# taz.de -- Verfahren gegen Manchester City: Die besten Trickser und Verteidiger
       
       > Die Premier League will ManCity wegen Betrugs bestrafen. Doch ist der aus
       > den Vereinigten Arabischen Emiraten finanzierte Klub zu groß für den
       > Fußball?
       
 (IMG) Bild: Düstere Zeiten für Manchester City? Ausnahmestürmer Erling Haaland trauert nur um eine vergebene Torchance
       
       Lapidar formuliert läuft von nun an das Team von Manchester City mit dem
       Premier-League-Etikett „Betrüger“ auf. Erstmals [1][seit dem
       aufsehenerregenden Schuldspruch] der Ligakommission Ende September wird am
       Sonntag der englische Tabellenführer wieder ein Pflichtspiel bestreiten.
       Das von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) am meisten mit Geld und
       Sportswashing-Absichten überhäufte Fußballteam tritt dann ausgerechnet beim
       FC Liverpool, dem größten Rivalen der vergangenen Jahre, an. Die Polizei,
       so heißt es, werde verschärfte Sicherheitsvorkehrungen treffen. Glaubt man
       der Daily Mail, so ist auf den Rängen eine Art Großdemonstration geplant.
       
       Die Empörung in England über diesen Verein, der zu mehr als 80 Prozent der
       Unternehmensgruppe von Scheich Monsour bin Zayid bin Sultan Al Nahyan, dem
       Vizepräsidenten und stellvertretender Premierminister der Vereinigten
       Arabischen Emirate, gehört, ist in diesen Tagen riesig.
       
       Gewiss war zuvor schon der [2][Glaube an einen fairen Wettbewerb] in der
       Premier League nicht allzu weit verbreitet, was mit dem offensichtlich
       ausufernden Transferausgaben (3,6 Milliarden Euro) und den vielen
       Meistertiteln von ManCity (8) in den letzten 15 Jahren zu tun haben dürfte.
       So war dem kanadischen Nationaltrainer Jesse March, der zuvor Leeds United
       betreute, im aktuellen Trubel folgender Hinweis wichtig: „Übrigens: Alle
       wussten davon. Alle wussten Bescheid.“
       
       Aber die höchst akkurate Aufarbeitung der ManCity-Geschäfte durch von der
       Liga beauftragte unabhängige Rechtsexperten von der Saison 2009/10 bis
       2017/18 scheint nun erst fundierte Hoffnungen zu nähren, der Fußball könne
       mithilfe strengerer Regelwerke zumindest die hemmungslosesten und
       prestigesüchtigsten Investoren in die Schranken weisen. Die im Spiegel
       veröffentlichen Recherchen [3][der Enthüllungsplattform „Football Leaks“]
       waren Anlass für die Untersuchungen.
       
       Nach fast vierjähriger Ermittlungszeit und Sichtung von zehntausenden
       Seiten verkündete die unabhängige Kommission der Premier League am 29.
       September, Manchester City sei in mehr als 100 Anklagepunkten schuldig. Mit
       Scheinverträgen seien die Einnahmen künstlich aufgeblasen und die Ausgaben
       entsprechend kleingerechnet worden. Die Verstöße gegen die Finanzregeln
       hätten sich in diesem Zeitraum auf einen Betrag von über 1 Milliarde Euro
       summiert. Es liegt also ein exorbitanter Betrug vor, der in den letzten
       Jahren Einfluss auf den sportlichen Wettbewerb nahm. Bereits in Aussicht
       gestellte Schadenersatzforderungen von anderen Vereinen oder
       Einzelpersonen, die sich um Titel und Einnahmen geprellt fühlen, könnten zu
       den Strafforderungen der Premier League noch hinzukommen.
       
       Weil Vereinen wie dem FC Everton oder Nottingham Forest in den letzten
       Jahren für deutlich geringfügigere Regelbrüche, welche beide Klubs zudem
       eingestanden, 8 beziehungsweise 4 Punkte in der Abschlusstabelle abgezogen
       bekamen, müsste Manchester City hochgerechnet Sanktionen befürchten, die
       mit dem Abstieg aus der Premier League oder gar der Aberkennung von Titeln
       verbunden wären. Zumal die festgestellte mangelnde Kooperation von
       Manchester City bei der Aufklärung eine zentrale Rolle beim Urteil spielt.
       Entsprechend konsequent uneinsichtig hat der Verein Einspruch gegen das
       Urteil der Premier League eingelegt.
       
       Wer jedoch mit harten Sanktionen für ManCity kalkuliert, könnte die Kraft
       der Premier League überschätzen und dessen hinzugewonnenen Partner gewaltig
       unterschätzen. Zwar ist die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate
       stets bemüht, das Projekt Manchester City als das private Vergnügen eines
       Mannes kleinzureden, der zufälligerweise eben auch Regierungsmitglied und
       Bruder des Präsidenten Muhammad bin Zayid ist, überzeugen aber konnte diese
       Darstellung bislang kaum jemanden.
       
       Es ist sicherlich kein Zufall, dass sich Großbritanniens Premierminister
       Andy Burnham beunruhigt über das Gedankenspiel äußerte, die Geldgeber von
       ManCity könnten sich wegen des aktuellen Schuldspruchs zurückziehen: „Ich
       würde mir große Sorgen machen, sie zu verlieren“, sagte er der BBC. Bis im
       Sommer 2026 war der Labour-Politiker fast ein Jahrzehnt Bürgermeister von
       Greater Manchester und lernte dabei die Investitionen der VAE in die Stadt
       zu schätzen. Das Vereinigte Königreich insgesamt profitiert von der
       Investitionsfreude des Golfstaats. Mehr als 35 Milliarden Euro sind so seit
       2021 ins Land geflossen, unter anderem in die Bereiche Verteidigung,
       Biowissenschaften und Technologie. Und laut der Nachrichtenagentur
       Bloomberg sollen Bedienstete der VAE in Gesprächen angedeutet haben, eine
       drakonische Strafe für Manchester City könnte diese
       Investitionsbereitschaft mindern.
       
       Von den oppositionellen konservativen Tories wurde Premierminister Burnham
       hart für seine Parteinahme zugunsten der Manchester-City-Eigner kritisiert.
       Allerdings übte einst Tories-Politiker und Premierminister Boris Johnson im
       Jahr 2020 großen Druck auf die Premier League aus, als es darum ging, den
       Weg für die [4][umstrittene Übernahme von Newcastle United] durch ein
       saudi-arabisches Konsortium zu ebnen. Wie der Guardian im Nachhinein 2022
       berichtete, erzählte Gary Hoffmann, der Vorsitzende der Premier League, den
       Vertretern der 20 Premier-League-Klubs freimütig davon und versicherte
       diesen, man habe sich davon nicht beeinflussen lassen. Zur Übernahme kam es
       jedenfalls im Jahr 2021.
       
       Dass die Premier League im Vergleich zu früher strenger versucht, ihre
       Finanzregeln durchzusetzen, hat mit etlichen zwielichtigen Investoren der
       letzten Jahre zu tun. Sie hinterließen hochverschuldete und
       funktionsuntüchtige Vereine wie etwa Leicester City, den Meister von 2016,
       der heute nur noch drittklassig spielt.
       
       Glaubwürdig ist das allerdings nur, wenn Konstrukte wie Manchester City
       oder Newcastle United keine Sonderbehandlung erfahren. Zu der City Football
       Group, die von ManCity als Topklub angeführt wird, zählen übrigens fast ein
       Dutzend weitere Klubs wie etwa der spanische Zweitligist FC Girona oder der
       französische Erstligist ES Troyes AC. Die Lage ist kompliziert. Der
       europäische Fußballverband Uefa hat sich bislang mit Äußerungen zum
       konkreten Fall zurückgehalten. Laut Rui Pinto, dem Gründer von Football
       Leaks, stand der heutige Fifa-Chef Gianni Infantino bis 2016 in seiner
       Rolle als Uefa-Generalsekretär Investorenklubs wie Manchester City oder
       Paris Saint-Germain in Bedrängnis hilfreich zur Seite.
       
       Als 2019 die Uefa ManCity wegen Verstößen gegen Financial Fair Play für
       zwei Jahre aus der Champions League ausschloss, milderte der Internationale
       Sportgerichtshof die Sanktion in eine Geldstrafe ab. In der Uefa selbst
       gibt es einen Konflikt zwischen Kräften, die sich für mehr oder weniger
       Kontrolle einsetzen.
       
       Prominenteste Figur der letzteren Gruppierung ist der Katari Nasser
       Al-Khelaifi, der sich mit allerlei Ämtern eine gute Ausgangsposition
       verschafft hat. Er ist Vorsitzender der Sportsparte von Katars Staatsfonds,
       der beispielsweise Paris Saint-Germain kontrolliert, Präsident von Paris
       St.-Germain, Vorsitzender der Interessenvertretung der europäischen
       Fußballvereine (ECA) und Exekutivmitglied der Uefa. Und er ist gewiss kein
       Freund von strengen Strafen für Manchester City, weil diese seinen Klub
       ebenfalls angreifbar machen würden.
       
       Seine komfortable Ausgangslage hat er auch prominenten politischen Kräften
       zu verdanken. Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte
       2010 in den Élysée-Palast eingeladen, um die Rettung von Paris St.-Germain
       durch katarisches Geld mit der Stimmabgabe für die WM in Katar zu
       verbinden. Dies war der Startschuss für Al-Khelaifis wundersame Karriere
       zum wohl mächtigsten Fußballfunktionär Europas.
       
       Derlei Verbindungen und die heißen Drähte ins Königshaus der Vereinigten
       Arabischen Emirate ermöglichen es den Führungskräften von Manchester City,
       allergrößte Gelassenheit auszustrahlen. Der Schweizer Nationalspieler und
       ehemalige City-Profi Manuel Akanji berichtete jüngst, er habe mit
       ehemaligen Teamkameraden in Manchester gesprochen: „Es hieß, wir sollen
       ruhig bleiben, sie haben alles unter Kontrolle, es sei nichts Großes
       passiert. Ich vertraue den Verantwortlichen bei ManCity, dass es auch
       stimmt.“
       
       Es ist davon auszugehen, dass das Strafmaß, das aus dem Schuldspruch der
       Premier League zu folgen hat, erst einmal mit allen Mitteln der
       juristischen und politischen Kunst verformt wird.
       
       Und die [5][Sportwashing-Experten] aus den Golfstaaten können darauf
       setzen, dass die Empörungsbereitschaft des durchschnittlichen europäischen
       Fußballkonsumenten nicht allzu groß ausfallen wird. Schließlich haben sie
       in den letzten Jahren großen Gefallen daran gefunden, wenn die allergrößten
       Fußballstars sich in der Champions League auf wenige Teams konzentrierten.
       Wenn kommenden Mittwochabend Manchester City dann Paris St.-Germain
       empfängt, wird dieses Spektakel vom TV-Publikum kaum aufgrund der aktuellen
       Vorkommnisse boykottiert werden.
       
       Wer will schon das Gipfeltreffen mit Erling Haaland und Rayan Cherki auf
       der einen Seite sowie Chwitscha Kwarazchelia und Ousmane Dembélé auf der
       anderen Seite verpassen?
       
       9 Oct 2026
       
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