# taz.de -- Alexandria Ocasio-Cortez: Pläne, Zweifel und klare Abgrenzungen
       
       > Alexandria Ocasio-Cortez war einmal die Pionierin junger Progressiver bei
       > den US-Demokraten. Jetzt ist sie gesetzter und die heute Jungen
       > überholen.
       
 (IMG) Bild: Alexandria Ocasio-Cortez mit Bernie Sanders in Washington. Die einstige progressive Pionierin grenzt sich heute von früheren Positionen ab
       
       In vielerlei Hinsicht hätte dies ein großartiger Sommer für [1][Alexandria
       Ocasio-Cortez] sein können. Ihre Stammpartei, die Democratic Socialists of
       America, scheinen mit Siegen in Vorwahlen ihren nationalen Durchbruch zu
       schaffen. Ein ganzer Kader junger progressiver KandidatInnen schickt sich
       an, nach Washington zu ziehen und dort ihren Flügel, die linke Fraktion der
       demokratischen Partei, zu stärken. Das, was sie vor acht Jahren als
       progressive Außenseiterin in der US-amerikanischen Politik mit angestoßen
       hat, scheint jetzt zur vollen Blüte zu gelangen.
       
       Und doch war es ruhig um AOC in den vergangenen Monaten. Sie unterstützte
       [2][Zohran Mamdani] in New York, den beiden jungen New Yorker Kandidatinnen
       für das Abgeordnetenhaus, die genau in ihre Fußstapfen traten, versagte sie
       jedoch ihre formale Billigung. [3][Abdul El Sayed] in Michigan bekam von
       ihr den ob ihrer Prominenz durchaus wertvollen Zuschlag. Die sozialistische
       Gouverneurskandidatin in Wisconsin Francesca Hong nicht. Hong verlor knapp
       die Vorwahl.
       
       In der vergangenen Woche, nach dem Abschluss der ersten großen Welle von
       Vorwahlen, tauchte AOC dann schließlich in einem ausführlichen
       [4][Interview mit dem Sendenetzwerk ABC] auf – einem der letzten großen
       Fernsehsender, die Trump noch die Stirn bieten. Dabei mühte sie sich
       deutlich, sich in der sich rund um sie herum rasant verändernden
       politischen Landschaft zu positionieren.
       
       Auf die Frage, warum sie sich hinter manche der neuen progressiven
       KandidatInnen stellt und hinter andere nicht, sagte sie recht ehrlich, dass
       „das Parlament ja auch ein Arbeitsplatz“ sei. Sprich, sie hat im
       Abgeordnetenhaus Allianzen und Verbindungen, auf die sie Rücksicht nehmen
       muss.
       
       ## Nicht mehr die AOC von 2018
       
       Auf das [5][nationale Parteiprogramm der Demokratischen Sozialisten], das
       einige der neuen KandidatInnen vertreten, angesprochen, gab sie zu, dass
       sie es so nicht mehr unterschreiben könne. Positionen wie die Abschaffung
       des Senats und die sofortige Einbürgerung aller illegalen Einwanderer könne
       sie so nicht unterstützen. Sie bleibe zwar Mitglied der DSA, aber nur ihres
       lokalen Zweigs in New York. Mit der nationalen Organisation möchte sie
       nichts mehr direkt zu tun haben.
       
       Um AOC etwas genauer darauf festzunageln, wie sie denn nun zu ihren
       politischen Erben stehe, fragte der Interviewer Jonathan Karl schließlich
       ganz unumwunden, ob die heutige AOC sich hinter [6][die AOC von 2018]
       stellen würde. Etwas verlegen grinsend antwortet die Abgeordnete:
       „Wahrscheinlich nicht.“
       
       Die extremeren Positionen von „Woke 1.0“, die sie damals vertreten habe,
       führte AOC aus, sehe sie heute nicht mehr als haltbar. Die Definanzierung
       der Polizei etwa oder die Abschaffung des Strafvollzuges. In der Zeit um
       2020 herum, dem Höhepunkt der Black-Lives-Matter-Bewegung, sagte sie, sei
       eben vieles extrem und vieles offen gewesen. Es sei gut gewesen, damals
       auch mit radikalen Ideen zu experimentieren, doch diese Zeit sei nun
       vorbei.
       
       Unklar bleibt dabei jedoch, wo AOC heute genau steht. Es ist eine Frage von
       einiger Brisanz. In einer demokratischen Partei ohne Führungsfigur gehört
       sie zum engeren Kreis der AnwärterInnen. Ihre Präsidentschaftskandidatur
       für 2028 mag sie derzeit weder bestätigen noch ausschließen. Ihr
       Entschluss, ihre Eizellen einzufrieren, lesen jedoch nicht wenige als
       Zeichen dafür, dass die 36-Jährige ihre politische Karriere mindestens auf
       die nächsten zehn Jahre anlegt.
       
       ## Aufgerückt ins demokratische Establishment?
       
       Dabei scheint AOC damit zu ringen, dass ihr in sechs Jahren Washington die
       politische und ideologische Frische abhandengekommen ist, die die neue
       Riege an progressiven PolitikerInnen mit sich bringt. Längst ist sie von
       dem Pragmatismus affiziert, der sich in der Rolle der Gesetzgeberin
       anscheinend nicht vermeiden lässt.
       
       So ist Ocasio-Cortez in ihren Jahren im Kongress nicht selten entgegen
       ihrer expliziten Überzeugung auf Parteilinie eingeschwenkt. Sie hat 2024
       die Kandidatur von Biden befürwortet. Sie hat gegenüber der Israelpolitik
       von Biden und Harris keinen nennenswerten Widerstand geleistet. Und sie hat
       beispielsweise für den staatlichen Covidhilfsplan gestimmt, ohne, wie von
       der Basis gefordert, ihre Stimme an eine Anhebung der Mindestlöhne zu
       knüpfen.
       
       Bereits 2023 bezeichnete das New York Magazine sie deshalb als ein ganz
       gewöhnliches Mitglied des demokratischen Parteiestablishments. Eben jenes
       Establishments, gegen welches die neuen, jungen Kräfte der Partei nun
       rebellieren. Sollten sich diese Kräfte jetzt als diejenigen entpuppen,
       welche die Partei in die Zukunft treiben, muss AOC sich strecken, um sie
       davon zu überzeugen, dass sie noch eine von ihnen ist. Auch, wenn sie
       selbst das alles einmal losgetreten hat.
       
       20 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] /Linker-gewinnt-Parteiwahl-in-Michigan/!6198887
 (DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=SFwAnMLBSOw&t=1050s
 (DIR) [5] https://program.dsausa.org/
 (DIR) [6] /Linke-US-Demokraten/!5534436
       
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