# taz.de -- Die Wahrheit: Tierisch schön
       
       > Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (251): Wer ist unter
       > animalischen und humanen Kreaturen eigentlich attraktiv und warum?
       
 (IMG) Bild: Als Berlin noch schön bunt war: Pfau vor Tor im Jahr 1997
       
       Die Schweizer Tierfilmforscherin Christine Noll meint: „Wenn es keine Tiere
       gäbe, wäre niemand mehr schön.“ Das würde allerdings niemanden daran
       hindern, sich trotzdem attraktiv zu machen, zu verschönern. Die
       schönheitschirurgische Praxis „Capital Aesthetics“ wirbt mit dem Spruch
       „Schönheit am Kurfürstendamm“. Ihre Berliner Praxis „steht für moderne
       ästhetische Medizin, plastische Chirurgie und innovative Laserbehandlungen
       auf höchstem medizinischem Niveau. Unser Ziel ist es, natürliche Ergebnisse
       zu erzielen …“ Ach nee.
       
       Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux entdeckte in Rom eine
       Luxusboutique für liturgische Kleidung. In ihrem Buch „Auf den Bildern“
       (2026) schreibt sie: „Das linke Schaufenster ist dem Ornat der Männer
       vorbehalten, den Soutanen und prunkvoll bestickten Messgewändern in Rosa,
       Silber und Gold.“ Im rechten Schaufenster, dem für Frauen, ist nur zivile
       Kleidung ausgestellt, Röcke, Blusen und unförmige Jacken in Braun, Grau und
       Dunkelblau, Dinge, die in den Fünfzigerjahren in der Provinz in Mode waren.
       Die Kirche, getreu ihrer Theorie von einer natürlichen Ordnung, fand
       offenbar, dass nur Männer schön und verführerisch sein durften, das
       Federkleid der Männchen war prächtig, das der Weibchen stumpf.
       
       Die Kirche folgt mit dieser Mode Darwin, obwohl der klargestellt hatte,
       dass wir nicht von Gott nach seinem Bild geschaffen wurden, sondern von
       Affen abstammen und dass die Schönheit in der Tierwelt sich der sexuellen
       Selektion – dem „Survival of the Prettiest“ – verdankt. Für Darwin war sie
       neben der natürlichen Selektion zur Entwicklung der Arten wesentlich, das
       heißt der Gesang und das Prachtkleid der männlichen Vögel oder das Geweih
       der Hirsche dient den Trägern, um von den Weibchen zur Verpaarung
       zugelassen zu werden. Die Männchen präsentieren sich, und die Weibchen
       entscheiden sich für den Schönsten, Stärksten und Gesündesten – angeblich,
       weil sie für ihre Jungen einen Partner mit „guten Genen“ brauchen, wie die
       Neodarwinisten nicht müde werden zu behaupten.
       
       Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus entwarf daraus in seinem
       Buch „Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin“ eine Soziobiologie – indem er einen
       Bogen vom Rad schlagenden Pfau zu dem seinen Körper bunt bemalenden
       Neandertaler und darüber hinaus bis zu uns schlug. In einer Rezension heißt
       es: „Menninghaus erwähnt den Trojanischen Krieg, wenn es darum geht, dass
       Tiere in blutigen Kämpfen um Weibchen konkurrieren, die dann ihre Wahl
       treffen.“
       
       ## Eitle Kirchenmänner
       
       Abgesehen davon, dass man nicht einfach von den Tieren auf die Menschen,
       sondern bloß auf die Kirchenmänner schließen kann, wenn es um Schönheit
       geht, ist es für gewöhnlich oft genau andersherum: Bei uns sind es meist
       Frauen, die sich mit viel Geld und sogar unter Schmerzen schön machen,
       täglich aufs Neue schminken und sich überlegen, was sie anziehen, um
       anziehend zu wirken, während Männer ständig in Jeans, T-Shirt und
       Turnschuhen rumlaufen, dazu vielleicht noch mit Bart und Tätowierungen.
       
       Etwas differenzierter als Menninghaus sieht der Kulturwissenschaftler
       Friedrich Kittler den Trojanischen Krieg und dessen Verursacherin Helena,
       über die ein frivoler US-Gräzist meinte: „Eine Helena ist das Maß für
       Schönheit, das es braucht, um 1.000 Schiffe zu versenken.“
       
       Nicht alle waren zu ihrer Zeit dieser Meinung. Kittler erklärte in der
       Zeitschrift Cicero: „Vergleichen wir nur die verschiedenen Reaktionen auf
       Helena. Helena, die schönste aller Frauen, deren Entführung den
       Trojanischen Krieg auslöste. Bei Homer, im dritten Gesang der ‚Ilias‘,
       sagen die alten Trojaner: Wir sollten Helena, das Miststück, dem Menelaos,
       ihrem Mann, zurückgeben, dann hätten wir Frieden und keinen Krieg mehr.
       Dann kommt sie. Und die Greise sehen Helena und sagen: Nein, so unsterblich
       schön, gegen eine solche Frau kann man nichts sagen.“
       
       Und weiter der Kulturwissenschaftler Kittler: „Euripides sagt in 19
       Stücken, Helena ist eine Hure, und in einem Stück sagt er, sie ist eine
       treue Ehefrau. Und Horaz schreibt in den ‚Satiren‘: Schon lange vor Helena
       waren Fotzen – wörtlich: cunnus – der stinkendste Kriegsgrund. Also drei
       Sexualmoralen zu drei Zeiten, von denen die eine sich vor der Schönheit
       beugt, die zweite die Schönheit als Zügellosigkeit schlecht macht, und die
       dritte im Schönen das Stinkende wahrnimmt, also das Obszöne.“
       
       Für die US-Schriftstellerin Susan Sontag verweist die weibliche Schönheit
       auf ein „Paradox“, in ihrem Essay „Über Frauen“ (2004) heißt es: „Schön zu
       sein macht einen einzigartig, außergewöhnlich. Aber schön zu sein bedeutet
       auch, einer Norm oder Regel zu entsprechen.“
       
       Darwins Idee der sexuellen Selektion wurde zunächst vom Koautor seiner
       Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace und dann auch vom Basler Biologen
       Adolf Portmann für falsch gehalten. Letzterer schrieb: „Vor allem die
       Beobachtung brachte keinerlei einwandfreie Beweise für eine Wahl seitens
       der Weibchen.“
       
       Darwin hatte, wie auch viele andere Biologen, anscheinend zu „rasch
       verallgemeinert“, wobei er „begreiflicherweise besonders beeindruckt war
       von Vögeln mit starkem Sexualdimorphismus“ – das heißt bei denen man
       deutliche Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen erkennen kann. „Doch
       gerade mit den imposantesten Beispielen dieser Art, dem Pfau und dem
       Argusfasan, hatte er Pech. Hier gibt es keinerlei Wahl durch die Weibchen,
       meinte auch der Tierpsychologe und Direktor des Zürcher Zoos Heini Hediger.
       Ähnlich sehe es bei den Paradiesvögeln, Webervögeln und Seidenstaren aus,
       die mitunter „ganz für sich allein balzen“.
       
       ## Harmlose Spiegelfechtereien
       
       Die Kampfläufer dagegen, die Hediger ebenfalls erwähnt, balzen zwar in
       Gruppen, aber zum einen sind die „spektakulären Kämpfe“ der Männchen
       „harmlose Spiegelfechtereien“ und zum anderen nehmen die Weibchen keinerlei
       Notiz davon: „Nicht einmal hinschauen tun sie.“ Der Verhaltensforscher G.
       Dennler de la Tour beobachtete, dass es ganz antidarwinistisch der im Duell
       unterlegene Kampfläufer ist, der, sobald er sich erholt hat, zu den
       Weibchen geht und sie nacheinander begattet, während die Sieger
       davonfliegen.
       
       In gewisser Weise antidarwinistisch ist auch die Erfahrung der Moderatorin
       Sophie Passmann, wenn sie in ihrem Buch „Pick Me Girls“ (2021) konstatiert:
       „Spätestens in der Pubertät wird man mit der goldenen Regel konfrontiert,
       die zwar nirgendwo geschrieben steht, aber als allgemeingültig gilt: Der
       männliche Blick ist die höchste Währung.“
       
       21 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Helmut Höge
       
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