# taz.de -- Blindenfußball: Wachstum, aber wohin?
> Im Frauen-Blindenfußball gibt es nun ein Nationalteam, aber keine Liga.
> Manche Männer träumen vom Profitum. Wie Inklusion und Spitzensport
> zusammen?
(IMG) Bild: Thoya Küster (l.) vom FC St. Pauli bei einem internationalen Turnier in Hamburg
Pass kommt“, ruft Thoya Küster. Ihr Ball kommt scharf vom rechten Flügel
und geht zwischen den Beinen der Gegner:innen hindurch vors Tor, direkt
vor die Füße des Teamkameraden. Der nimmt an und vergibt knapp. Es ist eine
Szene, wie sie bei Fußballspielen tausendmal vorkommt. Und sie zeigt, wie
enorm sich Blindenfußball in den letzten 20 Jahren in Deutschland verändert
hat.
„In der Anfangszeit sind wie beim Kinderfußball alle auf den Ball drauf,
ohne Raumverteilung“, erinnert sich Wolf Schmidt, seit 2009 Trainer [1][des
Blindenfußball-Bundesligisten FC St. Pauli] und seit 2022 des neu
gegründeten Nationalteams der Frauen. „Es gab anfangs oft Spiele, wo der
Ball liegen blieb und der Schiri ihn antippen musste. Guten Blindenfußball
erkennt man daran, dass es das nicht mehr gibt. Der Ball ruht bei uns keine
Sekunde.“
Welch enorme Entwicklung die Sportart gemacht hat, illustrieren die
Blindenfußballer:innen des FC St. Pauli an einem sonnigen Nachmittag
auf ihrem Gelände an einer Hamburger Blindenschule. Sie sind eines der
Topteams der Bundesliga, vier Deutsche Meisterschaften in den letzten zehn
Jahren. Die Gegner:innen heute sind eine Gruppe interessierter
Bildungsurlauber:innen, die noch nie Blindenfußball gespielt haben. Ein
rasselnder Ball und die Rufe sehender Guides sowie angreifender
Spieler:innen helfen bei der Orientierung. Dunkelbrillen sorgen für
gleiche Voraussetzungen. Doch gleich sind die Voraussetzungen natürlich
nicht wirklich.
Das Gastteam tappt orientierungslos über den Platz, hat kaum je den Ball.
Indes dribbeln und [2][treffen die 20-jährige Thoya Küster], die ihr
Trainer als „beste Blindenfußballerin Deutschlands und vielleicht Europas“
bezeichnet, und ihre Mitspieler:innen nach Belieben. Sie spielen auch
Pässe ohne Sicht – die ganz hohe Schule. Schmidt erinnert sich, wie ihnen
in der ersten Ligasaison nur ein einziges Tor gelang. Diese Saison waren es
56. „Wir haben uns unfassbar gut entwickelt.“
20 Jahre Jubiläum feiert Blindenfußball dieses Jahr in Deutschland. Spät
ist die Bundesrepublik damit dran gewesen; in Brasilien etwa wird seit den
1960ern gespielt, Blindenschulen dort entwickelten die Fußballvariante.
Doch Blindenfußball ist kein statischer Wohlfahrtssport, er verändert sich
rasant. Und so stellt man sich auch bei St. Pauli Fragen: Wie viel
Kapitalismus tut dem Sport gut? Soll er vor allem inklusiv oder doch
allmählich leistungsorientierter sein? Wie schafft man es, alle
mitzunehmen, während Talente sich schon nach einer Profikarriere sehnen?
## Nationalteam von Küsters Klasse abhängig
In wohlmeinenden Blindenfußballreportagen kommen diese Diskussionen kaum
vor. Regelmäßige, ernsthafte Sportberichterstattung gibt es kaum,
journalistische Debattenbeiträge schon gar nicht. Dabei wären sie wichtig
für die großen Zukunftsfragen.
Thoya Küster, da sind sich viele einig, wird in dieser Zukunft eine große
Rolle spielen. Seit Jahren gilt die Hamburgerin als Supertalent im
deutschen Blindenfußball. Schon mit neun Jahren hat sie angefangen zu
kicken. Die meisten anderen Frauen sind erst seit kurzem dabei. Das
Nationalteam der Frauen ist extrem von Küsters Klasse abhängig. „Frauen
haben es schwerer, sich durchzusetzen, wenn sie nur mit Männern spielen“,
sagt Küster. „Es gab lange zu wenige Spielerinnen und sie wurden nicht
gefördert.“
Denn ja, auch im Inklusionssport Blindenfußball gibt es das Patriarchat.
Eine Frauen-Bundesliga existiert bis heute nicht. Es wird mixed gespielt,
was laut Küster real 90 Prozent Männer bedeutet. Und das Spiel sei so hart
und schnell geworden, dass es für unerfahrenere Frauen als Küster schwer
ist, mitzuhalten.
Der FC St. Pauli hat daher 2022 das erste reine Frauenteam Deutschlands
gegründet. Folglich besteht das Nationalteam größtenteils aus Frauen des FC
St. Pauli – und musste per Crowdfunding Geld einsammeln, um zu WM und EM
fahren zu können. Anders als die Männer, die von der
Sepp-Herberger-Stiftung des DFB und dem Deutschen Behindertensportverband
(DBS) gefördert werden.
## Verwerfung zwischen Nationalteam und Verbänden
Förderung für die Frauen soll es erst nach der Gründung einer eigenen
Frauenliga geben und [3][wenn es bei den Paralympics] einen reinen
Frauenwettbewerb gibt. Das sorgte für tiefe Verwerfungen zwischen
Nationalteam und Verbänden. Küster bleibt diplomatisch. An Geld oder eine
Profikarriere denke sie im Moment gar nicht. „Wir müssen erst mal die
Strukturen aufbauen. Mehr Frauen reinholen, mehr in die Jugend stecken,
neue Vereine reinholen.“
Dreimal pro Woche trainiert sie, nebenher studiert sie. Blindenfußball habe
in den letzten drei Jahren durchaus mehr Sichtbarkeit bekommen. „Er wächst
– aber nicht schnell genug.“ Doch wie schnell und weit soll er wachsen?
Ihr sehender Trainer Wolf Schmidt ist unschlüssig. In Brasilien, erzählt
er, könne man mittlerweile Profi werden. Konzerne, die nicht ausreichend
Mitarbeiter:innen mit Beeinträchtigung einstellen, unterhielten dort
als eine Art Kompensation ein Blindenfußballteam. „Als Europäer muss man
dafür schon richtig gut sein. Es gibt so viele Blinde in Brasilien und nur
die oberste Spitze schafft es in die Teams. Der gesellschaftliche Auftrag
geht dabei verloren.“
Kann man Leistungssport und Inklusion zusammenbringen? In vielen Ländern
kicken Blinde und Sehbeeinträchtige mittlerweile getrennt. In Deutschland
dagegen dürfen die Klassen B1 bis B4 gemeinsam spielen. „Einerseits ist
Deutschland deswegen international nicht gut genug, andererseits hat es ein
inklusives Element“, sinniert Schmidt. St. Pauli bietet neben der
Bundesligagruppe auch eine Basisgruppe an. Wolf Schmidt ist das wichtig für
den Auftrag, alle mitzunehmen.
## „Social Washing“
Doch auch in der Basisgruppe bildeten sich eben immer wieder Topspieler
heraus, plötzlich gehe es doch um Leistung. „Die Spieler, die dabei nicht
mitkommen, vor allem die mit Mehrfachbehinderungen, verlassen uns. Das wird
die Aufgabe für die nächsten Jahre: in die Breite gehen und trotzdem um die
Meisterschaft mitspielen.“
Unter den jüngeren Spielern bei St. Pauli gibt es jetzt ein paar, die Profi
werden wollen. Die Ligen verändern sich, auch in Deutschland. In den ersten
Jahren prägten unabhängige Klubs die Liga, der MTV Stuttgart etwa oder
Blista Marburg. Das hatte vor allem Standort-Gründe: Die Blista in Marburg
ist eine große Blindenstudienanstalt.
Mittlerweile aber haben die großen Männerprofiklubs den Blindenfußball
entdeckt. „Social Washing“ nennt Schmidt das, obwohl ja auch der FC St.
Pauli ein Großklub ist, der von seinen erfolgreichen
Blindenfußballer:innen als Marke profitiert. Über die Jahre haben
Borussia Dortmund, Schalke 04 und Hertha BSC kleinere lokale Teams
übernommen, 2026 schloss sich auch der 1. FC Köln der Liga an. 2025 ging
die Meisterschaft erstmals an den BVB.
Dortmund habe drei türkische Gastspieler, berichtet Schmidt – ein zarter
Schritt in Richtung Wechselgeschäft und Profitum. Der Trainer hält das für
ein Problem. Deutscher Nachwuchs habe dadurch weniger Chancen. „Investition
ist gut, aber es muss auch ein Konzept dahinter stehen.“ Doch auch St.
Pauli selbst genießt Vorteile: Das Team hat einen eigenen Sponsor, ein
Glück, über das nur wenige Bundesligisten verfügen. „Da werden wir in der
Liga schon ein bisschen kritisch beäugt“, räumt Schmidt ein. „Leute fragen
sich: Wird das jetzt die neue Hegemonie?“
## Zu viele Akteure in Deutschland
Die Machtverhältnisse sind im Umbruch. Und die deutschen Verbände? Thoya
Küster und Wolf Schmidt loben die Bedingungen in England, wo die
Blindenfußballer:innen der FA unterstellt sind. Sie haben
professionellen Staff, exzellente medizinische Betreuung, mehr mediale
Sichtbarkeit und duale Karrieren etwa bei der FA. In Deutschland dagegen
mischen viele Köche irgendwie mit.
Die Bundesliga wird von drei verschiedenen Institutionen organisiert: Der
Herberger-Stiftung des DFB, dem DBS und dem Deutschen Blinden- und
Sehbehinderten-Verband. „Für die Sepp-Herberger-Stiftung ist Blindenfußball
vor allem ein Marketing-Instrument“, klagt Schmidt. „Und für den DBS ist
Blindenfußball wenig interessant, weil man nur eine paralympische Medaille
holen kann. England ist ein Beispiel dafür, was möglich ist, wenn ein
Verband sich der Sache annimmt.“
Er wünscht sich so was auch für Deutschland: einen effizienten Aufbau von
nachhaltigen Strukturen, ob nun durch einen Verband oder eine föderale
Ordnung. Dringend nötig wäre das wohl auch, um eine Frauen-Bundesliga zu
schaffen – und damit endlich Förderung zu erhalten. Thoya Küster erzählt,
Blindenfußballteams entstünden meist eher zufällig dort, wo sich Menschen
mit Sehbeeinträchtigung zusammenfinden.
Viel zu oft dagegen gibt es den umgekehrten Fall: Menschen, die gerne
kicken würden, aber kein Team in ihrer Nähe haben. Teams, die keine
Gegner:innen finden. Oder Menschen, die erst gar nicht mit
Blindenfußball in Berührung kommen, weil es kein Angebot gibt. Wolf Schmidt
formuliert es so: „Die Herausforderung ist die Landkarte. Wir müssen die
Landkarte mit Teams füllen.“ Und auch die Frage, welcher Sport am Ende
stehen soll, der eher inklusive oder der professionelle, muss noch
beantwortet werden.
9 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://fcstpauli-blindenfussball.de/de/
(DIR) [2] /Blinde-Fussballerin-Thoya-Kuester/!5864573
(DIR) [3] https://www.teamdeutschland-paralympics.de/sportarten/details/blindenfussball
## AUTOREN
(DIR) Alina Schwermer
## TAGS
(DIR) Fußball
(DIR) Blinde Menschen
(DIR) Inklusion
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