# taz.de -- Folgen des heißen Sommers: „Man sieht nur noch getrockneten Schlamm“
       
       > Der einzige Auennationalpark Deutschlands im unteren Odertal trocknet
       > aus. Leiter Dirk Treichel fordert, wenigstens den Ausbau der Oder zu
       > stoppen.
       
 (IMG) Bild: Die Landschaft an der Oder im Nationalpark Unteres Odertal im Mai 2026
       
       taz: Herr Treichel, wie steht der Pegel der Oder aktuell? 
       
       Dirk Treichel: Am Schöpfwerk Schwedt bei 514 Zentimetern. Das sind 19
       Zentimeter über Normalnull und deutlich weniger als der langjährige
       mittlere Niedrigwasserstand.
       
       taz: Sie sagen, eine Aue ohne Wasser, das klingt wie ein schlechter Witz.
       Wie ist die Situation? 
       
       Treichel: Ich arbeite jetzt seit über 30 Jahren im Nationalpark. Einen
       solchen Zustand wie in diesem Jahr gab es noch nie. Natürlich hatten wir
       auch mal Niedrigwasser, und das ist ja auch normal an einem Fluss. Aber
       nach diesem Sommer sind die Gewässer, Wasserwege und Gräben des
       Nationalparks fast komplett weg: Wenn man da reinguckt, sieht man nur noch
       getrockneten Schlamm.
       
       taz: Was bedeutet das für die Natur? 
       
       Treichel: Wir sind der einzige Auen-Nationalpark in Deutschland:
       Jahrhunderte lang hatte der Mensch versucht, die Oder und ihre Nebenarme zu
       kanalisieren und zu begradigen, um so das Wasser schnell aus der Landschaft
       abzuführen. Dadurch, dass dies in unserem Gebiet nicht vollständig
       geschehen ist – beziehungsweise teilweise rückgängig gemacht werden konnte
       –, haben sich hier Tier- und Pflanzenarten angesiedelt, die Spezialisten
       sind: Diese haben sich im Laufe der Evolution an diesen Wechsel zwischen
       Trockenfallen und Überflutung durch die Oder angepasst.
       
       taz: Aber dann müssten diese Spezialisten doch zurechtkommen mit
       Trockenheit? 
       
       Treichel: Nicht über so einen langen Zeitraum! Bei den Pflanzen ist zum
       Beispiel die Brenndolde ein solcher Spezialist: Zu lange Trockenheit
       überlebt sie nicht. Bei den Fischen ist es der Schlammpeitzger, den solch
       extreme Dürre wie in diesem Sommer die Lebensgrundlage kostet, bei den
       Amphibien die Rotbauchunke oder der Laubfrosch. Die Wissenschaft sagt uns
       ja, dass die heißen und trockenen Sommer zunehmen werden. Andere Arten, die
       wesentlich Konkurrenzstärker sind, werden diese Spezialisten verdrängen:
       beispielsweise das Land-Reitgras Calamagrostis, eine invasive Art. Sie
       kommt mit Dürre viel besser zurecht und nimmt schon jetzt in den höheren
       Randbereichen unserer Auen massiv zu.
       
       taz: Der Nationalpark ist bedroht, wenn die Spezialisten verschwinden? 
       
       Treichel: Wir tun natürlich alles in unserer Macht Stehende, um dagegen
       anzuarbeiten. Es laufen verschiedene Projekte im Nationalpark, um den
       Wasserrückhalt zu verbessern, beispielsweise binden wir gerade den Altarm
       „Welsensee“– ein Auengewässer – wieder an den Bereich der Oder, damit es
       durchströmt werden kann. Und natürlich verknüpfe ich mit meinem Job die
       Hoffnung, dass es uns gelingt, [1][hier trotzdem eine Arche Noah auf 10.000
       Hektar zu entwickeln und zu erhalten]. Aber man muss ganz klar sagen: Gegen
       den brutalen Einfluss des Klimawandels können auch wir uns nicht komplett
       abschotten …
       
       taz: … zumal die Oder vertieft werden soll, um mehr Schifffahrt zu
       ermöglichen. Was bedeutet das für die Auen? 
       
       Treichel: Zielsetzung der Flussarbeiten ist, mit Buhnen – also Dämmen im
       Fluss – den Querschnitt der Oder einzuengen, damit sie schneller fließt.
       Das hat zur Folge, dass der Fluss mehr Sedimente transportiert und sich
       selbst tiefer eingräbt. Wenn die Fahrrinne so immer tiefer wird, läuft
       natürlich noch mehr Wasser aus der Aue raus.
       
       taz: Kann man die Arbeiten nicht stoppen? 
       
       Treichel: [2][Naturschutzverbände und das Land Brandenburg hatten gegen die
       grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung geklagt] und vor zwei
       Jahren vom Oberverwaltungsgericht in Warschau Recht bekommen: Die
       grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung erfüllte nicht die
       notwendigen Anforderungen. Jetzt aber wird diese grenzüberschreitende
       Prüfung nachgebessert: Polen will den Fluss ausbauen, weil das Land an der
       Ostseemündung der Oder einen großen Containerhafen baut. Und das
       Bundesverkehrsministerium will den Ausbau auch: Grundlage ist ein
       deutsch-polnisches Abkommen aus dem Jahr 2015.
       
       t az: Im Moment ruhen die Arbeiten. Fürchten Sie, dass der Klimawandel und
       der Oderausbau dem einzigen deutschen Auen-Nationalpark den Rest geben
       wird? 
       
       Treichel: Im Grunde ja! Die Ausbauprojekte stammen aus einer Zeit, als der
       Klimawandel in seiner ganzen Wucht noch nicht sichtbar war. Und natürlich
       kann eine Auenlandschaft selbst helfen, die Folgen der Erderwärmung
       abzumildern. Die Zeiten, als ökonomische Überlegungen vor denen der
       Naturbewahrung standen, müssen der Vergangenheit angehören.
       
       15 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /!vn6172335/
 (DIR) [2] /Oder-Konferenz-in-Frankfurt/!5921800
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nick Reimer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Natur
 (DIR) Flüsse
 (DIR) Klimaschutz
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) GNS
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Veto gegen Nationalpark im Odertal: Die Natur mag keine politischen Spiele
       
       Mit großem Rückhalt der Bevölkerung sollte ein gemeinsamer Nationalpark von
       Polen und Deutschland entstehen. Doch eine zentrale Figur war dagegen.
       
 (DIR) Neuer Ausbruch der Vogelgrippe: Wenn Kraniche vom Himmel fallen
       
       Naturschützer vor Ort fühlen sich beim Bergen der Vogelleichen überfordert.
       Experten sprechen inzwischen von einer weltweiten Verbreitung.
       
 (DIR) Giftige Algen in Grenzfluss: Wieder tote Fische in der Oder
       
       Im deutsch-polnischen Grenzfluss vermehrt sich die giftige Goldalge rasant,
       wieder sterben Fische. Naturschützer sind alarmiert und erinnern an die
       Katastrophe von 2022.