# taz.de -- Buch über Applaus und Likes: Pöbel und Populisten
> Eine Kulturgeschichte des Beifalls kann einen langen Bogen schlagen.
> Klatschen ist Grundbedürfnis – und wird von den Mächtigen sehr gern
> manipuliert.
(IMG) Bild: Klatschen ist klanglich so individuell wie ein Fingerabdruck
Kürzlich habe ich es mal wieder erlebt. Das Publikum klatschte, weil es die
Leistung eines Funktionsträgers würdigen wollte. Oder war es Angstabfuhr,
Katharsis, rein sentimentale Geste? Galt der Beifall des Publikums sich
selbst? Oder war er ein Zeichen der Vorfreude auf das, was nun folgen
würde?
Die Rede ist von der Landung eines Flugzeugs, einer in der Tat sehr sanften
Landung. Die Einheit von Zeit, Raum und Handlung ist gegeben, das Publikum
ist begrenzt, das Flugzeug entspricht dem geschlossenen Theaterraum – ein
idealer Ort fürs Klatschen, möchte man meinen.
Der Theaterraum allerdings war in seinen Anfängen gar nicht geschlossen.
Denn hinter dem antiken Amphitheater – referiert die
Medienwissenschaftlerin Judith Pietreck in ihrem Buch [1][„Zwischen
Klatschen und Klickzahl. Eine Kulturgeschichte der Publikumsgeste Applaus]“
– versammelte sich jenes Urpublikum, das, um im obigen Bild zu bleiben,
nicht abheben durfte, das im Theater selbst nicht zugelassen war: Sklaven,
Frauen, Arme.
Dieser „Pöbel“ saß auf einer hohen „Pappel“ (lat. Populus) und bildet das
eigentliche „Publikum“; welches sich nämlich nicht anstands- und
anstaltskonform verhalten muss, weil es eh nicht geladen ist und
unkontrolliert klatschen und protestieren kann, wenn es seine Interessen,
ja seine bloße Existenz auf der Bühne nicht angemessen vertreten sieht.
Damit sind wir natürlich mitten im Shitstorm und bei den modernen sozialen
Medien. Das letzte Kapitel von Pietrecks Buch widmet sich dann auch dem
„Publikum im Internet“.
## Das Privileg sogenannter großer Männer
Liken wird hier als abgewandelte Form des Applauses begriffen. Wobei, wie
schon angeschnitten, die Frage im Raum steht, ob wir nicht durch einen
Social-Media-Like einfach „ein Verhältnis zu uns selbst gewinnen“ wollen
und der Bekenntnischarakter im Vordergrund steht.
Wenn wir etwas kommentieren, schnappen wir uns das Privileg sogenannter
großer Männer, die in Briefen und Büchern seit Jahrtausenden ihr ganz
persönliches Verhältnis zur Welt hinausposaunen konnten.
Was im Englischen ein „user“ ist, was sich auch auf Drogeneinnahme beziehen
kann, ist dabei im Deutschen ein „Nutzer“. Und wieder wie bei der Pappel
kommen wir zu interessantesten etymologischen Spekulationen und
Gedankensprüngen, wenn wir dem „abuse“ die „Abnutzung“ gegenüberstellen.
Die Digitalisierung, zitiert Pietreck Habermas, mache heute alle zu
potenziellen Autoren, wie einst der Buchdruck alle zu potenziellen Lesern
gemacht habe. Wer das dann alles lesen und noch dazu beklatschen soll?
## Klatschen in Diktaturen
In manchen Kontexten muss man sich diese Frage gar nicht erst stellen.
Pietreck beschreibt die berüchtigte Berliner Sportpalastrede von Goebbels
am 18. Februar 1943, unmittelbar nach der katastrophalen deutschen
Niederlage gegen die Rote Armee in Stalingrad.
„Kein Stand, kein Beruf und kein Lebensjahr“, behauptete Goebbels im
Sportpalast, „blieb bei der Einladung unberücksichtigt. Ich kann also mit
Fug und Recht sagen: Was hier vor mir sitzt, ist ein Ausschnitt aus dem
ganzen deutschen Volk an der Front und in der Heimat. Stimmt das? (Ja-Rufe,
laute Zustimmung und starker Beifall).“
In einer anderen zitierten Quelle sagt Goebbels: „Es war das politisch
bestgeschulte Publikum, das sie in Deutschland finden können.“
Auch auf hohe Zustimmungswerte in der Bevölkerung zählen dürfende Regime
wie der Nationalsozialismus verließen sich also bei entscheidenden
Kundgebungen nicht auf spontane Begeisterung. Natürlich braucht es den
Zampano, der das Feuer anfacht, aber dass es im Saal schon glüht, dafür
wird bis ins kleinste Detail vorgearbeitet.
## Anleinen und Leine geben
Von Silvio Berlusconis Kampagnenleiter Antonio Palmieri ist die Aussage
überliefert, dass [2][mit Berlusconi die zeitgenössische politische
Kommunikation beginne]: die Personalisierung, der direkte Kontakt mit den
Wählern, deren Wünsche und Ängste wie bei Konsumenten haarfein analysiert
wurden.
Berlusconi habe dabei einerseits nichts dem Zufall überlassen, andererseits
sich selbst, seinen Launen und Eingebungen vollkommen freie Leine gegeben.
Das hat den überraschenden Effekt, dass der zeitgenössische populistische
Führer völlig originell und viel spontaner als die alte Funktionärsriege
wirkt, obwohl seine Organisation das Publikum sehr viel mehr durchleuchtet
und am Zügel hat als die traditionellen Parteien.
Trotz aller Manipulierungsversuche während der Rede gab sich Goebbels aber
nicht zufrieden. „Er ließ für die Druckfassung Korrekturen wie
‚langanhaltender, stürmischer Beifall‘ an Stellen einfügen, die seiner
Meinung nach in der Realität nicht genug beklatscht wurden“, schreibt
Pietreck, um dann die überraschende Volte zu schlagen, dass die
Sportpalastrede in ihrer Wirkung „überschätzt“ werde und wir sozusagen noch
immer der Nazipropaganda auf den Leim gingen.
Die freie Presse im Ausland blieb unbeeindruckt, und auch in
Nazideutschland selbst hieß es im Geheimdienstbericht, „dass sich die
Wirkung der Berliner Propaganda-Inszenierung nicht per Rundfunk und andere
Medien auf die allgemeine Bevölkerung im Lande übertragen ließ“.
Die Claque und die Inszenierung sind also nicht alles; und je lauter,
drängender und pompöser sie werden, desto peinlicher sind sie auch. Je
schriller der Endsieg verkündet wird, desto näher ist die Niederlage, auch
der Trumps und Putins, der [3][Siegmunds] und [4][Wagenknechts] – so dürfen
wir jedenfalls hoffen.
Pietreck hat ein trotz wissenschaftlichen Jargons höchst anregendes Buch
geschrieben, das Sie allerdings angesichts des hohen Preises wohl am besten
in der öffentlichen Bibliothek Ihres Vertrauens entleihen: eine
Institution, die dann wirklich mal unseren uneingeschränkten, ja
frenetischen Applaus verdient hat!
13 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7893-2/zwischen-klatschen-und-klickzahl/?number=978-3-8394-2826-9
(DIR) [2] /Silvio-Berlusconi-wird-80/!5340803
(DIR) [3] /Pressefreiheit-in-Deutschland/!6220568
(DIR) [4] /Landtagswahlen-in-Ostdeutschland/!6178667
## AUTOREN
(DIR) Ambros Waibel
## TAGS
(DIR) Medienwissenschaft
(DIR) Bühne
(DIR) Social Media
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