# taz.de -- Die Wahrheit: Dicke Eier, freizügige Weibchen
       
       > Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (250): Kohlweißlinge
       > sind wieder in großer Zahl da – mitsamt ihrem seltsamen
       > Paarungsverhalten.
       
 (IMG) Bild: Lavendel? Lecker! Kohlweißling
       
       Noch nie habe ich so viele weiße Schmetterlinge in Berlin gesehen wie in
       diesem Jahr. Vielleicht liegt es am Verschwinden der Singvögel, Spatzen
       gibt es schon kaum noch. Sie werden weniger, weil es immer weniger Insekten
       gibt, die sie für die Aufzucht ihrer Jungen brauchen. Auf der anderen Seite
       ermöglicht ihr Verschwinden, dass mehr Insekten überleben. Möglicherweise
       haben aber auch immer mehr Kleingärtner aufgehört, die Raupen des
       Kohlweißlings mit Gift zu töten.
       
       Auch die Kleingarten-Kolonien werden immer weniger, sie weichen
       Neubauprojekten. Eine dritte Möglichkeit für das vermehrte Auftreten der
       Kohlweißlinge erwähnt der Nabu: Es handelt sich dabei gar nicht um die hier
       heimischen Großen und Kleinen Kohlweißlinge, sondern um eine südeuropäische
       Art, den Karstweißling, die sich „erst seit wenigen Jahren bei uns
       ausbreitet“.
       
       Auf mein-schoener-garten.de heißt es: „[1][Kohlweißlinge erkennen und
       bekämpfen]“. [2][Auf nabu.de dagegen]: „Kohlweißlinge erkennen und
       ansiedeln. Wer im Garten Kohl anpflanzt, kann hoffen, dass hier
       Kohlweißlinge ihre Eier hinterlassen.“ Das ist ja das Schöne an „Freedom &
       Democracy“: Jeder kann sagen, was er will. Der Nachteil: Es kommt meist nur
       Pro oder Contra dabei raus. Tod oder Leben. Und nie, ob zum Beispiel die
       Seelen verstorbener Menschen in Schmetterlinge übergehen, wie einige
       indigene Stämme behaupten.
       
       Zur Bekämpfung dieser Seelenretter empfiehlt mein-schoener-garten.de
       Schutznetze, Mischkulturen, Schlupfwespen. Und statt Insektizide zu
       versprühen, sollte man lieber die Raupen von den Blättern absammeln. Aber
       danach besser nicht in den Gemüsegarten des Nachbarn werfen, sondern sie
       umbringen. Die Raupen des Großen Kohlweißlings haben sich gegen ihre
       Fressfeinde selbst etwas einfallen lassen: Sie nehmen aus ihren
       Futterpflanzen die für Vögel ungenießbaren scharfen Senföle auf und
       schrecken sie darüber hinaus mit ihrer Warnfärbung ab.
       
       ## 1.000 Arten
       
       Es gibt rund tausend Weißlings-Arten, in Europa leben 51 Arten, wobei man
       hierzulande meist den Kleinen und den Großen Kohlweißling sieht. Ihre
       Geschlechter unterscheiden sich: Der Große Kohlweißling hat schwarze
       Spitzen auf den Vorderflügeln, die Flügel der Weibchen haben zusätzlich
       zwei schwarze Punkte. Beim Kleinen Kohlweißling hat das Männchen einen
       grauen Fleck auf der Oberseite der Vorderflügel, während die Weibchen dort
       zwei ebenso gefärbte Flecken haben.
       
       Beide Weißlingsarten waren vor allem nach dem Krieg gefürchtet, denn damals
       wurde noch viel Kohl angepflanzt und davon lebten die Raupen der
       Kohlweißlinge, wie ihr Name bereits sagt. Während unsere Ernährung langsam
       abwechslungsreicher wurde, geriet den Raupen der Kohlweißlinge die
       Nahrungsfindung zunehmend schwieriger, denn es wurde immer weniger Kohl
       angebaut.
       
       Diese Schmetterlinge sind sozusagen Friedens- und Wohlstandsverlierer.
       Irgendwann haben sie aber die Kurve gekriegt, indem sie auf andere
       Kreuzblütengewächse und die Große Kapuzinerkresse auswichen. Auf nabu.de
       heißt es: „Sie können bei Massenauftreten auch größere Kohlfelder kahl
       fressen, aber meist nagen sie nur an den Kohlblättern, sodass man das
       Gemüse weiterhin gut essen kann.“
       
       An anderer Stelle schreiben die Naturschützer jedoch: Die Raupen des Großen
       Kohlweißlings „können innerhalb weniger Wochen einen ganz Kohlkopf
       verzehren“. Der Kleine Kohlweißling sei dagegen „flexibler, seine Raupen
       fressen auch an Raps, Ackersenf, Rauke und mehr“. Dennoch gilt er in der
       Landwirtschaft und im Gemüseanbau als der „bedeutendere Schädling“. Erwähnt
       sei ferner, dass „die Raupen sehr gesellig“ sind. Dies gelte vor allem für
       den Großen Kohlweißling, der seine Eier in Gruppen an Blattunterseiten
       klebt, während der Kleine Kohlweißling seine Eier einzeln ablegt. Beider
       Raupen häuten sich vier Mal, wobei ihre hellgelbe Grundfärbung jedes Mal
       etwas dunkler wird.
       
       [3][Die Landwirtschaftskammer von Schleswig-Holstein] teilt mit: „In
       Dithmarschen an der Westküste befindet sich das größte zusammenhängende
       Kohlanbaugebiet Europas … Neben dem Weißkohl finden sich in geringerem
       Umfang Flächen mit Rotkohl, Wirsing- und Blumenkohl, auch Rosenkohl und
       weiteren Kohlarten wie Chinakohl, Brokkoli und Grünkohl sowie ferner
       Kohlrabi sind dabei.“
       
       ## Wahrscheinlich mit Gift
       
       Mindestens auf den großen Anbauflächen in Dithmarschen wird man die Raupen
       der Kohlweißlinge wahrscheinlich mit Gift bekämpfen. Während etliche
       Schmetterlinge im Erwachsenenstadium keine Nahrung mehr aufnehmen können
       und auch nur ein paar Tage lang leben, haben die Weißlinge einen
       Saugrüssel, mit dem sie gern in großen Gruppen an Pfützen Wasser trinken.
       Daneben ernähren sie sich vom Nektar vieler Blütenpflanzen.
       
       Bei der Metamorphose der kurzlebigen, keine Nahrung mehr aufnehmenden
       Schmetterlinge mag man sich fragen, ob ihr sehr viel längeres Leben als
       blattfressende Raupe nicht ihre eigentliche Existenz ausmacht. Als
       Schmetterling geht es ihnen dann nur noch darum, sich zu verpaaren, danach
       sterben sie, ähnlich wie auch viele Blüten.
       
       Der Philosoph Theodor Lessing meinte, manche Blume könnte man „als ein
       festgebanntes Insekt“ bezeichnen – und andersherum „viele Insekten, zumal
       die Bienen und Schmetterlinge, als frei bewegliche Blumen“.
       
       Die Kohlweißlinge sieht man von März bis in den Spätherbst, es handelt sich
       dabei jedoch um zwei bis vier Generationen, die sich nacheinander in den
       acht warmen Monaten paaren und Eier legen, aus denen dann ihre Raupen
       schlüpfen, wobei die zuletzt geborenen den Winter verpuppt überleben.
       
       Die Zoologin Lucie Cooke behauptet in ihrem Buch „Bitch – Ein
       revolutionärer Blick auf Sex, Evolution und die Macht des Weiblichen im
       Tierreich“ (2023): „je größer die Hoden, desto freizügiger die Weibchen“.
       In Bezug auf das Männchen des Großen Kohlweißlings heißt das: „Es besitzt
       Hoden, die seinem Appetit auf Kohlpflanzen entsprechen, und der ist enorm.
       Das Männchen zum Beispiel des Großen Ochsenauges hat dagegen
       vergleichsweise winzige Hoden. Dies spiegelt die unterschiedlichen
       Paarungsstrategien der Weibchen wider – diejenigen des Großen Kohlweißlings
       sind polyandrisch [sie betreiben „Vielmännerei], die Weibchen des Großen
       Ochsenauges dagegen nicht.“
       
       Hinzugefügt sei: Das Paarungsverhalten des Großen Kohlweißlings beginnt
       meist in den frühen Morgenstunden, wenn die Männchen auf der Suche nach
       Weibchen sind – und nicht umgekehrt.
       
       7 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.mein-schoener-garten.de/themen/kohlweisslinge
 (DIR) [2] https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/schmetterlinge/tagfalter/31721.html
 (DIR) [3] https://www.lksh.de/landwirtschaft/ackerkulturen-von-ackerbohnen-bis-zwischenfruechte/kohl
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Helmut Höge
       
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