# taz.de -- Album von Arab Strap: Hier wird Schwerkraft zu Levitation
       
       > Mit dem Album „Half-Told Tales“ hebt das Popduo Arab Strap auf eine neue
       > Zündstufe der Bandexistenz ab: Lust am Experiment trifft auf
       > alltagspoetische Epiphanien.
       
 (IMG) Bild: Blumen für die Magie der Musik von Arab Strap: Malcolm Middleton und Aidan Moffat
       
       Alles hat seine Zeit. Auch in der Popmusik. Manche Bands begleiten einen
       nur in einem bestimmten Lebensabschnitt, dafür aber umso intensiver. Und
       wie bei guten Freunden können sich dann die Wege trennen für unbestimmte
       Zeit, um bei unverhoffter Wiederbegegnung nach Jahren die Zuneigung erneut
       in alter Intensität entflammen zu lassen. So jedenfalls mag es einem beim
       Hören des neuen Albums von Arab Strap ergehen.
       
       Alles hat seine Zeit. Die 1990er-Jahre waren eine merkwürdige Zeit in
       England. Während Britpop zwischen Manchester und London teils in
       reaktionäres Fahrwasser geriet, eine Regression nämlich in die bewährten
       Muster von mainstreamigen Gitarrenrock, tat sich Außerordentliches im hohen
       Norden des Vereinigten Königreichs. Die störrischen Schotten orientierten
       sich lieber am Innovationsgeist von Velvet Underground, an der rohen
       Energie der Stooges und anderen Querköpfen.
       
       Die tatsächlich neuen Pop-Impulse kamen daher aus Schottland. So gründeten
       The Delgados aus Glasgow ein Label namens Chemikal Underground, um ihre
       eigene Musik, aber auch die befreundeter Bands der lokalen Musikszene zu
       veröffentlichen. Ein wahrlich erstaunlicher Pool an Talenten [1][verortete
       Glasgow als eigentliche Musikhauptstadt] auf der kulturellen Landkarte
       Großbritanniens.
       
       ## Melancholie und Dauerregen
       
       Neben den Postrock-Magiern Mogwai mit ihren extremistischen
       Laut-Leise-Exerzitien ließ vor allem das extraordinäre Duo Arab Strap
       aufhorchen. Multiinstrumentalist Malcolm Middleton sorgte für die
       Architektur des zwischen melancholischen Gitarrenflächen und elektronischen
       Beats changierenden Sounds, während der bärtige Sänger Aidan Moffat die
       atmosphärische Musik mit seinen melancholischen, oftmals autobiografischen
       und verregneten Texten durch den halb gesungenen, halb gesprochenen Vortrag
       mit ausgeprägtem schottischem Akzent ergänzte.
       
       Zu der sich nie auf bewährte Rezepte verlassenden, immer experimentellen,
       aber nie anstrengenden Musik von Middleton rapsodierte Moffat in seinem
       sonoren Sprechgesang, erzählte von Liebeskummer, durchzechten Nächten,
       vergebenen Chancen und den kleinen Fluchten aus einem schwierigen Alltag.
       Wer von Anfang an dabei war, will sagen: vom fulminanten Debütalbum „The
       Week Never Starts Round Here“ (1996), blieb am Ball, doch nach neun Jahren
       und fünf dann immer weniger fulminanten Alben, war 2005 die Luft bei Arab
       Strap raus. Das Duo löste sich auf, einvernehmlich, um getrennte Solowege
       zu gehen.
       
       Als 2021 nach mehr als anderthalb Jahrzehnten das Comebackalbum „As Days
       Get Dark“ erschien, hatten viele alte Fans das Interesse verloren. Ein
       schwerer Fehler, wie „Half-Told Tales“ nun eindringlich beweist, denn Arab
       Strap sind mit dem Album Nummer 3 der zweiten Werkphase am Höhepunkt ihres
       Könnens angekommen.
       
       ## Zarte Wehmut
       
       Man nehme nur das vorwärtsdrängende „You You You“ mit seinen betörenden
       Italodisco-Anklängen, zu denen Moffat die Tragödie des Älterwerdens so
       elegant wie scharfsichtig verflucht. „Be a Man“ wiederum bietet über
       sprudelnden Beats und zarten Klavierklängen eine wehmütige Reflexion über
       Vaterschaft im Zeitalter der toxischen Maskulinität, indem Moffat sich
       auseinandersetzt mit den Erwartungen, die männlichen Jugendlichen beim
       Erwachsenwerden von den Medien und der Gesellschaft auferlegt werden.
       
       „Half-Told Tales“ beginnt reichlich krawallig mit dem Auftakt „I Get
       Noise“, bei dem Middleton alles in den Arab-Strap-Musikmaschinenmix wirft:
       kraftvolle, schwere Gitarrenriffs, donnernde Drums und ein hektisch
       hechelndes Saxofon veranstalten einen akustischen Sturm, in den hinein
       Moffat über die Sehnsucht nach Fluchtpunkten und behaglichen Rückzugsorten
       in einer Welt voll kreischenden Tumults sinniert.
       
       Ein stimmiges Vorspiel zu den sage und schreibe 13 Stücken, die folgen.
       Waren die vorherigen Werke von Arab Strap allesamt um die 45 Minuten lang,
       so kommt das Geschenk, dass die Band uns und sich selbst zum 30. Geburtstag
       gemacht hat, mit einer vollen Stunde Spielzeit daher. Schwermut wird auf
       „Half-Told Tales“ vermittels der Magie der Musik verwandelt in Levitation,
       Leid gerät zu Freude, Resignation mutiert in Optimismus: Ihr neuntes Album
       in 30 Jahren, so erklärte Moffat, „soll eine Art Beschwörung sein, um die
       so schwer fassbaren Geister der Hoffnung und Solidarität freizusetzen.“
       Ebendies ist Arab Strap auf „Half-Told Tales“ vollumfänglich gelungen.
       
       28 Sep 2026
       
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