# taz.de -- Viraler Internetrend: Argentinien farmt Aura
       
       > Beim „Aurafarmen“ versuchen sich Menschen an Coolness zu übertreffen. Der
       > Trend hat es mittlerweile von Tiktok auf Buenos Aires' Straßen geschafft.
       
 (IMG) Bild: „Aurafarming“-Wettbewerb, ein virales Phänomen aus der Digitalwelt, beliebt in Lateinamerika, hier ausgetragen in Mexiko-Stadt
       
       Es ist der erste warme und sonnige Samstagnachmittag in diesem wahrlich
       kalten Winter in Buenos Aires. Auf der Wiese vor dem beliebten Park
       Barrancas de Belgrano drängeln sich um die 500 Jugendlichen in einem Kreis.
       In der Mitte stehen sich zwei Personen gegenüber. Sie gestikulieren,
       schneiden Grimassen, tänzeln. Die Menge johlt, klatscht, feuert an: „Aura,
       Aura, Aura!“ Was auf den ersten Blick wie ein Dance-Battle aus „Step Up“
       wirkt, ist ein Trend, der es aus dem Internet auf die Straßen und Plätze
       Argentiniens geschafft hat.
       
       Noch vor wenigen Monaten war das Ereignis kaum jemandem ein Begriff,
       inzwischen zieht es ganze Menschenmassen an, auch in Europa. Die
       Jugendlichen nennen es „Farmear Aura – Aura farmen“. Der Trend verbindet
       Internetkultur, Selbstausdruck, Musik, Kunst und den Mut, sich öffentlich
       zu zeigen. Es geht darum, Eindruck zu machen und die Zuschauenden für sich
       zu gewinnen. Wer nicht Teil dieser digitalen Jugendkultur ist, für den
       wirkt dieser Trend genauso unbegreiflich wie „Six Seven“ und „Siuuuu“.
       
       „Farmear“ oder „Farmen“ leitet sich dabei vom englischen „farm“ ab, stammt
       also aus dem Bereich der Landwirtschaft. Es geht um das Säen, Ernten oder
       Früchte sammeln. In der Gaming- und Internetwelt bedeutet „farmen“,
       Ressourcen, Gegenstände oder Punkte zu sammeln – und wird oft bei Spielen
       wie Minecraft verwendet. Beim „Aura farmen“ wird dagegen etwas
       Immaterielles gesammelt: Ausstrahlung, Stil oder Aufmerksamkeit.
       
       Wer viel Aura hat, strahlt eine Mischung aus Präsenz, Charisma und Stil
       aus. Und wenn jemand „Aura farmt“, versucht er im Grunde, Momente zu
       sammeln, die ihn selbstbewusster, cooler oder beeindruckender wirken
       lassen. Und das beschränkt sich mittlerweile [1][nicht mehr nur auf Likes
       im Internet].
       
       ## Verbreitung über Tiktok
       
       „Ich wollte es einfach mal ausprobieren und erleben was dahintersteckt“,
       erzählt Diego Scodare. Er kommt gerade aus dem Kreis in Barrancas de
       Belgrano. Sein „Aura farming“-Auftritt dauerte nur ein paar Minuten.
       [2][Über Tiktok] habe er von dem heutigen Event erfahren und sich
       kurzerhand entschlossen, zu kommen. „Es war mein erstes Mal, alles war
       improvisiert und deswegen un poco flojo, etwas mau“, schmunzelt der
       25-Jährige.
       
       Eigentlich ist er Musiker und veröffentlicht unter dem Künstlernamen
       MrWodan. Im Moment liege dieser Teil seines Lebens allerdings etwas auf
       Eis. Als Künstler sieht er Verbindungen zwischen der Musik und dem „Aura
       farmen“. Es gehe um die Kombination verschiedener Ausdrucksformen: Musik,
       Tanz, Kunst und vielleicht irgendwann Körperbemalung oder andere kreative
       Formen. „Die Idee der Evolution ist, Dinge zu mischen“, sagt Diego.
       
       „Ganz ohne Mut geht das nicht“, ergänzt er. Wer sich hier zeigen wolle,
       müsse sich trauen und: „Du musst Spirit haben.“ Den eigenen Stil nach außen
       tragen, sei der Kern des Ganzen. Dass es beim ersten Mal noch nicht wie
       gewünscht lief, nimmt er gelassen.
       
       „Als Panda kann ich nicht gerade behaupten, besonders attraktiv zu sein“,
       sagt Leandro Chinar. Der 33-Jährige steckt in einem Pandabär-Kostüm und
       muss lachen, als es um die Frage nach Aussehen und Attraktivität geht. „Was
       zählt, ist die Reaktion: Lachen, Freude, Überraschung, ein schöner Moment“,
       meint er.
       
       Denn am Ende sei „Aura“ weniger eine Frage des Aussehens als vielmehr der
       Wirkung. Eine Pose, ein Tanz, ein Kostüm oder eine überraschende Bewegung,
       kann alles zur persönlichen Aura beitragen. Eigentlich eine schöne Idee,
       die im krassen Kontrast zur normschönen Beauty-Industrie und der täglich
       gezeigten Selbstoptimierung auf Social Media steht.
       
       ## Keine Beleidigungen
       
       Was bei dem Event spontan erscheint, folgt allerdings klaren Regeln: Die
       Teilnehmenden haben eine bestimmte Zeit. Das Publikum zählt den
       Schluss-Countdown und entscheidet, wer mehr Aura hat. Körperkontakt und
       Beleidigungen sind verboten. Auch waffenähnliche Gegenstände oder
       politische Symbole sind nicht erlaubt.
       
       „Es spielt dabei keine Rolle, was man darstellt. Es geht darum, etwas auf
       eine positive Art zu repräsentieren“, sagt Chinar. Entscheidend ist die
       Reaktion des Publikums. „Du kannst eine Million Follower haben und trotzdem
       gegen jemanden verlieren, der keine hat“, meint er. „Wer beim Publikum eine
       stärkere Wirkung erzeugt, gewinnt.“
       
       Dass ältere Menschen damit weniger anfangen können, überrascht ihn nicht.
       Wer sich auf Tiktok und Instagram tummele, kenne hingegen die Mechanismen
       von Trends, Memes und viralen Bildern. Maria del Carmen ist dabei die
       Ausnahme: Die 61-Jährige steht im Kreis und sticht aus der Menge heraus.
       „‚Komm mit, Oma!‘ hat meine Enkelin gesagt und deshalb bin ich hier“,
       erzählt sie.
       
       Ihr Gegenüber ist kein Geringerer als Tung Tung Tung Sahur, die
       KI-generierte Holzfigur aus Tiktok. „Abuela del Aura – Abuela del Aura“,
       feuern die Jugendlichen sie an. Die [3][Großmutter der Aura] wirbelt ihre
       langen Haare herum. „Tiene Aura – sie hat Aura“, jubelt die Menge. Mulmig
       war Maria del Carmen bei dem Auftritt nicht. Als freie Schauspielerin steht
       sie regelmäßig vor Publikum auf der Bühne.
       
       ## Die Vorläufer des Aura-Farmings
       
       Ganz so neu ist das ohnehin alles nicht. Leandro Chinar erinnern diese
       Events an die Discoszene der 1990er Jahre mit auffälliger Kleidung, freiem
       Tanzen und Posen. Zuschauenden könnte das Spektakel auch an Voguing
       erinnern. Jener ausdrucksstarke Tanzstil, der im New Yorker Stadtteil
       Harlem in den 1960er Jahren von den afro- und lateinamerikanischen
       LGBTQ+-Communitys kreiert wurde.
       
       „Die Jugendlichen von heute passen das an die Bedingungen der sozialen
       Medien an“, sagt Chinar. Was früher auf der Tanzfläche passierte, wird
       heute über Tiktok angekündigt, aufgenommen und online weiterverbreitet.
       
       Wer nach dem Ursprung von „Aura farming“ sucht, stößt auf ein Video aus
       Indonesien. Der damals elfjährige Rayyan Arkan Dikha steht am Bug eines
       Bootes während eines traditionellen Rennens. Mit seinen Bewegungen versucht
       er, die hinter ihm sitzenden Ruderer anzutreiben. Das Video geht viral,
       wird imitiert, als Meme bearbeitet, neu interpretiert und verlässt
       schließlich die digitale Welt.
       
       Ob genau dort der Ursprung des heutigen „Aura farming“ liegt, lasse sich
       nicht sagen, meint Leandro Chinar. „Aber das Prinzip ist erkennbar: Jemand
       tut etwas, das aus der Masse heraussticht, und plötzlich wollen andere
       diesen Moment nachahmen.“ Und, dass dies nicht allein vor einem Bildschirm
       geschieht, sondern öffentlich und gemeinsam mit anderen.
       
       Inzwischen ist die Sonne untergegangen. Und wie fast jeden Abend beginnen
       die Tangotanzenden in der nahe gelegenen Glorieta de Barrancas ihre Runden
       zu drehen. Meist sind die Älteren unter sich. „Mira, tienen Aura – schau
       nur, die haben Aura“, sagt einer im Vorbeigehen. Kein Wunder: Auch der
       Tango bot von Anfang an Raum für Selbstausdruck, Identität und körperliche
       Inszenierung.
       
       22 Sep 2026
       
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