# taz.de -- Care ist der größte Wirtschaftssektor: Wirtschaft ist Windeln wechseln
       
       > Sorgearbeit steht im Zentrum jeder Ökonomie. Das legt die Politökonomin
       > Feline Tecklenburg in ihrem Buch „Das Wir in Wirtschaft“ dar.
       
 (IMG) Bild: Drei Viertel der unbezahlten Care-Arbeit erledigen Frauen – und sie bleibt unsichtbar
       
       Was wäre, wenn wir Care, Sorgearbeit, als den Kern von Wirtschaft
       begreifen? Wie sähe eine Gesellschaft aus, in der Fürsorge nicht als Last
       begriffen wird, die man finanzieren muss? Das ist der Kerngedanke von
       Feline Tecklenburgs Buch „Das Wir in Wirtschaft“ und damit ist sie bei
       Weitem nicht allein. So ist die Politökonomin Mitbegründerin und
       Co-Vorständin der Denkwerkstatt „Wirtschaft ist Care“. 2015 in St. Gallen
       gegründet, strebt der Verein einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft an.
       
       Gerade in Zeiten, in denen Teile der CDU soziale Politik als
       Linksextremismus diffamieren, kommt diese These aus der Wirtschaftstheorie
       wie gerufen. Sorgearbeit im weitesten Sinne sei nicht Last, sondern eben
       das Herzstück von wirtschaftlichen Zusammenleben, heißt es bei Tecklenburg.
       
       „Menschen brauchen Sorgearbeit wie die Luft zum Atmen“, betont die Autorin
       und behauptet: „Synonyme für Wirtschaft sind Sorge, Fürsorge, Care.“
       Ebendiese Annahme findet sich in so treffenden Überschriften wie
       „Wirtschaft ist Windeln wechseln“. So steht für die Wissenschaftlerin fest:
       Der größte Wirtschaftssektor sei nicht die Industrie, der Finanzsektor oder
       Dienstleistungen, nein es sei die unbezahlte Sorgearbeit.
       
       Denn weltweit werden jeden Tag 16 Milliarden Stunden Sorgearbeit verrichtet
       – unbezahlt. Wie soll es im Patriarchat anders sein? [1][Drei Viertel
       dieser Arbeit erledigen Frauen.] In Deutschland heißt das konkret, jede
       Frau leistet durchschnittlich rund 39 Stunden unbezahlte Sorgearbeit pro
       Woche. Arbeit, die also neben der bezahlten Erwerbstätigkeit, obendrauf
       kommt.
       
       ## Der Mensch sei ein fürsorgliches Wesen
       
       Während Bundeskanzler Friedrich Merz „mehr Arbeit, mehr Leistung“ für eine
       höhere volkswirtschaftliche Leistung fordert und damit die bezahlte
       Lohnarbeit meint, setzt die Idee von „Das Wir in Wirtschaft“ am anderen
       Ende an.
       
       Denn der weit verbreiteten „Knappheitserzählung“ – „Wohlstand müsse erst
       erwirtschaftet werden, bevor er sozial gerecht verteilt werden könne“ –
       liege ein verzerrtes Verständnis von Care im Verhältnis zur Gesellschaft
       zugrunde. Der Mensch sei ein „homo curans“, ein fürsorgliches Wesen. Es
       gehe im gesellschaftlichen Zusammenleben nicht um noch mehr Profite,
       sondern um die Sorge füreinander.
       
       Wobei in diesem Verständnis von Care alles enthalten ist, was im weitesten
       Sinne Fürsorge beinhaltet: die Spülmaschine einräumen, den Kindern eine
       Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, an den Zahnarzttermin denken, die
       Heizkostennachzahlung überweisen.
       
       Zoomt man aus der individuellen Ebene heraus, fällt der Blick auf
       gesellschaftlicher Ebene auf medizinische Versorgung, Pflege, Erziehung,
       Bildung, Infrastruktur. Welchen Stellenwert haben Pflegekräfte,
       Reinigungskräfte oder Erzieher*innen, die Müllabfuhr, Straßenreinigung und
       Krankenhäuser in unserer Gesellschaft? Viele eindrückliche, mitunter
       persönliche Beispiele gepaart mit allzu deutlichen Statistiken finden sich
       hinter dem auf denen ersten Blick sperrig wirkenden Titel: „Das Wir in
       Wirtschaft. Wer Care-Arbeit aufwertet, sichert Wohlstand und Demokratie.“
       
       ## Was, wenn Wohlstand erst durch Fürsorge entsteht?
       
       Dabei bringt das Werk von Wissenschaftlerin Tecklenburg die aktuellen
       Krisen von Klima, Demokratie und Wirtschaft treffend auf den Punkt und
       zeigt dabei höchst verständlich die theoriegeschichtliche Entwicklung der
       letzten Jahrhunderte auf.
       
       Die braucht es, um zu verstehen, wie heutzutage die neoliberale
       patriarchale Wirtschaftslogik, unser Verständnis von Zusammenleben prägt
       und damit Krisen weiter vorantreibt. Doch das muss nicht zwingend so sein.
       Tecklenburg beschreibt den Siegeszug des heute allseits propagierten
       Neoliberalismus, der mittlerweile so sehr unser Denken beeinflusst, dass
       Macht und Profit als ökonomische Ziele unhinterfragbar zu sein scheinen.
       
       Denn im westlichen Verständnis liegt die Idee des „homo oeconomicus“
       unserem Zusammenleben zu Grunde. Größen wie Thomas Hobbes, Adam Smith,
       David Ricardo, Thomas Malthus bis hin zur Mont-Pèlerin-Gesellschaft ebneten
       dieser fatalen Logik den Weg. Höchste Zeit für ein Umdenken. Was, wenn
       Wohlstand erst durch Fürsorge entsteht?
       
       ## Ungesehene Arbeit trägt den gesellschaftlichen Eisberg
       
       Der Aufbau Verlag ist bekannt für linke und gesellschaftskritische
       Literatur. So ist das Werk von Tecklenburg hier goldrichtig. Im Grunde ist
       es eine gut recherchierte und klare wirtschaftstheoretische Abhandlung zum
       Verständnis von Arbeit. In unserer neoliberalen Welt gilt nur solche als
       richtig, die Profit erwirtschaftet. Wohingegen all die unbezahlten Stunden
       ungesehen und nicht honoriert bleiben. Dabei zeichnet die
       Wirtschaftstheoretikerin unter anderem das einleuchtende Bild vom Eisberg
       auf: Für alle sichtbar über der Wasserfläche tummelt sich alles, was wir
       Erwerbsarbeit nennen. Doch darunter liegt die ehrenamtliche sowie die
       kognitive und emotionale Arbeit. Diese ungesehene und unbezahlte Arbeit
       trägt den gesellschaftlichen Eisberg.
       
       Alles in allem ist „Das Wir in Wirtschaft“ ein theoretisches und
       verständliches Buch, das mit alltäglichen Beispielen punktet und
       Lösungswege aufzeigt. In der Danksagung findet sich der Hinweis, dass
       Feline Tecklenberg ihr Promotionsprojekt für dieses Werk auf Eis gelegt
       hat. Warum eigentlich? Bei über 40 Seiten Quellenangaben, einer langen
       Liste an Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker:innen wäre diese
       Arbeit auch im wissenschaftlichen Kontext sinnvoll aufgehoben.
       Höchstwahrscheinlich ist das Thema zu wichtig, um in den langen Reihen der
       Bücherregale der Universitäten zu verstauben.
       
       Nun steht eine Lesereise an, die das Thema „Wirtschaft ist Care“ weiter in
       die Welt trägt. In Zeiten, in denen die Entsolidarisierung der
       Gesellschaft, die Profitgier von Großkonzernen und die Machtkonzentration
       von wenigen Ultrareichen immer selbstverständlicher werden, wäre ein
       radikales Umdenken wünschenswert.
       
       5 Oct 2026
       
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