# taz.de -- Spielfilm „Pressure“ über D-Day: Druck von allen Seiten
       
       > Der Spielfilm „Pressure“ von Anthony Maras erzählt vom D-Day aus Sicht
       > eines Meteorologen. Er führt ins Zentrum der entscheidenden Wende im
       > Zweiten Weltkrieg.
       
 (IMG) Bild: Druck von allen Seiten: Captain James Stagg (Andrew Scott) in „Pressure“
       
       Dass es auf den Britischen Inseln ständig regnet, ist zwar ein Mythos,
       dennoch spielt das Wetter für die Briten eine große Rolle, zählte der
       Regenschirm lange zu den unverzichtbaren Requisiten eines wahren
       Gentlemans. Kein Wunder also, dass nun der englische Film „Pressure“ nur
       knapp davor zurückschreckt, zu postulieren, dass ausgerechnet ein
       Wetterfrosch und dessen Wettervorhersage den Ausgang des Zweiten
       Weltkrieges auf entscheidende Weise beeinflusst hat.
       
       Die Rede ist von Captain James Stagg, der führende schottische Meteorologe
       seiner Zeit, der Anfang 1944 zum Chefmeteorologen der geplanten Operation
       Overlord berufen wurde und dafür sorgte, dass [1][die Landung in der
       Normandie] um einen Tag, vom 5. auf den 6. Juni, verschoben wurde.
       
       Und das bedeutete weit mehr, als einfach nur einen Ausflug wegen schlechten
       Wetters um einen Tag zu verschieben, denn die Eröffnung einer weiteren
       Front in Europa war eine aufwendige, komplizierte und extrem risikoreiche
       Aktion: Das Datum Anfang Juni war gewählt, da in diesen Tagen Vollmond war,
       eine Voraussetzung für nächtliche Vorbereitungen der Landung. Für die es
       wiederum notwendig war, dass der Seegang im Englischen Kanal nicht allzu
       hoch war, ansonsten hätten die Landungsboote der Alliierten die Küste nicht
       erreichen können.
       
       Allzu schwerer Regen durfte auch nicht fallen, da das die vorbereitende
       Bombardierung der deutschen Stellungen verhindert hätte. Es musste also
       sehr viel zusammenkommen, damit die aufwendigste Invasion der Geschichte
       eine Chance auf Erfolg haben würde, und einer der wichtigsten Aspekte dabei
       war das passende Wetter.
       
       ## Wettervorhersagen immer noch unzuverlässig
       
       Bekanntermaßen sind auch heute, 80 Jahre später, Wettervorhersagen trotz
       enormer täglich verarbeiteter Datenmengen immer noch nur bedingt
       zuverlässig. 1944, zu analogen Zeiten, hatten die Meteorologen deutlich
       weniger Daten zur Verfügung, zudem keine Computer, um die Datenmengen zu
       analysieren und Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, sondern nur ihre eigene
       Erfahrung und Expertise.
       
       Es mag sich furchtbar trocken anhören, dass es in „Pressure“ im Kern um den
       Konflikt um zwei unterschiedliche Methoden der Analyse von Wetterdaten
       geht. Das faszinierende an Anthony Maras’ Drama ist jedoch, dass es auf
       verblüffende Weise zeigt, wie das Kino in der Lage ist, jede noch so
       profane Tätigkeit mitreißend und, ja, sexy, erscheinen zu lassen, gerade
       wenn es nicht um eine physische Tätigkeit geht, sondern um geistige Arbeit.
       
       Unweigerlich mag man an die zahlreichen Gerichtsfilme denken, die gerade im
       angelsächsischen Raum durch das Konstrukt der Jury immer wieder zeigen, wie
       mitreißend es sein kann, wenn durch die bloße Kraft der Worte sich das
       Schicksal wendet. Es hilft dabei natürlich, wenn so ein wortgewandter,
       kluger Kopf, wie es Stagg ist, von Andrew Scott gespielt wird, einem
       Schauspieler, der schon als Moriarty in der BBC-Serie „Sherlock“
       gleichermaßen finster und verführerisch agierte, dabei aber vor allem
       enorme Intelligenz ausstrahlte.
       
       ## Duell um Aufmerksamkeit
       
       Angesichts seines Charismas kann es Scott auch riskieren, seine Figur
       anfangs betont unsympathisch anzulegen: Vom ersten Moment, wenn sein Stagg
       den neuen Posten antritt, strahlt er überhebliche, aber wie sich
       herausstellen wird, völlig berechtigte Arroganz aus, scheucht Untergebene
       herum, schert sich nicht darum, Sympathiepunkte zu machen. Ganz anders sein
       amerikanischer Gegenspieler, der Meteorologe Irving Crick (Chris Messina),
       mit dem sich Stagg schnell in einem Duell um die Aufmerksamkeit des Mannes
       befindet, der am Ende die schwerwiegende Entscheidung treffen wird: der
       amerikanische General Dwight D. Eisenhower (Brendan Fraser).
       
       Zwei unterschiedliche Methoden der Wettervorhersage betreiben die beiden
       Meteorologen: Während Crick alte Wetterverläufe analysiert und anhand von
       Mustern Vorhersagen für die Zukunft fällen will, versucht Stagg möglichst
       viele Daten von Wetterstationen und -ballons zu sammeln, sie zu analysieren
       und so zu einer Vorhersage zu kommen.
       
       Grandiose Szenen gelingen Maras hier, wenn Stagg vor der versammelten
       Militärspitze seine Daten vorstellt, im Wissen um das Verlangen der
       Militärs nach einer eindeutigen, verlässlichen Wettervorhersage, die er
       jedoch natürlich nicht geben kann. Eine exakte Wissenschaft ist die
       Meteorologie nicht, doch in diesem Fall würde eine falsche Wetterprognose
       nicht einfach nur bedeuten, dass man nass wird, sondern dass tausende
       Soldaten sterben und vielleicht sogar der Zweite Weltkrieg einen anderen
       Verlauf nimmt.
       
       [2][Ob ein Scheitern der Landung in der Normandie tatsächlich für einen
       anderen Ausgang des Zweiten Weltkrieges gesorgt hätte], kann man
       bezweifeln, verlängert hätte es den Krieg ohne Frage. Für angenehm kurze,
       kompakte einhundert Minuten lastet die Verantwortung für Wohl und Wehe der
       Truppen in „Pressure“ und damit das Schicksal Europas jedoch auf den
       Schultern der Meteorologen, deren sonst so beschauliche Existenz hier für
       einen Moment im Zentrum der Weltgeschichte steht.
       
       16 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Historiendrama-ueber-Churchill/!5475417
 (DIR) [2] /80-Jahre-D-Day/!5998927
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Meyns
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Zweiter Weltkrieg
 (DIR) D-Day
 (DIR) Wetter
 (DIR) Regen
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) 80 Jahre D-Day: Der lange Weg aus dem Krieg
       
       Über den blutigen Sommer 1944 hat der Journalist Christian Bommarius ein
       fulminantes Buch geschrieben. Es erscheint vor dem 80. Jahrestag des D-Day.
       
 (DIR) Historiendrama über Churchill: Die Mobilisierung der Sprache
       
       Weltgeschichte als Handeln mutiger alter Männer: Der heroisierende Film
       über Winston Churchill, „Die dunkelste Stunde“, trifft einen Nerv.
       
 (DIR) Biopic über Winston Churchill: Der Premier als polternder Mann
       
       „Churchill“ zeigt den „bedeutendsten Briten aller Zeiten“ beim Zaudern am
       Vorabend des D-Days. Doch der Film verklärt, anstatt zu differenzieren.