# taz.de -- Berliner SPD nach der Wahl: Der Totengräber der SPD legt die Schaufel weg
> Fünfzehn Jahre war Raed Saleh Fraktionsvorsitzender der SPD in Berlin.
> Unter seiner Ägide sank die Partei von 28 auf 12 Prozent. Nun geht er.
(IMG) Bild: Raed Saleh nach seiner Wahl zum SPD-Fraktionschef 2011
Als Raed Saleh 2011 erstmals zu ihrem Vorsitzenden gewählt wurde, zählte
die SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus 47 Mitglieder. 32 Abgeordnete
votierten damals überraschend für den 34-jährigen Spandauer Abgeordneten
und Kreisvorsitzenden Raed Saleh.
Nach der Wahl vom Sonntag kommt die SPD-Fraktion im neuen Landesparlament
noch auf 22 Mitglieder. Saleh hat die SPD im Abgeordnetenhaus mehr als
halbiert. In dieser Woche trat der machtbewusste Fraktionschef zurück. Er
beendet eine Ära in der Berliner SPD, die Ära einer Partei in den Händen
eines Strippenziehers.
Unumstritten war der 1977 in Sebastia im Westjordanland geborene Politiker
nie gewesen. Trotz seiner Aufsteigergeschichte, die ihn von der Küche eines
Burger-Restaurants in die Geschäftsführung der Filiale und schließlich in
die SPD führte, versprühte er – anders als nun Elif Eralp – wenig Glamour.
Vielen Abgeordneten ist eher sein robuster Führungsstil im Gedächtnis
geblieben.
Der Unmut über Saleh entlud sich 2017 in einem offenen Brief, den 14
Mitglieder der damals 38-köpfigen Fraktion unterschrieben hatten. Die Liste
der Versäumnisse, die dem Fraktionschef unter die Nase gerieben wurden, war
lang. Der wichtigste Vorwurf: Saleh unterdrücke in der SPD inhaltliche
Debatten, und sein persönliches Fortkommen sei ihm wichtiger als die Ziele
der Partei.
Sechs Jahre später wurde deutlich, wie recht die Kritikerinnen und Kritiker
hatten: Zusammen mit Franziska Giffey führte Saleh die Berliner SPD nach
der Wiederholungswahl 2023 in eine Koalition mit der CDU unter Kai Wegner –
obwohl es eine Mehrheit für Rot-Grün-Rot gegeben hätte. Für viele in der
Partei war das der schwerste Sündenfall der jüngsten Geschichte.
## Grandios gescheitert
Nie hat Raed Saleh einen Hehl daraus gemacht, dass er sich zu Höherem
berufen fühlte. Als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit wegen der
verschobenen BER-Eröffnung 2016 das Handtuch warf, kandidierte auch Saleh
für seine Nachfolge. Beim anschließenden Mitgliederentscheid kam er dagegen
abgeschlagen auf Platz drei. Neuer Regierungschef wurde Michael Müller.
Auch beim Griff nach dem Landesvorsitz war Saleh zuletzt grandios
gescheitert. Zwar hatten er und Franziska Giffey den Vorsitz von 2020 bis
2024 inne. Nach der Wiederholungswahl aber waren sie zum Rückzug gedrängt
worden. Beim anschließenden Mitgliederentscheid kam Saleh mit seiner
Mitbewerberin um den Co-Vorsitz, Luise Lehmann, [1][auf gerade mal 15,6
Prozent der Stimmen].
Die Basis, das zeigen diese Voten, traute Saleh weder zu die Stadt zu
führen noch die einst stolze Berlin-Partei SPD. Anders war es bei den
Funktionären. Immer wieder schaffte es Saleh, die Fraktion als Machtzentrum
der Partei gegen den Landesverband, aber auch die SPD-Senatorinnen und
-Senatoren in Stellung zu bringen. Dabei half ihm auch sein Standing bei
der CDU. Deren Fraktionschefs schätzten seine Verbindlichkeit. Selbst Kai
Wegner rauchte mit Saleh Shisha, wenn es darum ging, Absprachen zu treffen.
Politisch hat sich Saleh allerdings nie festgelegt. [2][Mal gab er den
linken Populisten], mal den Law-and-Oder-Scharfmacher. Bis zuletzt war er
keinem Lager zuzuordnen. Diejenigen Abgeordneten, die ihn unterstützen,
kamen sowohl aus dem konservativen als auch aus dem linken Parteiflügel.
## Krach ist der neue starke Mann
Vielleicht begann der Anfang vom Ende der Karriere des Raed Saleh mit
seiner Niederlage im Kampf um den Parteivorsitz 2024. Den neuen
Vorsitzenden Martin Hikel und Nicola Böcker-Giannini kam bald auch die
Aufgabe zu, einen Spitzenkandidaten für die Wahl zum Abgeordnetenhaus 2026
zu finden. Parteiübergreifend geschätzt sollte der sein, vor allem aber
zwei ungeliebte Genossen verhindern: Franziska Giffey und Raed Saleh.
Der Mann, auf den die Wahl schließlich fiel, war Steffen Krach, einst
Wissenschaftsstaatssekretär unter Michael Müller, später Regionspräsident
in Hannover. Auffallend war, dass die meisten Sozialdemokraten Krach im
Wahlkampf unterstützten. Nur einer hielt sich vornehm zurück: Raed Saleh.
Wieder einmal, dachten viele in der SPD, hielt er sich alle Optionen offen.
Bis zuletzt hat der Spandauer daran gearbeitet, die 22-köpfige Fraktion
wieder leiten zu können. Doch dann wurde ihm klar, dass er keine Mehrheit
mehr hat. So implodierte am Ende die Macht eines ebenso begnadeten wie
gefürchteten Strippenziehers. Trotz seiner Niederlage am vergangenen
Sonntag ist Krach der neue starke Mann der Berliner SPD. [3][Sogar die
Jusos haben ihm ihre Unterstützung zugesichert].
So wie er gekommen ist, ist Saleh gegangen. Überraschend und mit einem
Paukenschlag. Sein Vermächtnis? Gut möglich, dass er als Totengräber der
Berliner SPD in die Geschichte eingehen wird. Einer, der immer weiter
geschaufelt hat an der Grube und lange nicht selbst hineinfiel.
Saleh selbst, so ließ er in dieser Woche mitteilen, werde als einfacher
Abgeordneter weitermachen. Von Spandau in die Landespolitik und zurück.
Dieses Schicksal teilt er mit seinem Shisha-Kumpel Kai Wegner.
25 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Uwe Rada
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