# taz.de -- Die Wahrheit: Am Apparat
> Wer telefoniert eigentlich noch? Und das an einem klobigen Festnetzgerät?
> Ein Mann mit Monokel. Zumindest in der Vorstellung der Anrufer.
Marotten und Spleens regieren unser Leben. Meine neueste Marotte besteht
darin, dass ich mich am Telefon nun stets mit Namen und anschließendem „…
am Apparat!“ melde. Ich möchte meine Bekannt- und Kundschaft verblüffen,
möchte in ihnen die Vorstellung wecken, dass da ein Mann mit Monokel und
Zylinder vor einem gigantischen Bakelittelefon mit Wählscheibe und Hörrohr
sitzt. Dieser Mann wird sich auf keinen Fall einen dieser neumodischen
Glasfaseranschlüsse andrehen lassen. Auch nicht mit Aktionsrabatt und
ermäßigtem Einstiegspreis für die ersten sechs Monate!
Ich möchte meine Mitmenschen mit der antiken Meldeformel zum Nachdenken
bringen. Während die Formel sie anregt, assoziativ durch altertümliche
Telefonwelten zu schweben, in welchen das Kuvert mit der monatlichen
Festnetzrechnung übers Gartentor geworfen wird, sollen sie, angestoßen vom
eigentlichen Wort, an gewaltige Fernsehapparate denken. Jene brachten in
grauen, vielleicht eher schwarz-weißen Vorzeiten einiges an Amüsement in
die guten Stuben. Und zwar ohne dass es dazu eines übertrieben modernen
Glasfaseranschlusses bedurft hätte.
Wenn sie alsdann über die Magie der Antennenwälder nachsinnen, die weiland
die Rundfunkanstalten über zwischengeschaltete Sendetürme mit den
Haushalten vernetzten, soll ihnen die Maschinenhaftigkeit des
Staatsapparates gewärtig werden, in dem ihr Leben zu fristen sie verdammt
sind. Das soll ihnen einen enormen Choc versetzen und sie für immerdar
imprägnieren gegen allerlei übergriffige Versuchungen. Zum Beispiel den,
sich einen überteuerten Glasfaseranschluss anzuschaffen, solange noch keine
zusätzlichen Anschlusskosten drohen!
## Maulaffen vor Geräten
In einem unvermeidlichen geistigen Schwenk sollen sie daraufhin den Begriff
der Apparatur zerlegen und mit seinen metaphorischen Sinngehalten in
Verbindung bringen. Dass ihr Bewegungsapparat einrostet, wenn sie den Tag
ihren elektronischen Geräten widmen und Maulaffen feilhalten, könnte ihnen
dämmern; und dass sie den Sportsgeist in sich erheblich besser motivieren,
wenn sie auf einen Highspeed-Giga-Glasfaseranschluss verzichten, wie er in
manipulierbaren Gesellschaftsschichten derzeit angesagt ist.
Lieb wäre mir jedoch ebenfalls, dass einer der wunderlichen Gesellen, die
mich seit Wochen regelmäßig aus einer süddeutschen Großstadt anrufen, wenn
ich unterwegs, zu Tisch oder unpässlich bin, mich endlich einmal an die
Strippe kriegte. Die Brüder senden mir nämlich flankierend unentwegt
Textbotschaften, denen zufolge sie „gute Nachrichten zum Thema Glasfaser“
für mich hätten. Die ich nicht verpassen sollte, wie sie drohen: „Wir
melden uns demnächst telefonisch bei Ihnen.“ Einem von ihnen würde ich nach
der marottenhaften Begrüßung gern ohne Umschweife sagen, wie das auf mich
wirkt: Dann grimmt mein Verdauungsapparat.
Bevor es aber dazu kommt, müssen sie sich die Finger noch eine Weile wund
wählen. Dazu habe ich den Telefonapparat ja dauerhaft stumm gestellt.
24 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Mark-Stefan Tietze
## TAGS
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