# taz.de -- Ana-Mendieta-Retrospektive in London: Wie eine Pharaonin auf dem Rücken
> Ana Mendieta verhandelte in ihrer feministischen Kunst das Verhältnis von
> Körper und Ort. Die Londoner Tate zeigt nun ihr beeindruckendes Werk und
> setzt bewusst Leerstellen.
(IMG) Bild: Ana Mendieta, „Bird Run“ von 1974
Auf der rauen Betonwand flimmert Wasser, dessen Oberfläche der Wind in
Bewegung setzt. In dem Video, das an die Wand der Tate Modern projiziert
wird, bilden zwei Linien aus Sand die Silhouette eines Körpers. Hindurch
läuft das Meer der Insel Key Biscanye, das Florida und Kuba wenige hundert
Kilometer voneinander trennt. Der achtminütige Film „Ochún“ der kubanischen
Künstlerin Ana Mendieta ist Teil der großen Retrospektive in der Londoner
Tate.
Gleich zu Beginn führt das Video in ein zentrales Motiv der Künstlerin ein:
ihre Flucht als junges Mädchen aus Kuba ins Exil nach Amerika und der
stetige Wunsch, sich mit ihrer Herkunft zu verbinden. Gleichzeitig verweist
die sich im Wasser auflösende Figur auf Prozesse spiritueller Transzendenz
und Transformation. Diese Themen tauchen in ihrer Genre übergreifenden
Kunst immer wieder auf.
Das Video stammt aus ihrer weltbekannten Serie „Silueta“, die Mendieta 1973
startete und zu der heute rund 200 Werke zählen. Dabei arbeitete sie zu
Beginn mit ihrem Körper, später nur noch mit dessen Silhouette und
Materialien wie Sand, Wasser, Blumen, Federn, Baumzweige, Moos oder Feuer.
In einer ihrer bekanntesten Fotografien „Imágen de Yágul“, die den Anfang
dieser Serie markiert, liegt die Künstlerin wie eine Pharaonin auf dem
Rücken, umrandet von Steinen und fast vollständig bedeckt von weißen
Blumen. In dem Video „Alma, Silueta en Fuego“ brennt eine Silhouette aus.
Mendieta bezeichnete ihre Arbeiten als „Earth Body Art“, bei denen die
Verbindung von Körper und Erde im Zentrum steht. Sie grenzte sich dabei
bewusst von Künstler*innen der Land Art wie Walter de Maria [1][oder
Nancy Holt] ab, die vorhandene Landschaften als Material verwendeten und
sie teils in gigantischem Ausmaß nachhaltig veränderten. Der Mensch ist in
Mendietas Werk nicht der Mittelpunkt und Herrscher*in über die Erde, so
wie in westlichen Kulturen, sondern Teil davon. So sieht man in dem Video
„Grass Breathing“ einen Rasen, der sich bewegt, als würde er atmen. Erst
auf den zweiten Blick versteht man, dass Mendieta selbst unter dem grünen
Rasen liegt und den Boden mit ihren Atemmuskeln aktiviert.
## Gottheiten aus Kalkstein, die es nur noch auf Film gibt
Herkunft und Identität sind bei Mendieta, die 1948 in Havanna geboren
wurde, ein wiederkehrendes Thema. Als die Künstlerin 1981 erstmals nach
Kuba zurückkehrte, entstand ihre Werkserie „Esculturas Rupestres“ in
Havanna. Die Künstlerin meißelte Taíno-Göttinnen, Gottheiten der indigenen
Völker der Westindischen Inseln, in die Kalksteinhöhlen des Jaruco-Parks.
Doch durch die natürliche Erosion und die sich verändernde Nutzung des
Gebiets sind die ephemeren Arbeiten heute nur noch auf Film und Fotografien
dokumentiert.
So poetisch und mystisch viele ihrer Arbeiten sind, so radikal und
unmissverständlich thematisieren andere Gewalt gegen Frauen. In dem
Super-8-Film „Moffitt Building Piece“ dokumentiert sie, wie
Fußgänger*innen an einer Haustür vorbeilaufen, aus der scheinbar Blut
fließt, das sie zuvor dort verteilte. Gleichgültig laufen die
Passant*innen am vermeintlichen Tatort vorbei. Die Arbeit ist eine
[2][Reaktion auf einen Femizid] an ihrer Universität, es geht um Gewalt
gegen Frauen hinter verschlossenen Türen. Mendieta selbst verstand sich als
Teil einer zweiten Welle des Feminismus in den USA, setzte sich kritisch
von der vorherrschenden weißen, bürgerlichen Frauenbewegung ab und nahm
auch – wie etwa Audre Lorde – [3][die Zusammenhänge von Rassismus und
Sexismus] in den Blick.
Über die Arbeiten der Künstlerin wird in den Wandtexten der Ausstellung
vieles gesagt. Ihre Biografie jedoch erzählt die Tate nur unvollständig. Es
fehlen Informationen zu ihrer Rezeptionsgeschichte, zu den Hintergründen
ihres Exils und vor allem zu ihrem tragischen Tod mit nur 36 Jahren.
Mendieta war am 8. September 1985 aus dem 34. Stock eines New Yorker
Wohnhauses gestürzt, wo sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, [4][dem bekannten
Bildhauer Carl Andre], gelebt hatte. Ihr Tod wurde lange zu einer Sensation
gemacht und dominiert auch heute noch die Berichterstattung über sie. Die
Entscheidung, Teile von Mendietas Leben einfach auszuklammern, wird sowohl
von den Kurator*innen als auch vom Estate Ana Mendieta getragen, das
ihren Nachlass verwaltet.
Raquel Cecilia Mendieta, Mendietas Nichte und Hauptverantwortliche des
Estates, erklärte in einem Interview mit der New York Times, dass sie das
Narrativ über die Künstlerin vom Tod wieder auf ihr Werk lenken wolle. Das
spiegelt sich nun in der Londoner Ausstellung wider. Das ist klug, denn ihr
Tod darf keinesfalls ihre Rezeptionsgeschichte dominieren. Die
Retrospektive ist somit eine längst ausstehende Wiederkehr von Mendietas
Kunst auf der internationalen Bühne.
20 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Theresa Weise
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