# taz.de -- Fußballgottheiten im Stress: Übersinnliche Gemeinheiten
> Unzählige Stoßgebete werden pro Spieltag nach oben geschickt. Dieses Mal
> waren die Angerufenen offenkundig völlig überfordert.
(IMG) Bild: Blöd gelaufen: Gladbachs Chefkritiker Kleindienst verhält sich selbst nicht vorbildhaft
Je näher der Abpfiff, desto größer die Fan-Bereitschaft, an eine Art
übergeordnetes Wesen zu glauben, das spätestens in der allerletzten Minute
für einen Geistesblitz beim eigenen Team und damit für den Ausgleich oder
den Führungstreffer sorgen wird. Was allerdings meistens doch nicht
passiert, was für sich allein betrachtet allerdings auch noch kein Beweis
für die Nichtexistenz einer solchen höheren Instanz ist – kann schließlich
auch sein, dass sie den Lieblingsverein bloß nicht ausstehen kann.
Oder einfach überfordert ist. Schließlich gibt es weltweit mehr als 300.000
offizielle Fußballvereine, die meist am Wochenende spielen. Rein
statistisch müsste [1][eine Fußballgottheit] sich also stündlich um rund
12.500 Klubs kümmern. Und selbst wenn mehrere solcher metaphysischen
[2][VARs] sich den Job teilen würden, könnten sie unmöglich jedes einzelne
Stoßgebet bearbeiten, geschweige denn erhören.
Besonders viel gefleht und gehofft wurde an diesem Bundesliga-Samstag beim
Spiel Augsburg gegen Leverkusen. Noch vor dem Anpfiff war Augsburgs Trainer
Manuel Baum eine symbolische Urkunde für den ersten Tabellenplatz
überreicht worden, was ihm mutmaßlich nicht sehr recht war. Schließlich
hatte er die Woche über immer wieder versucht, Fans und Reportern gemeines
Zeug wie Realismus beizubringen. In der 89. Minute zeigte sich dann, dass
die für das Spiel gegen Leverkusen zuständige Deität ein klarer
Spielverderber war: Ausgleich, und vorbei war es mit der Tabellenführung.
Vielleicht tat dasselbe Numen auch beim Spiel Freiburg gegen
Mönchengladbach Dienst. Oder ein anderes hatte sehr viel Freude daran, sich
[3][mit Tim Kleindienst zu beschäftigen.] Der Gladbacher Stürmer hatte
zuvor ausführlich die rundum mangelnde Einstellung und Konzentration im
Team beklagt, kassierte dann aber selbst nach einem unnötigen Trikotzupfer
in der 13. Minute die Gelbe Karte und knapp 40 Minuten später einen
Platzverweis. Die praktische Demonstration der Folgen von Konzentrations-
und Einstellungsschwächen endete mit 0:5.
Immerhin wird niemand so fies sein können, Trainer Eugen Polanski am
nächsten Spieltag eine Urkunde für den letzten Tabellenplatz zu
überreichen. Die Vereinsführung von Gladbach trennte sich am Sonntag von
ihm. Was schade ist, denn Polanski gilt als sehr netter Mensch. Aber falls
es tatsächlich eine Art übergeordnetes Fußballwesen gibt, hat das bestimmt
schon viele wunderbare Pläne für ihn. Außer es hat leider grad keine Zeit.
13 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Elke Wittich
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