# taz.de -- Die Wahrheit: Alles andere als scheue Individuen
> Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (248): Amseln singen
> nicht nur gern, sie passen sich auch der Stadt mühelos an.
(IMG) Bild: Mehr als ein Schattenriss: Amsel beim Trällern
Zwei nach Geschlechtern getrennte Forschungsgruppen einer Berliner
Privatuniversität befragten im Neubau-Viertel Karow-Nord Ehepaare, ob der
Mann oder die Frau bei der Wahl ihres Einfamilienhauses bestimmend war. Sie
kamen dabei zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Ähnlich ist es bei den
Amselforschern: „Die Rolle des Männchens bei der Nistplatzwahl ist
umstritten“, heißt es auf Wikipedia. „Manche Autoren gehen von einer
alleinigen Entscheidung des Weibchens aus, andere nehmen an, dass das
Männchen dem Weibchen die infrage kommenden Nistplätze zeigt oder auf
andere Weise mehr oder weniger Einfluss nimmt.“
Bei einer anderen Amselforschung – im Rahmen eines „Jugend
forscht“-Wettbewerbs – war die „Sonderpreisgewinnerin“ von der Frage
ausgegangen, ob die Londoner und Berliner Amseln unterschiedlich singen:
„Ja, es lassen sich Unterschiede (Dialekte) nachweisen.“
Dem Amselgesang widmen sich etliche Vogelforscher, denn die Amsel gilt als
„besonders kreativ in der Erfindung, Kombination und Variation von Motiven.
Die melodiösen Strophen klingen für menschliche Ohren eingängig und
gefällig, ganz im Gegensatz zu dem bei Erregung zu hörenden Zetern oder
‚Tixen‘, einer Aneinanderreihung hoher ‚tix‘-Laute.“ Nicht zuletzt wegen
des Gesangs, von Männchen wie Weibchen, wurden sie in Neuseeland und
Australien eingebürgert. Vielen Farmern dort gelten sie nun als Schädlinge
und werden verfolgt, weil sie ihre Obstplantagen und Weinberge plündern. In
Nordamerika und Südafrika waren die Einbürgerungsversuche erfolglos.
Die Amsel war einmal ein scheuer Waldvogel, aber nach und nach wanderte sie
in die Städte ein, wo sie sich stark vermehrte und inzwischen zu den
beliebtesten und am wenigsten scheuen Wildvögeln gehört. Der
Hobbyornithologe Dr. Salm-Schwader geht davon aus, dass die Ursache für
diese Standortverlagerung mit der Erfindung des Rasenmähers und den damit
möglich gewordenen großen Kurzrasenflächen in den städtischen Parkanlagen
und Gärten zusammenhängt. Den Amseln erleichtern sie das akustische
Auffinden von Regenwürmern, die in ihren Gängen ein scharrendes Geräusch
verursachen, wenn sie sich bewegen.
## Regenwurm, yummy
Die Regenwürmer zählen neben Insekten zur Hauptnahrung der Amseln. Dr.
Salm-Schwader vertritt die These, dass das Kurzhalten der Rasenflächen sich
positiv auf die Intelligenzentwicklung sowohl der Amseln als auch der
Regenwürmer ausgewirkt habe, denn je kürzer das Gras, desto schneller
müssen beide reagieren.
Das Projekt „ICARUS“ der Max-Planck-Gesellschaft, das 200 in Gefangenschaft
geborene Amseln mit Sensoren ausgerüstet und freigelassen hat, will weitere
1.800, die ebenfalls besendert werden, „aus der Natur“ nehmen, wie der MDR
das nannte, um die Flugrouten der 2.000 Amseln zu verfolgen. „Aber was weiß
man, wenn man weiß, ob und wo sich die Singvögel herumtreiben?“ Fragte sich
der MDR. „Ihre Migrationsbewegungen von Nord nach Süd und umgekehrt sind
bekannt. Auch, dass sich manche inzwischen nicht mehr jährlich auf die
Reise machen.“
Je weiter nördlich die Amseln leben, in Schweden, Finnland und Russland,
desto mehr fliegen im Herbst nach Süden, während von den in Mitteleuropa
heimischen sich ein immer geringerer Teil in etwas wärmere Regionen
absetzt. Der Ornithologe Jochen Hölzinger weiß sogar, wo sich die Amseln
aus Baden-Württemberg hinbegeben: Ihr bevorzugtes Winterquartier ist das
untere Rhônetal („Die Vögel Baden-Württembergs“, Band 3/1).
Außerdem weiß man, dass die in Städten lebenden Amseln seltener nach Süden
fliegen als die in Wäldern lebenden. Und dass die Amselmännchen häufiger in
ihren Revieren bleiben als die Weibchen, höchstens weichen sie kurzfristig
der Kälte aus. In den Städten brüten pro Hektar vier und mehr Paare, in den
Wäldern kommt höchstens ein Brutpaar auf einen Hektar. Wobei die
Beobachtungen der „Bird-Watcher“ ergaben, dass die Weibchen ihre Nester
alleine bauen – in Büschen, auf Bäumen oder auf dem Boden – und dass sie
ihre vier bis fünf Eier auch alleine ausbrüten. Das Männchen füttert sie
währenddessen und beteiligt sich dann an der Aufzucht der Jungen.
## Höher gelegen
In der Stadt suchen sich die Amseln höher gelegene Niststandorte als im
Wald und scheuen sich nicht, Papier-, Plastik- und Stoff-Fetzen als
Nistmaterial zu verwenden und ausgefallene Nistplätze – hinter
Leuchtreklame, in Briefkästen, auf Balkonen, in Motorräumen von
Schrottautos – zu akzeptieren. Ein Amselpaar baute einmal sein Nest auf
einem Berglift, als der in Betrieb genommen wurde, musste das Männchen
stets mit hinauf- und wieder hinabfliegen, um sein Weibchen zu versorgen
und später ihre Jungen.
Im Wikipedia-Eintrag heißt es, dass „im Siedlungsgebiet zwar mehr Bruten
pro Jahr erfolgen können, der Bruterfolg aber durch Störungen von Menschen
sowie auch von Hauskatzen beeinträchtigt wird und in ländlichen Gebieten
oft größer ist. In Gebieten, in denen Rabenvögel, insbesondere Elstern,
zahlreich sind, kann es zu einer Häufung von Gelegeverlusten kommen.“
Der Biologe Cord Riechelmann schrieb: Es sei zwar wahr, dass Elstern „in
manchen Gegenden einen Großteil der Erstbruten von Amseln fressen“. Dennoch
lasse sich „kein nachweisbarer Einfluss dieser Tatsache auf den Bestand der
Amseln finden. Amseln bringen es in Städten mitunter auf bis zu drei Bruten
in einem Jahr und offensichtlich können sie sich den Verlust des ersten
Geleges ‚leisten‘.“
Was sie jedoch kaum überleben, ist das seit 2018 durch Stechmücken
übertragene Usutu-Virus: „Komplette Straßenzüge in Hamburg liegen voll mit
toten Amseln“, berichtete Renke Lühken vom Institut für Tropenmedizin dem
NDR. Der NABU schrieb damals auf seiner Internetseite: „Das Amselsterben
nimmt offensichtlich immer größere Ausmaße an. Gab es bis vor einer Woche
erst 1.500 Verdachtsfälle, sind es nun bereits 5.000 Meldungen über kranke
oder verendete Vögel.“
Wo Amseln in Gärten brüten und gefüttert werden, kann es vorkommen, dass
sie die Gartenbesitzer um Hilfe bitten, wenn sich eine Elster ihrem Gelege
beziehungsweise ihren Jungen nähert. Die englische Autorin Len Howard
berichtet in ihrem Buch „Birds as Individuals“ davon. Es handelt von
einigen Blaumeisen und Amseln, die sie über Jahre fütterte und umhegte und
die in ihrem Garten lebten, wozu auch das Innere des Hauses gehörte.
10 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Helmut Höge
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