# taz.de -- Die Wahrheit: Wählen und wählen lassen
       
       > Stimmabgabe mit Fast Food: Tiefe Einblicke in die dunkle Parallelwelt
       > eines Berliner Wahllokals.
       
 (IMG) Bild: Die eigenartige Welt der Wahlkabinen
       
       Eine Turnhalle im Berliner Ortsteil Wedding. Die Wahllokale 522 und 529
       teilen sich die Halle zur Stimmabgabe für die Abgeordnetenhauswahl 2026.
       Wahlvorsteher Detlef Kasulke vom Wahllokal 522 ist zum ersten Mal dabei.
       „Ich habe mich gemeldet und dachte, ich bin erst mal Beisitzer und lerne
       das Wählbusiness von der Pike auf, aber dann kam die Einberufung und
       plötzlich war ich Chef. Da muss man mehr wissen als ein Beisitzer. Zum
       Beispiel die Flaggen, die müssen richtig hängen, sonst gibt es Ärger. Links
       Europa, in der Mitte Deutschland und rechts Berlin. Haha, rechts Berlin.“
       
       Pünktlich um acht Uhr treffen die ersten Wähler ein. Darunter der erste
       Querulant des Tages. Er zieht einen Einkaufswagen hinter sich her,
       wahrscheinlich besucht er danach noch alle Spätis im Kiez und sagt Hallo
       und noch mehr. Die frühe Uhrzeit spricht dafür, dass er noch einiges
       vorhat. Wahrscheinlich eine Rundfahrt auf dem S-Bahn-Ring, wo er die
       übrigen Reisenden mit einer bislang unbekannten Theorie zur Niederlage des
       angelsächsischen Königs Harold Godwinson in der Schlacht von Hastings
       konfrontiert.
       
       Aber erst mal lässt er sich Zeit in der Wahlkabine, um die beiden
       Wahlzettel robust unbrauchbar zu machen, mit Zeichnungen von Genitalien und
       politischen Parolen, denen jegliche Machbarkeit fehlt. Später werden
       Wahlvorsteher Kasulke und seine Kollegen beim Leeren der Urne auf diese
       Zettel stoßen und gemeinsam beschließen, diesen Wählerwillen für ungültig
       zu erklären.
       
       ## Bollerwagen mit Verpflegung
       
       Der Wahlvorsteher von der 529 hat inzwischen mittels Bollerwagen Speis und
       Trank für seine Leute herbeigeschafft. Einen Coffee-Shop einschließlich
       Barista, einen Hot-Dog-Automaten und ein komplettes Schnellrestaurant mit
       Drive-in-Schalter. „Damit kann ich leider nicht dienen“, berichtet Kasulke
       von 522. „Ich habe meinen Leuten Haselnussschnitten und eine Tüte
       Gummibärchen mitgebracht. Eine Kleinigkeit halt. Es stand nichts davon in
       den Unterlagen, dass ich meine Kollegen verpflegen soll. Was der Rogowski
       da drüben auffährt, der will doch nur protzen.“
       
       Die fehlende Verpflegung trübt die Stimmung ein wenig. Vereinzelt gehen
       Kollegen von der 522 rüber zur 529 und loben die Organisationsfähigkeiten
       von Wahlvorsteher Rogowski, wofür sie mit einem Hot Dog oder einem Burger
       entlohnt werden.
       
       Die Süßigkeiten von Kasulke sind eher für die Kinder bestimmt. Wenn die
       Kleinen die Turnhalle betreten, muss in Sekundenbruchteilen entschieden
       werden, ob sie den Wählerwillen der Eltern beeinflussen können. Ab drei
       Jahren lauert Gefahr. Nicht auszuschließen sind auch Unmutsbekundungen in
       Richtung der anderen Wahlkabinen, die schlimmstenfalls das dortige
       Wahlverhalten manipulieren.
       
       „Wir schicken Kinder zum Schnellrestaurant von der 529“, berichtet Kasulke.
       „Ein Burger oder Pommes, und die Blagen sind für die Dauer der Stimmabgabe
       abgelenkt. Ich glaube, die verstehen auch noch nicht so ganz, wo sie hier
       überhaupt sind.“
       
       ## Protest gegen Rechtslage
       
       Das geht so lange gut, bis die sechsjährige Emmy Luise die Turnhalle
       betritt. Sie hat sich wochenlang darauf vorbereitet, ihre Mutter bei der
       Stimmabgabe zu coachen, sämtliche Wahlen der letzten 50 Jahre in Ost wie
       West analysiert, stundenlang Politikerinterviews gelauscht und sich danach
       für ein Studium der Politikwissenschaften eingeschrieben. Doch
       Wahlvorsteher Kasulke stellt sich ihr in den Weg und verweist auf die
       Rechtslage. Ihre Mutter lässt sich davon beeindrucken, doch Emmy Luise
       protestiert mit dem härtesten Mittel, das ihr zur Verfügung steht – sie
       fängt an zu weinen.
       
       Die Stimmung kippt. Andere Wähler empören sich über den Umgang mit der
       Zukunft des Landes, greifen teils zum Handy, um das Wahlamt, Amnesty
       International oder das Jugendamt zu informieren. Wahlvorsteher Kasulke
       greift zu den Süßigkeiten und bietet dem Kind alle an, doch Emmy Luise
       verweigert sich dem ungesunden Snack, auch weil sie ihren wöchentlichen
       Hyrox-Wettkampf im Gym durch die unerlaubte Aufnahme von fettmachenden
       Kalorien gefährdet sieht.
       
       Kasulke resigniert schließlich und erlaubt dem Kind den Zutritt zur Kabine.
       Emmy Luise bedankt sich mit einem Tritt gegen das Schienbein, was Kasulke
       zwingt, in der Nacht die Rettungsstelle aufgrund einer exorbitanten
       Schwellung aufzusuchen.
       
       Um 18 Uhr schließt das Wahllokal und die Auszählung beginnt. Die Wahlzettel
       werden sortiert und manch einer sorgt für Kopfschütteln, wenn ein Wähler
       sowohl links als auch rechts wählt. Alle Zettel werden gezählt, dann noch
       einmal und noch einmal, bis es in Ordnung zu sein scheint und alle nicht
       mehr können.
       
       Kasulke ruft das Wahlamt an, meldet Vollzug und gibt die Zahlen durch. Die
       Kollegen von der 529 sind noch am Zählen. Fast Food ist halt nicht gut für
       die Leistungsfähigkeit, denkt sich Kasulke und ist zufrieden. „Also mir hat
       es Spaß gemacht und ich habe der Demokratie einen Dienst erwiesen. Ich bin
       zuversichtlich, dass ich beim nächsten Mal wieder dabei bin.“ Dann hinkt er
       nach Hause.
       
       25 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Robert Rescue
       
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