der Abbruch mit dem Medikament Mifegyne mit 45 Prozent
die häufigste Abtreibungsmethode, wie das statistische Bundesamt im April
mitgeteilt hatte. 2015 waren es nur 19 Prozent – im Vergleich mit anderen
europäischen Ländern ein sensationell niedriger Wert, obwohl die Methode
als die schonendste gilt und auch in Praxen durchgeführt werden kann, die
keine Möglichkeit haben zu operieren.
Alicia Baier verbucht auch dies als Erfolg der feministischen Bewegung für
eine Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland, die
sie seit 2015 maßgeblich mitgetragen hat.
2019 gründete sie mit anderen die „Doctors for Choice Germany“, die unter
anderem Fortbildungen für Ärzt:innen zum medikamentösen
Schwangerschaftsabbruch anbieten. „Wir bekommen sehr viele Anfragen dazu“,
sagt Alicia Baier, auch von Hausärzt:innen, die ihr zufolge insbesondere in
den unterversorgten Regionen in Süddeutschland die Versorgungslücken
schließen.
28 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Buch-Das-Patriarchat-im-Uterus/!6133384
(DIR) [2] /Safe-Abortion-Day/!6215684
(DIR) [3] /Spaete-Schwangerschaftsabbrueche/!5886892
(DIR) [4] /Abtreibung-und-patriarchale-Ordnung/!6208314
(DIR) [5] /Abtreibung-in-Deutschland/!5386152
(DIR) [6] /Werbung-fuer-Abtreibungen/!5444891
(DIR) [7] /Kommentar-Schwangerschaftsabbrueche/!5565462
(DIR) [8] https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/246478/9b685f150c5734ef76efa909234f9285/umfrage-reproduktive-selbstbestimmung-data.pdf
## AUTOREN
(DIR) Eiken Bruhn
## TAGS
(DIR) Paragraf 218
(DIR) Schwerpunkt Abtreibung
(DIR) sexuelle Selbstbestimmung
(DIR) Reproduktive Rechte
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Safe Abortion Day: Sichere Abtreibungen unter Druck
Am Montag protestieren Feminist:innen weltweit für legale und sichere
Abtreibungen. Diese werden zunehmend infrage gestellt – auch in
Deutschland.
(DIR) Späte Schwangerschaftsabbrüche: Drei Komma drei Prozent
Ralf Schild nimmt späte Schwangerschaftsbbrüche vor. Damit ist er ziemlich
allein, denn viele Mediziner:innen ducken sich weg.
(DIR) Spätabtreibungen in Deutschland: Letzter Ausweg Holland
Jede dritte bis vierte Frau, die eine Schwangerschaft im zweiten Trimester
abbricht, fährt in die Niederlande.