# taz.de -- Nationalistische Ressentiments: „Mal sehen, was Polen ohne uns macht“
> Flüchtlinge aus der Ukraine verlassen in wachsender Zahl Polen. Es gibt
> dort immer mehr Übergriffe – und Polens extreme Rechte pöbelt immer
> lauter.
(IMG) Bild: Da war die Stimmung besser: Ukrainer und Polen demonstrieren vor Russlands Botschaft am 2. Jahrestag der russischen Vollinvasion
„Ich suche Hilfe für meinen Sohn, der in der Schule von polnischen Jungs
gemobbt wird. Die Lehrerin macht nichts dagegen“, klagt Lesja K. Sie wartet
in einer Schlange vor dem Ukraїński Dom, dem ukrainischen Haus beim
Polonia-Stadion in Warschaus Innenstadt. „Das Klima gegenüber uns hat sich
völlig verschlechtert. Ukrainisch trauen wir uns nicht mehr in der
Öffentlichkeit zu sprechen, um nicht angepöbelt zu werden“, berichtet die
aus dem ukrainischen [1][Dnipro] mit ihrem Sohn nach der russischen
Vollinvasion nach Polen Geflüchtete.
So wie Lesja K., die ihren vollen Namen nicht nennen möchte, geht es vielen
Menschen aus der Ukraine in Osteuropas größter Volkswirtschaft. In den
ersten sechs Monaten – neuere Statistiken hat Polens Polizei bisher nicht
veröffentlicht – gingen bei den Sicherheitsbehörden 180 Anzeigen wegen
nationalistisch motivierter Straftaten gegen Ukrainerinnen und Ukrainer
ein. Das ist fast ein Drittel mehr als im Vorjahr. Einzelne Opfer mussten
nach Überfällen ins Krankenhaus.
Binnen eines Jahres ist die Zahl der offiziell als Flüchtlinge
registrierten Menschen aus der Ukraine von 999.146 im September 2025 auf
868.037 gesunken. Hinzu kommen geschätzt eine halbe Million, die vor oder
nach der Vollinvasion ein Daueraufenthaltsrecht in Polen bekam. Zum
Vergleich: Das UNO-Flüchtlingswerk weist für Deutschland 1,27 Millionen
ukrainische Flüchtlinge aus.
Polen macht es Ukrainerinnen und Ukrainern inzwischen an vielen Fronten
schwer: Schon die Einreise in Bussen, Bahnen oder Pkw ist mit Wartezeiten
an den Grenzen von oft bis zu 16 Stunden verbunden. 52 Prozent der
Bevölkerung sind laut Umfrage des Meinungsforschungsinstitut CBOS gegen die
weitere Aufnahme von Ukrainerinnen und Ukrainern, 2022 waren noch 94
Prozent dafür.
## Tückische Einreisestempel
Wer bei der Einreise nicht aufpasst, dass ausdrücklich „Schutzstatus UKR“
im Pass vermerkt werde, reise als Tourist ein und „verliert dadurch den
Flüchtlingsstatus“, sagt Dmytro Dymydyuk, der im Ukraїński Dom Landsleute
berät. „Davon haben wir sehr viele Fälle“, so Dymydyuk, der 2018 als
Student nach Warschau kam.
Und wer den Status UKR nicht hat, bekommt seit März Probleme mit der
Krankenversicherung. So werden Fälle von aus der Ukraine stammenden
Hochbetagten berichtet, die ihre Dialyse nicht mehr bekämen, da sie nicht
mehr staatlich versichert seien. Dabei errechnete die staatliche
Entwicklungsbank BGK, dass die in Polen lebenden Menschen aus der Ukraine
gut fünf Mal so viel in den nationalen Gesundheitsfonds einzahlen, als sie
daraus bekommen.
Ein weiteres Problem sei das Kindergeld. Die umgerechnet 184 Euro pro Monat
bekommen alle polnischen Bürger mit Kindern automatisch, aber etwa
Großeltern mit Enkeln aus der Ukraine nicht. Mütter, die wegen mehrerer
Kinder oder der Betreuung eines behinderten Kindes nicht arbeiten, auch
nicht. Schulpflicht für das Kind und Arbeitspflicht für die Eltern sind
Voraussetzungen für Kindergeld.
Offene Aggression auf der Straße erlebe er nicht, sagt Dymydyuk, „aber ich
bin auch 1,90 Meter groß“. Anders Lyudmyla Kurkos 15-jährige Tochter. Sie
war mit ukrainischen Freunden unterwegs und wurde von aggressiven
polnischen Männern so verprügelt, dass sie einen Zahn verlor. „Es wurde
gefährlich. Deshalb sind wir nach Spanien ausgewandert“, sagte Kurko dem
polnisch-ukrainischen Journalistinnenprojekt Sestry.
„Wir“ umfasst auch noch ihren Mann, der als Freiwilliger in der Ukraine an
der Front war. Er wurde schwer verwundet und kam zu Lydmyla, die mit der
Tochter 2022 geflohen war. Bei der Arbeit in einem polnischen Krankenhaus
sei ihr Mann von einem Kollegen beschimpft worden, er solle wieder in die
Ukraine gehen.
## Präsident mit „postkolonialem Überlegenheitsgefühl“
Die wachsende Aggression „hängt nur von polnischen Politikern ab“, ist sich
Mirosław Skórka sicher. Er vertritt als Vorsitzender der Ukrainer in Polen
die 80.000 ukrainischstämmigen polnischen Staatsangehörigen. Der 2025
gewählte [2][Präsident Karol Nawrocki] glaube, dass „Polen besser und
stärker sei als die Ukraine“. Das entspräche einem „postkolonialem
Überlegenheitsgefühl“, sagt Skórka. Er sorgt sich vor einer Welle
antiukrainischer Ressentiments im Vorfeld der Parlamentswahl 2027.
Denn neben der abgewählten rechtspopulistischen PiS-Partei überbietet sich
die im Sejm in drei Fraktionen aufgespaltene rechtsextreme Partei
Konfederacija mit antiukrainischen Losungen – am extremsten die Abspaltung
von Grzegorz Braun. Er postete, wie er ein ukrainisches Denkmal mit einem
Vorschlaghammer malträtiert.
Ökonomisch ist die antiukrainische Stimmung unangebracht: „Wenn es die
ukrainischen Flüchtlinge nicht gäbe, wäre Polens Bruttoinlandsprodukt um 7
Prozent niedriger“, sagt Leszek Balcerowicz, Ex-Finanzminister und
Ex-Zentralbankchef. 78 Prozent der erwachsenen Ukrainer in Polen arbeiten,
sie stellen 5 Prozent aller Beschäftigen. 2025 gründeten sie 12 Prozent
aller neuen Unternehmen und seit 2022 insgesamt 123.300 Firmen.
Ihre Kinder könnten nur noch zu Hause Ukrainisch sprechen, „auf der Straße
ist das schlicht zu gefährlich“, sagt eine Juristin aus Charkiw, die in
Warschau lebt. „Ich ersehne den Tag, an dem wir nach Hause und endlich
wieder leben können, ohne unerwünscht zu sein.“ Dann ergänzt sie: „Und weil
ich dann sehen möchte, was die Polen machen, wenn wir alle weg sind.“
21 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Krieg-in-der-Ukraine/!6212635
(DIR) [2] /Queer-in-Polen/!6197329
## AUTOREN
(DIR) Mathias Brüggmann
## TAGS
(DIR) Polen
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Flüchtlinge
(DIR) PiS
(DIR) Karol Nawrocki
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Warschau wird zu einer grünen Stadt: Wie sich Betonwüsten in Wohlfühloasen verwandeln
Die polnische Hauptstadt wird dank millionenschweren Investitionen grüner.
Unsere Autorin sieht selbst: Das Leben dort ist ein anderes geworden.
(DIR) Streit zwischen Polen und Ukraine: Frischer Konflikt mit alten Wurzeln
Ausgerechnet jetzt müssen Polen und die Ukraine miteinander streiten. Grund
ist die unterschiedliche Perspektive auf über 80 Jahre alte Ereignisse.