# taz.de -- Neuer Roman von Douglas Stuart: Daddy-Issues im Dauerregen
> Booker-Preisträger Douglas Stuart erzählt von homosexuellem Leben auf den
> Äußeren Hebriden. Eine Form findet er nicht.
(IMG) Bild: Isle of Lewis: Das Leben hier ist schlicht. Douglas Stuarts Roman könnte auch Anfang des 20. Jahrhunderts spielen
Wenn ein englischer Roman in Deutschland zeitgleich mit seinem Original
erscheint, ist das ein Indiz für seine Relevanz. Bei heiß erwarteten Titeln
riskiert der Verlag mit einem späteren Erscheinen, dass die deutschen Leser
das Original kaufen. Douglas Stuarts neuer Roman „John of John“ ist so ein
heiß erwarteter Titel. Kann der Booker-Preis-Träger von 2020 diesen
Vertrauensvorschuss einlösen?
„John of John“ spielt vor der Küste Schottlands, auf den Äußeren Hebriden.
Der 22-jährige Cal Macleod kehrt auf seine Heimatinsel Harris zurück. Zum
Studieren auf das schottische Festland ausgezogen, findet er nach seinem
Abschluss keinen Job.
Da kommt der Ruf seines Vaters nach Unterstützung bei der Pflege der
Großmutter nicht ungelegen. Cal zieht zurück auf den Hof der Macleods im
fiktiven Dorf Falabay, wo ihn sein Vater allein großgezogen hat. Sie leben
von Schafzucht und der Herstellung von Tweed.
Douglas Stuart wechselt damit erstmals die soziale Klasse seiner Literatur.
In [1][seinem Debüt „Shuggie Bain“] porträtierte er die Niederungen des
Glasgower Arbeitermilieus unter Margaret Thatcher und räumte mit dem
Booker-Prize zu Recht den wichtigsten englischen Literaturpreis ab.
[2][Der Nachfolger „Young Mungo“ spielte auch in der Arbeiterklasse.] Treu
bleibt Stuart in „John of John“ der Auseinandersetzung mit der Erfahrung
von schwulen jungen Männern. Cal hat fern von der Heimat seine
Homosexualität ausleben können, nun muss er sich den erzkonservativen
Ansichten des presbyterianischen Dorfes und seines homophoben Vaters
unterordnen.
Damit sind die zwei zentralen Konfliktlinien gesetzt: Vater und Religion.
Ohne zu viel zu verraten, kann man sagen, dass Cals Chancen schlecht
stehen. Das liegt auch an der Lebensphase, in der Cal sich befindet.
Mit Anfang zwanzig hat man nun mal „Daddy-Issues“ – die Emanzipation vom
Vater steht noch aus: „John betrachtete Cal als sein Eigentum, eine
Verlängerung seines Körpers, und er war nicht geneigt, sich seine Meinung
anzuhören, ganz einfach, weil Cal für ihn immer das Kind sein würde.“
Der erste Konflikt lässt nicht lange auf sich warten: Cals Haare,
schulterlang und blond gefärbt. Der Sohn leistet zunächst Widerstand, färbt
sie aus Trotz ins Wasserstoffblond, bevor er schließlich klein beigibt und
die Haare mit der Stoffschere geschoren bekommt.
## Homosexuelles Leben in der Peripherie
Stuart findet passende Worte für das Verlorensein in der Adoleszenz, für
den Wunsch nach Unabhängigkeit und die Unfähigkeit, sie herzustellen. Als
sich herausstellt, dass Großmutter Ella gar nicht so klapprig ist wie
vorgegeben, gar keine Pflege benötigt, fügt sich Cal seinem Schicksal. Er
ist so orientierungslos, dass er ohnehin nicht wüsste, wohin.
Denn auch auf dem Festland hatte er am Rand gestanden, war an der
Universität als Hinterwäldler belächelt worden. Vergeblich versucht er via
Zeitungsannonce zu anderen schwulen Männern Kontakt aufzunehmen, gelungen
dokumentiert Stuart hier die Herausforderungen von homosexuellem Leben in
der Peripherie.
Die Verwendung von analogen Medien wie hier der Zeitung sowie Walkman und
VHS-Kassette lassen an die 1990er Jahre denken. Davon abgesehen ist dieser
Roman aber zeitlos. Er könnte er auch Anfang des 20. Jahrhunderts spielen,
so schlicht ist das Leben der Insulaner und so konservativ sind ihre
Glaubenssätze.
Verboten sind Homosexualität, außerehelicher Geschlechtsverkehr sowie
Vergnügen am Sonntag: Die Schaukeln des Spielplatzes werden am „Sabbat“ mit
Ketten gesichert. Theologisch ist diese Spielart des Protestantismus von
der Prädestinationslehre geprägt: „Wem bestimmt ist zu ertrinken, der wird
ertrinken“, befindet Cals Vater anlässlich des Todes eines Dorfbewohners.
Er ist etwas zu stimmig, dieser feuchte Traum reaktionärer Sehnsüchte. Dass
Cals Jugendfreundin Isla nach einer ungewollten Schwangerschaft aus der
Gemeinde verstoßen wird, überrascht kaum. Die Leviten sind schon von Anfang
an gelesen: Auf Harris herrscht Dauerregen, Cal ist als Homosexueller
ausgeliefert, Fortschritt ist nicht in Sicht.
Es geht hier nicht darum, infrage zu stellen, dass auf den Äußeren Hebriden
in den 1990ern tatsächlich Menschen unter derart patriarchalen
Verhältnissen gelitten haben. Es geht um die Art, wie der Autor diese
Themen verhandelt. Er bedient Vorstellungen, die eh schon da sind, und
interessiert sich nicht wirklich für das Leben seiner Figuren.
## Abgegriffene Sprachbilder
John und Cal sitzen ab und an am Webstuhl, doch der Autor würdigt ihr
Handwerk nur oberflächlich. Es dient lediglich als Kulisse, um den Eindruck
eines peinigenden Lebens zu erwecken. Zugleich lässt Stuart das
metaphorische Potenzial dieser Tätigkeit ungenutzt, die wie ein Roman
einzelne Fäden zu einem Ganzen fügt.
Stattdessen verwendet er abgegriffene Sprachbilder, wie etwa: „Innes war
ein stiller Mann“. Es mag sein, dass Männer auf Inseln tatsächlich wenig
reden, aber von einem Schriftsteller sollte man erwarten, dass er andere
Worte dafür findet.
Sprachliche Extravaganz erlaubt sich der Autor durch das Einstreuen von
gälischen Schnipseln im Dialog zwischen Vater und Sohn. Meist aber begnügt
er sich mit kursiv abgehobenen Sätzen, die kenntlich machen sollen, dass
gerade gälisch gesprochen wird.
Spannung wird in diesem kargen Buch allein durch ein pikantes Detail
erzeugt: Cals Vater selbst ist homosexuell, unterhält seit Jahren eine
Affäre mit dem stillen Innes. Deshalb verließ ihn einst Cals Mutter.
## Spärlicher Roman in karger Landschaft
Anstatt sich zu seiner Liebe zu bekennen, versinkt John in Selbsthass, den
er auf seinen Sohn umlenkt. Als Cal auch Interesse am Lover seines Vaters
zeigt, entsteht eine Dreiecksgeschichte, deren aufgeschobene Auflösung zum
Weiterlesen animieren soll.
Zusammengehalten wird dieser spärliche Roman von der wohlig-schaurigen
Vorstellung eines von Wind und Religion gepeinigten Inselvölkchens. Von der
stellenweise gelungenen Porträtierung der Vater-Sohn-Beziehung abgesehen
enttäuscht „John of John“.
Das Besondere an der Erfahrung, auf einer Insel zu leben, arm zu sein und
Tweed zu weben, kann er nicht transportieren, weil er keine Form dafür
findet. Stuart, dem in seinem eigenen Leben der soziale Aufstieg aus der
Arbeiterklasse heraus gelungen ist, scheitert am Versuch eines
literarischen Klassenwechsels.
24 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) David Hinzmann
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