# taz.de -- Sensationsfund in Maastrichter Kirche: Der Musketier vor dem Altar
> Sind die Gebeine, die in einer Kirche gefunden wurden, wirklich vom
> großen d´Artagnan? Eine Seifenoper in sieben Akten über ein mysteriöses
> Skelett.
(IMG) Bild: Blick auf die Fundstelle des Skeletts, bei dem es sich um d’Artagnan handeln könnte
Nichts an dieser unscheinbaren Dorfkirche wirkt besonders. Und doch fallen
in der katholischen Sint-Petrus-en-Pauluskerk in Wolder, einem Vorort von
Maastricht, vor dem Altar gleich zwei Dinge auf. Rechts steht eine
lebensgroße Figur des heiligen Antonius, zu dem Gläubige beten, wenn sie
etwas wiederfinden wollen. Und da ist die kaum zehn Zentimeter hohe
Holzkonstruktion vor dem Altar, rund vier mal drei Meter groß,
braun-schwarz bemalt, ein verschlissener Perserteppich drauf. Möglichst
wenig auffallen will der flache Kasten, als gehöre er schon immer hierhin.
## Akt 1: Antonius hat geholfen
Wir wissen nicht, wie oft Wim Dijkman, 70, hier gestanden und Antonius um
Hilfe gebeten hat. Seit bald 30 Jahren sucht der Archäologe nach dem
Skelett von Charles de Batz de Castelmore, bekannter als d’Artagnan, der
berühmteste der vier Musketiere, spätestens seit dem Roman von
[1][Alexandre Dumas von 1844] und [2][zwei Verfilmungen 1973 und 1974].
Dann kam der Tag im Februar 2026. Heureka! Antonius hatte geholfen. Der
Boden war angeblich etwas abgesackt. Das musste man aus Sicherungsgründen
untersuchen. Die andere Version sagt, Dijkman hätte einfach auf gut Glück
losgebuddelt. Jedenfalls kam ein Skelett zum Vorschein. Das muss der große
d´Artagnan sein! Ehrenvoll begraben am zentralsten Ort der neugotischen
Kirche, die auf dem gleichen Steinboden steht wie die Vorgängerin im 17.
Jahrhundert.
Ist er es? Eine grandiose Seifenoper konnte beginnen, ähnlich dem Motto der
Musketiere „Einer für alle, alle für einen“, nur jetzt: „Einer für das
eine, alle gegen einen“.
## Akt 2: Die historischen Fakten
1673 hatten die Truppen des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. die
Festungsstadt Maastricht belagert. Eine Prestigeschlacht: Der König samt
Hofstaat war selbst zugegen. Man weiß, dass d´Artagnan in Wolder fiel, auch
das Datum: 25. Juni 1673. Durch eine Musketenkugel, heißt es – wer hätte
diesen Helden schon Mann gegen Mann mannhaft mit dem Säbel besiegen können?
Nur d´Artagnans sterbliche Überreste fand man nie.
Lange schon ehrt Maastricht den Ex-Feind. Es gibt ein d´Artagnan-Denkmal
samt bedrohlich gezücktem Säbel und eine d´Artagnan-Straße; „ein großer
Europäer“ wurde er in der Stadt der EU-Verträge schon genannt. Und jetzt
das Skelett? Wim Dijkman: „Es ist eines der größten Geheimnisse
Frankreichs. Sie können es kaum erwarten, dieses Rätsel zu lösen.“
## Akt 3: Der Archäologe
Seit 1985 war Dijkman als Archäologe bei der Stadt Maastricht beschäftigt.
Nach seiner Pensionierung wurde er verdienstvoll noch zum Ritter
geschlagen. Aber sein Lebenswerk war nicht vollendet. Bei einem Kongress in
Paris hatte er vor einem Vierteljahrhundert Odile Bordaz getroffen,
d’Artagnans Biografin. Sie gab ihm eine Art Auftrag: „Bist du Archäologe?
Dann musst du ihn finden.“ Für Dijkman wurde es zu einer lebenslangen
Mission, auch als Pensionär.
Die Kirche hatte Dijkman hineingelassen, unter Auflagen, behutsam und
vorsichtig zu sein, vor allem: nichts an die Öffentlichkeit, so Diakon Jos
Valke. Aber ein paar Wochen später war alles bekannt geworden.
Zwei Zähne und ein Knochenteil des Oberarms waren entnommen, zermahlen und
an der Uni München untersucht worden. Ergebnis: kein brauchbares
DNA‑Material. Neue Versuche, wieder nichts. Schon spotteten die ersten, am
Ende habe man statt eines Skeletts nur noch Skelettpulver, weiß aber immer
noch nicht, von wem.
## Akt 4: Die Festnahme des Archäologen
Dijkman handelte eigenmächtig ohne Auftrag der Stadt. „Ich hatte die
Erlaubnis der Kirche.“ Offenbar aber ging er, berauscht vom Fund, jenseits
aller Wissenschaftlichkeit vor. Millimeterweise hätte er den Fund
dokumentieren müssen. Jetzt fehlen Schädelteile, zudem wurde Fremd-DNA am
Skelett gefunden. Vielleicht seine eigene?
Diakon Jos Valke berichtet, es gebe ein Foto, da stehe Dijkmans im Grab
neben den Knochen – eine archäologische Todsünde. „Wenn man ausgräbt, muss
man Zentimeter für Zentimeter kartieren. Aber es wurde nichts dokumentiert.
Das ist natürlich eine unermessliche Schande.“ Dijkman sei „blind vor
Ehrgeiz“ gewesen. „Er hat mehr als 25 Jahre lang nach dem Grab gesucht. Und
dann hat er es auf den letzten fünf Metern vermasselt.“
Ende Mai: ein Paukenschlag. Die Polizei nimmt Wim Dijkman vorläufig fest,
weil er unrechtmäßig gegraben habe und Knochenteile auf eigene Faust in
München untersuchen ließ. Es stellte sich heraus, dass er zu Hause weitere
Überreste in einer Tupperdose aufbewahrte. Erst als er sie den Behörden
übergab, wurde er wieder freigelassen. Ein Strafverfahren läuft.
## Akt 5: Die offiziellen Untersuchungen
Im Juli gibt die Stadt Maastricht erste vermeintlich ernüchternde
Ergebnisse bekannt: Im Nierenbereich wurde ein metallischer Gegenstand
gefunden. Das sei aber keine Musketenkugel aus Blei, sondern ein
angerostetes Nagelteil aus Eisen. Nur: Spricht das gegen d´Artagnans
Identität oder gegen die Überlieferungen?
DNA-Nachweise? Immer noch nichts. Eine Analyse von Zahnschmelz ergab, dass
der Verstorbene viel Fisch zu sich nahm. Untypisch für einen
Inlandsfranzosen des 17. Jahrhunderts, aber auf Märkten wurde schon
gesalzener Fisch verkauft. Und schon damals aß ein guter Katholik freitags
Fisch.
Mittlerweile gibt es auch DNA von zwei Nachfahren. Die liegt in München,
und die rücken die Ergebnisse nicht raus, angeblich Datenschutz. Eitelkeit
mutmaßt Maastrichts heutiger Chefarchäologe Gilbert Soeters. [3][Er
schimpfte in der Regionalzeitung de Limburger über die Deutschen]: „Sie
haben mit menschlichen Überresten gearbeitet, die illegal ausgegraben und
illegal über die Grenze gebracht wurden. Das könnte ihnen durchaus einen
Reputationsschaden einbringen, wenn sie wissenschaftlich veröffentlichen“
wollten. „Guerre d’archéologues“, schrieb Le Monde in Paris: Krieg der
Archäologen.
## Akt 6: Der Glaube des Kantors
Seit Monaten ist das Skelett jetzt schon bei SpezialistInnen an der
Universität Deventer. Belastbare DNA-Ergebnisse kämen kaum noch in diesem
Jahr, heißt es.
In Wolder beginnt derweil an diesem Augustabend die Messe: Der Kantor
stimmt mit kräftigem Timbre das erste Lied an. Das Mitsingen der Gemeinde
fällt bescheiden aus. Nachgezählt: Drei Gläubige sind in die Messe
gekommen.
Wie anders noch im März: Da standen, wie de Limburger nach den ersten
Meldungen über den Knochenfund etwas indigniert berichtete, gleich am
nächsten Tag erste Gruppen von RentnerInnen vor der Kirchenpforte, um einen
Blick auf den berühmten Leichnam zu erhaschen. Die nächste Messe war voll.
Der Kantor lässt uns zum Abschied optimistisch wissen: „Es ist wirklich
sehr unwahrscheinlich, dass er es nicht ist.“ Diakon Valke: „Er ist es zu
99,9 Prozent.“
## Akt 7: Kuckuckskind?
Und wenn die DNA am Ende doch nicht übereinstimmt? Dann können
Legendengläubige sich immer noch an diese Volte klammern: Unter d´Artagnans
Nachfahren war vielleicht ein Kuckuckskind, das den Abgleich jetzt
verfälscht, zu einem nicht korrekt negativen Ergebnis. Ohnehin wird es Zeit
für eine Neuverfilmung: „Der letzte Kampf um den einen Musketier“.
Vorspann: „En garde!“
24 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kochbuch-von-Autor-Alexandre-Dumas/!5703401
(DIR) [2] /Die-drei-Musketiere-im-Kino/!5924725
(DIR) [3] https://www.limburger.nl/regio/maastricht/voor-het-eerst-doet-archeoloog-die-oud-collega-wim-dijkman-aangaf-zijn-verhaal-waarom-zou-juist-dit-skelet-van-dartagnan-zijn/158147152.html
## AUTOREN
(DIR) Bernd Müllender
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