# taz.de -- Azubis und der Wohnungsmarkt: Wo will der Nachwuchs wohnen?
> Bezahlbarer Wohnraum unterstützt Betriebe, die über Nachwuchsmangel
> klagen. Schleswig-Holstein will Azubis bei der Wohnungssuche helfen. Doch
> es gibt Kritik.
(IMG) Bild: Auszubildende finden in manchen Regionen in Schleswig-Holstein keinen bezahlbaren Wohnraum: das Azubi-Werk soll Abhilfe schaffen
Studierende haben schon lange eine Anlaufstelle – warum nicht die Azubis?
Schleswig-Holsteins schwarz-grüne Landesregierung will diese Lücke
schließen und ein Azubi-Werk schaffen. Es soll den Auszubildenden helfen
und damit auch indirekt [1][Lehrbetrieben, die über Nachwuchsmangel
klagen]. Doch ausgerechnet die Vertretungen der Betriebe, die Industrie-
und Handelskammern sowie die Handwerkskammern, sprechen sich gegen das
geplante Werk aus. Auch die Landtagsopposition sieht Probleme bei der
Umsetzung.
Azubi-Werk sei, na klar, eine „verdammt spannende Überschrift“, aber der
Gesetzentwurf, den die Koalition dazu vorgelegt habe, sei doch sehr mit
einer heißen Nadel gestrickt, kritisierte Martin Habersaat (SPD).
„Fehlgeleiteten Aktionismus“ sieht Christopher Vogt (FDP). Eine geplante
„Beratungsstelle, die sagt, wo man sich beraten lassen kann“, sei glatte
Geldverschwendung.
Die Landesregierung will, so steht es im Gesetzentwurf, eine neue Anstalt
öffentlichen Rechts gründen. Sie soll „bezahlbaren Wohnraum für Azubis
schaffen und bereitstellen“, in Einzelfällen finanzielle Starthilfen etwa
für die erste Einrichtung geben und bei allgemeinen Fragen beraten. Es
solle keine Doppelstrukturen geben, betont der Grünen-Fraktionschef Lasse
Petersdotter, der gedankliche Vater des Azubi-Werks: „Wir wollen Rückenwind
für Auszubildende und Hilfe dort, wo sie gebraucht wird.“
## Zentralisiertes Wohnheimangebot unerwünscht
Die Idee ist nicht ganz neu: [2][Hamburg hat bereits ein Azubi-Werk], das
Wohnheime betreibt, aber auch „Sommerabende auf der Dachterrasse“ oder
Häkelkurse organisiert. Doch es gibt einen großen Unterschied: Hamburg ist
ein Stadtstaat, Schleswig-Holstein ein Flächenland. Ein zentralisiertes
Wohnheimangebot sei von den Azubis gar nicht gewünscht, [3][sagt Jörg
Orlemann, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Kiel].
Gemeinsam mit den Handwerkskammern hatte die IHK eine Umfrage gestartet.
Demnach würden viele Azubis noch bei den Eltern wohnen und seien damit
durchaus zufrieden. Das geplante Werk dagegen „schafft ein
Bürokratiemonster“, dessen interne Verwaltung und Personal einen
erheblichen Teil der jährlich dafür eingeplanten sieben Millionen Euro
verschlingen würden. Unausgesprochen steht darüber hinaus die Sorge im
Raum, dass am Ende Kosten bei den Betrieben hängenbleiben könnten.
Der CDU-Fraktionschef Tobias Koch verteidigt das geplante Gesetz gegen die
Kritik. „Wir finden es eine echt, echt gute Idee“, beteuerte er bei einem
Pressegespräch vor der Landtagssitzung. Er sieht das Geld vor allem als
Hebel: Mit einem einstelligen Millionenbetrag könnte das Azubi-Werk einen
deutlich höheren Kredit erhalten. Damit sei es möglich, jedes Jahr neuen
Wohnraum zu schaffen – [4][nahe den Berufsschulen etwa], damit dort mehr
Blockunterricht stattfinden könnte. Wo es noch Bedarf gibt, will das
Innenministerium zurzeit mit einer Umfrage herausfinden.
Obwohl die Ergebnisse noch nicht vorliegen, glaubt Lasse Petersdotter fest,
dass der Bedarf besteht: Dass ausgerechnet [5][Azubis kein Mietproblem]
hätten, sei die „Exklusivmeinung der Kammer“, sagte er bei der
Landtagssitzung. Ja, viele Nachwuchskräfte wohnten noch bei ihren Eltern,
aber eben nicht freiwillig. „Doch das System ist so gebaut, dass das der
normale Weg ist.“ Doch anders als früher gebe es nicht mehr in jedem Dorf
Ausbildungsbetriebe. „Wenn die Azubis bei der Umfrage der IHK auf
Mobilitätsprobleme hinweisen, ist das die Kehrseite der Wohnungsmedaille.“
Unterstützung für den Plan kommt vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB):
„Auszubildende schildern uns gegenüber immer wieder, dass sie in manchen
Regionen in Schleswig-Holstein keinen bezahlbaren Wohnraum finden“, heißt
es in einer [6][Mitteilung des Landesverbandes Nord]. „Azubis haben nicht
viel Geld und sind daher besonders auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen“,
sagt Wiebke Oetken von der DGB-Jugend Nord. „Das Azubi-Werk
Schleswig-Holstein ist endlich ein konkreter Schritt zur echten
Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung.“
CDU und Grüne wollen das Gesetz noch vor Ende der Wahlperiode im kommenden
Frühjahr umsetzen und damit die Gründung des Azubi-Werks in die Wege
leiten. Davor stehen allerdings noch Beratungen in den Ausschüssen. Die
werden nicht einfach werden, weiß Tobias Koch. Um alle Beteiligten zu
überzeugen, „liegt noch eine kommunikative Aufgabe vor uns“.
17 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Mietenwahnsinn-in-Berlin/!6201901
(DIR) [2] http://azubiwerk-hamburg.de/
(DIR) [3] https://www.ihk.de/schleswig-holstein/bildung/aktuelles/azubiwerk-7156860
(DIR) [4] /Lehre-im-Obstbau/!6202177
(DIR) [5] /Probleme-bei-der-Ausbildungsplatzsuche/!6207344
(DIR) [6] https://nord.dgb.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/ein-azubiwerk-fuer-schleswig-holstein-bleibt-wichtig/
## AUTOREN
(DIR) Esther Geißlinger
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