# taz.de -- Schalke gegen Bayern: Das Leiden genießen
> Aufsteiger Schalke spielt zu Hause gegen Bayern 0:0. In einem der
> mitreißendsten torlosen Spiele, die jemals in der Bundesliga ausgetragen
> wurden.
(IMG) Bild: Schalkes Torwart Loris Karius rettet mit drei, vier exzellenten Paraden das Unentschieden
Der Plan, mit dem Schalke 04 und der Trainer Miron Muslić den ersten großen
Coup der Saison vollbrachten, passte ganz gut ins Bild. Schließlich handelt
es sich um einen Fußballklub, [1][der schon immer zur Exzentrik neigt.]
„Wir haben uns vorgenommen, dass wir ein Stück weit das Verteidigen
genießen, dass wir das Leiden genießen“, erläuterte Muslić nach einem der
mitreißendsten torlosen Spiele, die jemals in der Bundesliga ausgetragen
worden sind.
Gelitten hatten die Spieler, sie waren an Grenzen gegangen, aber das
Publikum hatte eine brillante Show geboten bekommen. Eine Abwehrschlacht,
der als Spielfilm begeisterte Rezensionen in den Feuilletons sicher gewesen
wären: absolut radikal, intensiv und konsequent.
„Das war ein schönes Fußballspiel mit Emotionen, mit Leidenschaft“, sagte
selbst der [2][Münchner Trainer Vincent Kompany], der sich auch über zwei
verlorene Punkte hätte ärgern können. Das tat er aber nicht, weil er den
Fußball liebt und die bizarre Ästhetik dieses Spiels zu schätzen wusste.
Die Bayern drückten, drückten und drückten, während die Schalker sich mit
allen Kräften wehrten, die sie in ihren Körpern und Köpfen aktivieren
konnten.
Das Publikum hatte ebenfalls sämtliche für die Energiezufuhr verfügbaren
Leitungen auf den Rasen geöffnet, alles schien zu vibrieren. „Das ist
einfach eine Wucht und eine Energie, die auch etwas macht mit dem Gegner“,
sagte Schalkes Trainer Miron Muslić über die Kräfte der Arena in
Gelsenkirchen.
## Die Grenze zum Komödiantischen
Mitunter näherte sich der Underdogfußball sogar der Grenze zum
Komödiantischen, wenn selbst Abseitspfiffe gegen die Bayern bejubelt wurden
wie ein brillanter Spielzug. Aber so ist der FC Schalke im Jahr 2026. „Das
Besondere ist, dass die Extreme da sind“, hat der Sportvorstand Frank
Baumann kürzlich gesagt, und das als großes Kompliment gemeint. Diese
Neigung zum Grenzgang kann zwar gefährlich sein, wenn Emotionen ins
Negative kippen, aber sie ist auch eine gigantische Kraftquelle, wenn es
den Schalkern gelingt, in sich zu ruhen, statt sich zu zerfleischen. Und
genau das ist gerade der Fall.
Muslić hat diese Schalker Mechanismen verstanden wie schon lange kein
Trainer mehr. „Gefühlt ist bei Schalke 04 nahezu alles Emotion“, hat er
schon früh in der vergangenen Zweitligasaison gesagt und erklärt, wie er
dieses Phänomen zum eigenen Vorteil nutzen möchte: „Fußball ist ein Spiel
der Emotionen, und ich lasse mich gerne in diese Welt der Emotionen fallen.
Mein Ansatz ist, diese Emotionen zu spüren, zu verstehen und einzuordnen.
So kann ich als Cheftrainer in die Situation kommen, die Emotionen zu
lenken.“
Exakt diesen Plan haben dieser Trainer und seine Schalker gegen die Bayern
in Perfektion zur Anwendung gebracht. Schon vor dem Anpfiff hatten die
Schalker ihre Perspektive auf diese Saison und ganz besonders auf diesen
Besuch des Rekordmeisters erklärt: „Nicht der Bessere soll gewinnen,
sondern immer SCHALKE“, war in der Nordkurve im Rahmen einer über mehrere
Minuten durchgeführten Choreografie zu lesen gewesen.
Die Leute wissen, dass ihr Klub aufgrund seiner Kaderqualität in den
meisten Partien nicht die bessere Mannschaft sein wird. Und dass sie
trotzdem gewinnen können. Mit anderen Mitteln eben als mit fußballerischer
Qualität. Das ist die schlaue Strategie, die die Spieler tief verinnerlicht
haben und die an diesem Tag zwar nicht in einen Sieg mündete, aber in ein
0:0, das sich zumindest so anfühlte. „Schöner hätte ich es mir nicht
vorstellen können“, sagte Robin Gosens, ein glühender Schalke-Fan, der nun
im Alter von 32 Jahren in der Endphase einer langen Karriere das erste
Pflichtspiel für seinen Herzensklub vor eigenem Publikum bestritt.
## Exzellente Torwartaktionen von Karius
In der Regel brechen Gegner ja irgendwann ein, wenn die Bayern ihre
Rotationen, Stafetten und Dribblings aufführen, werden müde, machen Fehler.
Schalke nicht. „Die Jungs haben wirklich geackert bis zum Gehtnichtmehr.
Das sind wir, das zeichnet uns aus“, sagte Loris Karius, der mit drei, vier
exzellenten Torwartaktionen einen großen Beitrag zu diesem Erfolg geleistet
hatte. Besonders imponierend in einer beeindruckenden Mannschaft spielten
neben Karius im Übrigen auch die Dauerläufer Sofiane El-Faouzi und der im
Sommer von Fortuna Düsseldorf verpflichtete Satoshi Tanaka.
Die beiden Bundesliganeulinge blieben unter dem gewaltigen Gegenpressing
der Münchner auch dann fehlerfrei, wenn sie am Ball waren. Auch deshalb ist
gleich in diesem ersten Heimspiel die mit Miron Muslić entwickelte
Identität des Revierklubs in voller Pracht erstrahlt: „Wir haben uns heute
in jeden Zweikampf geworfen, haben uns vorgenommen, das Stadion mit diesen
Tugenden mitzunehmen“, sagte der Trainer.
Fast ging inmitten dieses herrlichen Fußballspiels unter, dass die Schalker
der Bundesliga noch ein weiteres Geschenk machten. Erstmals seit September
2024 ist der FC Bayern nicht mehr Tabellenführer, was zumindest für ein
paar Wochen die Illusion aufrechterhält, dass nicht nur der Abstiegskampf,
sondern auch der Wettbewerb um die Meisterschaft eine spannende
Angelegenheit werden könnte.
6 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Daniel Theweleit
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