# taz.de -- Essay über Moralisieren als Waffe: Gesellschaft im Daueralarm
       
       > In seinem Essay „Moralisieren als Waffe im Kulturkampf“ entlarvt der
       > Psychologe Fritz B. Simon die gesellschaftliche Dauerempörung als
       > politische Machtstrategie.
       
 (IMG) Bild: 2012 forderten Tausende Gerechtigkeit für Trayvon Martin, Florida, USA
       
       Klimafolgenforschung – purer Moralismus. Gendersprache – nichts als
       Ideologie. Diffamierung und Dauerempörung prägen seit Jahren immer stärker
       den öffentlichen Diskurs. Die Klage darüber ist nicht neu. Der Psychiater
       und Organisationsberater Fritz B. Simon betrachtet das Phänomen einmal ganz
       anders: Mit den Mitteln der Systemtheorie von Niklas Luhmann zeigt er auf,
       wie das Wissenschaftssystem und andere gesellschaftliche Subsysteme wie das
       Rechtssystem oder der Journalismus, durch eine „Moralisierung zweiter
       Ordnung“ in die Mangel genommen werden.
       
       Nicht innerhalb der Systeme, die über klare spezifische Funktionsregeln
       verfügen, findet die Moralisierung statt. Vielmehr handelt sich bei dem,
       was Simon „Moralisierung 2.0“ nennt, um eine politische Strategie: Durch
       den Vorwurf, wissenschaftliche Erkenntnisse oder Gerichtsentscheidungen
       seien moralisch begründet, würden Erkenntnisse, die unter Einhaltung der
       Normen des Wissenschafts- oder Rechtssystems gewonnen wurden,
       disqualifiziert. Die Erkenntnisse, die diese Systeme hervorbringen, könnten
       so als von „Gutmenschen“ erdachte „Fake News“ politisch ignoriert werden.
       
       „Der Fokus der Aufmerksamkeit wird von der Sachebene auf die Ebene der
       Moral verschoben“, beobachtet Simon. Diese basiert nach Luhmann auf
       informellen und gesellschaftlich tradierten Vorstellungen von gut und böse
       beziehungsweise anständig-unanständig und entscheidet über
       gesellschaftliche Achtung oder Missachtung. Luhmann spricht von einer
       „Alarmierfunktion“ der Moral.
       
       Deren Beginn verortet Simon in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der
       1960erjahre, die ihre Fortsetzung in der Forderung nach
       Political-Correctness in den 1980er- und 1990erjahren gefunden habe und
       heute in Wokismus und Cancel Culture weiterlebe.
       
       Den Freispruch des Polizisten, der 2012 den afroamerikanischen Jugendlichen
       Trayvon Martin erschossen hatte, nennt Simon „ein gutes Beispiel dafür,
       dass Moralkommunikation alarmiert, wenn ein Funktionssystem nicht zur
       Lösung eines gesellschaftlichen Problems beiträgt, sondern es sogar noch
       verstärkt.“
       
       Dass sich der gesellschaftliche Fokus auf weitere Formen gesellschaftlicher
       Ungleichheit und erlebter Ungerechtigkeiten ausgeweitet habe, führte dem
       Autor zufolge zu immer weiteren kommunikativen Grenzziehungen zwischen
       gesellschaftlichen Gruppen. Diese kommunizierten untereinander durch eine
       „Verachtungskommunikation“ – die mit der Verbreitung digitaler Medien an
       Schärfe gewinne, bis zum „hate speech“.
       
       Fritz B. Simon lenkt immer wieder den Blick darauf, dass Moralismus eine
       Machtstrategie ist: Jede öffentlich ausgetragene „Moralismus-Olympiade“, ob
       es nun um die Forderung nach dem Ausschluss Israels vom ESC gehe oder um
       die Frage, ob man noch Müllermilch trinken dürfe, sei ein Kampf um
       politischen Einfluss jenseits von Parteipolitik. Diesen führen, dem Autor
       zufolge, mächtige wirtschaftliche Interessengruppen – und einzelne
       [1][reiche, einflussreiche Männer], um politische Regulierung abzuwehren.
       
       Simons Diagnose, wonach wir in einer refeudalisierten, von
       Marktfundamentalismus getriebenen Gesellschaft lebten, untermauert er
       geschickt mit Nietzsches Konzept der „Herren- und Sklavenmoral“: Wir leben
       demnach in einer Gesellschaft der Herrenmoral, an deren Spitze wenige
       Reiche stehen.
       
       Den von ihnen Beherrschten bleibt nur eine Sklaven-Moral, in der die
       ([2][durch Populisten geschürte]) imaginierte Rache an „denen da oben“
       Ersatz für echten politischen Entscheidungsspielraum ist. Und eine
       Ablenkung von der Tatsache, dass ökonomische Akteure ihren durch den
       Siegeszug des Neoliberalismus eroberten Platz an der Spitze der
       Gesellschaft mit allen Mitteln verteidigen.
       
       Es ist schade, dass Simons Essay etwas abrupt bei der Klage über den
       libertären Primat der „Märkte“ endet – eine ausführlichere Analyse dieses
       Subsystems und seiner Schwächen hätte der Argumentation gutgetan. Trotzdem
       ist sein kühler Blick auf die Funktion der allgegenwärtigen
       Empörungsdebatten erhellend und bereichernd.
       
       4 Oct 2026
       
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