# taz.de -- Teil 8 der Reihe zum 100. Geburtstag: Foucault und Baldwin, zwei parallele Leben
       
       > Der eine wurde Bestsellerautor, der andere einflussreicher Philosoph. Ihr
       > Denken trifft sich in der Machtkritik. Die Geschichte einer
       > Nichtbegegnung.
       
 (IMG) Bild: Keineswegs die völlige Freiheit gefunden: Michel Foucault in Paris
       
       Es könnte ein Abend im Januar 1950 gewesen sein. Die Bar La Reine Blanche,
       nicht weit vom Boulevard Saint-Germain, ist brechend voll. Die Gäste:
       überwiegend Männer – jüngere, ältere, verheiratete, unverheiratete, manche
       offen, andere heimlich schwul –, viele von ihnen auf der Suche nach einem
       Flirt, nach Sex oder gar Liebe. An der Theke thront die Wirtin. Am Tisch in
       der Ecke schwingt ein schmächtiger Schwarzer US-Amerikaner Reden, er
       spricht Französisch mit starkem Akzent, umringt von Leuten, darunter sein
       neuer Liebhaber, ein junger Schweizer. James Baldwin ist 25, und noch
       wissen nur er selbst und seine Freunde, dass er Schriftsteller ist.
       
       An jenem Winterabend im Nachkriegsparis erzählt er dem Kneipenpublikum die
       Geschichte, wie er kurz vor Weihnachten wegen eines gestohlenen Bettlakens
       im Gefängnis gelandet ist – ein Erlebnis, aus dem er einen seiner
       brillanten Essays formen wird: „Equal in Paris“. Nicht ausgeschlossen, dass
       in dieser Bar am selben Abend auch ein Student namens Michel Foucault ein
       Glas trank.
       
       Wenn Foucault, damals 23 Jahre jung, nicht in der Bar La Reine Blanche
       Zuflucht gesucht hat, dann in ähnlichen Lokalen in derselben Gegend auf der
       linken Seite der Seine. Foucaults regelmäßige Ausflüge „in
       Homosexuellenbars oder Strichgegenden“ damals sind ebenso verbürgt wie die
       Niedergeschlagenheit und die Scham, die ihn danach heimsuchten. So
       berichtet es [1][Didier Eribon] 1989 in der ersten Fassung seiner Biografie
       des Philosophen. 2011 hat er sie erweitert, und so erscheint „Michel
       Foucault. Eine Biographie“ jetzt neu auf Deutsch, zum hundertsten
       Geburtstag des Philosophen in diesem Jahr.
       
       Die Szene in der Bar wiederum lässt sich ausmalen, wenn man in Nicholas
       Boggs’ monumentaler Lebensbeschreibung „Baldwin. A Love Story“ liest
       (2025). Dort kommt kein Foucault vor, und umgekehrt taucht in
       Foucault-Biografien kein Baldwin auf, natürlich nicht. Zu unterschiedlich
       verlaufen diese beiden Leben, auch die Werke, die Traditions- und
       Rezeptionslinien der beiden Autoren. Eine tatsächliche Begegnung der beiden
       ist nicht belegt. Und doch ist es gut möglich, dass James Baldwin und
       Michel Foucault im Pariser Nachtleben um 1950 gelegentlich die gleichen
       Orte ansteuerten.
       
       ## Ikonen der Gesellschaftsanalyse
       
       Der eine stieg später zum Bestseller-Schriftsteller und zum gefragten
       Aktivisten in der Schwarzen Protestbewegung in den USA auf; der andere zum
       weltweit gelesenen Philosophen, dessen Einfluss die Grenzen der
       akademischen Welt weit überschreitet. Bis heute sind sie beide Ikonen – für
       eine Analyse der Gesellschaft, die auf deren grundsätzliche Veränderung
       drängt. Dass Foucault und Baldwin eine Zeit lang zumindest nachts in
       denselben Vierteln verkehrten, setzt eine Reihe von Assoziationen in Gang.
       Zum Beispiel die: Für Baldwin spielte die Flucht nach Paris eine ähnliche
       Rolle wie für Foucault die Flucht von Paris weg.
       
       Als James Baldwin seiner Mutter und seinen acht jüngeren Geschwistern
       eröffnete, dass er New York verlassen und nach Europa auswandern würde – im
       November 1948 –, setzte er sich noch am selben Tag ins Flugzeug. Immer
       wieder sprach er später davon, wie sehr er den lebensbedrohlichen Rassismus
       in den USA nicht mehr ertrug. Was er nicht so oft erzählte, berichtet sein
       Biograf: Baldwin erlebte auch schwulenfeindliche Gewalt, selbst im sozial
       so gemischten Greenwich Village. Gemessen an diesen Verhältnissen brachte
       der Ortswechsel für Baldwin relative Erleichterung.
       
       Nicht, dass Paris frei von Rassismus oder Homophobie gewesen wäre; und sein
       Geld war unverändert knapp. Aber in Frankreich erfuhr er sich in erster
       Linie als US-Amerikaner. Der Rassismus dort fand seine primären Objekte in
       den Einwanderern aus Nordafrika. Das Milieu aus Bohemiens, Expats, Cafés
       und Hotels, in dem er sich bewegte, bot eine Infrastruktur zum Lieben,
       Schreiben und Überleben – und das Material für die Kulisse seines Romans
       „Giovannis Zimmer“ (1956).
       
       In einem Essay über den Schriftsteller André Gide notiert Baldwin über die
       Lage nicht-heterosexuellen Lebens: „Das wirklich Schreckliche am Phänomen
       der gegenwärtigen Homosexualität […] ist, dass der unglückliche Mensch mit
       abweichender Sexualität (deviate) von heute sich nur durch den gewaltigsten
       Einsatz all seiner Kräfte davor bewahren kann, in eine Unterwelt zu stürzen
       […], in der es unmöglich ist, einen Liebhaber oder einen Freund zu haben,
       in der die Möglichkeit echter Bindungen gänzlich erloschen ist.“
       
       Michel Foucault war im Herbst 1945 nach Paris gezogen, kurz nach dem
       Abitur, aus wohlhabend bürgerlichen Verhältnissen in der Provinzstadt
       Poitiers. Für ihn und die Altersgenossen seines Milieus bestand die
       Nachkriegsnormalität in der Unerbittlichkeit des Prüfungsmarathons, wie sie
       für die gebildetsten der französischen Stände überliefert ist:
       Vorbereitungsklasse an einem der angesehensten Gymnasien des Landes,
       Zulassung an einer der angesehensten Hochschulen, der École normale
       supérieure.
       
       ## Das Leben mit Mühe ertragen
       
       Seine Leistungen erst in Philosophie, dann Psychologie waren
       überdurchschnittlich gut – aber er führte ein „Leben, das er nur mit Mühe
       ertragen wird“, wie Eribon schreibt. Es gelang ihm nicht, sich in die
       Gemeinschaft der normaliens einzufügen; er fing Streit an oder bedrohte
       Mitschüler mit einem Dolch. Trauriger Höhepunkt seiner
       Verhaltensauffälligkeiten waren verschiedene Suizidversuche. Sein Arzt
       bescheinigte ihm eine schlecht ausgelebte Homosexualität. Doch der junge
       Foucault war nicht nur Student und Patient, er arbeitete auch als
       Praktikant im psychiatrischen Krankenhaus Sainte-Anne – und ab 1950 im
       Gefängnis Fresnes. In genau jenem Gefängnis, ein paar Kilometer südlich der
       Hauptstadt, in dem James Baldwin zu Weihnachten 1949 festgehalten wurde.
       
       Nach zehn Jahren Paris ergreift Foucault die Chance, das Land zu verlassen.
       Er übernimmt die Leitung des französischen Kulturinstituts in Uppsala. Kein
       Zweifel, dass er mit dem Wechsel ins liberale Schweden auch die Hoffnung
       verbindet, den Einschränkungen seines Liebeslebens zu entkommen.
       „Jedenfalls habe ich unter einigen Aspekten des sozialen und kulturellen
       Lebens in Frankreich gelitten“, sagt er 1982. „Das ist der Grund, warum ich
       Frankreich 1955 verlassen habe.“ Doch Homosexualität wird im
       protestantischen Uppsala kaum großzügiger hingenommen als in Paris. Die
       Codes des Zusammenlebens sind allerdings anders, und damit eröffnen sich
       zumindest andere Spielräume als in Frankreich.
       
       Weder Baldwin in Paris noch Foucault in Uppsala finden also völlige
       Freiheit. Eher lässt sich sagen, so Foucault im Rückblick: „das von uns
       empfundene Gefühl der Freiheit ist oft größer in der Fremde als in unserem
       eigenen Land. Als Fremde können wir all die impliziten Verpflichtungen
       verschmähen, die nicht ins Gesetz, aber in den allgemeinen Verhaltensmodus
       eingetragen sind.“
       
       Die parallelen Leben von Michel Foucault und James Baldwin ließen sich noch
       weiter daraufhin befragen, wo sie einander beinahe begegnet sein könnten:
       im San Francisco der 70er etwa? Noch interessanter scheint der Blick auf
       ihre Werke und Haltungen, und der bringt einige Berührungspunkte zum
       Vorschein.
       
       Da ist vor allem die Sache mit der Macht. Je länger Baldwin über Black
       America und White Supremacy schreibt, desto deutlicher wird, dass seine
       Rassismuskritik eine Machtkritik betreibt, die die Macht wohl in
       Institutionen sieht, aber nicht dort fixiert; die sie noch in den feinsten
       zwischenmenschlichen Beziehungen aufspürt; eine Kritik, die die Macht als,
       im Prinzip, umkehrbar auffasst. All diese Punkte sind ein wesentlicher Teil
       davon, wie Foucault seine Vorstellung von Macht während der 70er Jahre zu
       einer ganzen Analytik ausbaut.
       
       Das Gefängnis und die Polizei sind jene Institutionen, die Baldwin und
       Foucault jeder auf seine Weise analysieren und attackieren, mit
       Ausstrahlung bis heute. Baldwin zehrt bei seiner Polizeikritik – auch wenn
       er weiß, dass Rassismus in den US-amerikanischen Exekutivorganen sich etwa
       statistisch belegen lässt – vor allem von eigenen Erfahrungen mit den Cops
       seit seinen Kindheitstagen. Er schreibt als „Zeuge“, wie er immer wieder
       sagt.
       
       ## Verhältnisse in den Gefängnissen
       
       Foucault holt, schon berufsbedingt, weiter aus. [2][Die „große
       Einsperrung“], so lautet in „Wahnsinn und Gesellschaft“ (1961) der Titel
       für das Projekt des europäischen 17. Jahrhunderts, neben den „Wahnsinnigen“
       auch andere sozial Unerwünschte, etwa Kriminelle, Bettler, Kranke,
       Landstreicher, Prostituierte oder Menschen mit abweichenden Sexualpraktiken
       zusammenzutreiben. An diese Untersuchung schließt er an, wenn er später das
       Gefängnis als die zentrale Strafmethode der europäischen Moderne analysiert
       – auf der Basis von historischen Quellen, mit dem Ehrgeiz, ihnen
       philosophische Einsichten abzuringen. „Die Seele: Gefängnis des Körpers“,
       so lautet nur eine der nachhallenden Sentenzen in „Überwachen und Strafen“.
       
       Als das Buch 1975 erscheint, hat Foucault bereits jahrelang gegen die
       Verhältnisse in den französischen Haftanstalten gekämpft und gegen
       antimigrantische Polizeieinsätze demonstriert. Seine eigene Wohnung dient
       für ein paar Jahre dem aktivistischen Netzwerk Groupe d’information sur les
       prisons als Hauptquartier. Es ist die gleiche Zeit, in der er mit der Black
       Panther Party sympathisiert, die in verschiedenen US-Städten
       Rassismuskritik in „copwatching“ und selbst organisierte Sozialarbeit
       übersetzt. Dass James Baldwin die [3][Black Panthers] unterstützt, liegt
       nahe – wobei seine Liebe zu den Panthers auf den zweiten Blick durchaus
       erklärungsbedürftig ist, denn einige von ihnen schmähen ihn homophob.
       
       Politische Einsätze wie diese weisen auf die vielleicht größte Ähnlichkeit
       zwischen den beiden hin: ein vibrierendes Verhältnis zwischen Autorschaft
       und Aktivismus. Einerseits beharrt Baldwin, der Romancier, auf dem
       Eigensinn künstlerischen Schaffens. Und Foucault, der Philosoph, verbittet
       sich bei Gelegenheit, dass das Publikum eine Verbindung zwischen seiner
       akademischen Arbeit und seinem politischen Engagement herstellt.
       Andererseits steckt Baldwin unermesslich viel Kraft in einen Kampf gegen
       die weiße Vorherrschaft, dessen Zusammenhang zu seiner Literatur auf der
       Hand liegt.
       
       Und Foucault charakterisiert sein Denken selbst, bei anderen Gelegenheiten,
       eben nicht als isolierte Wissenschaft. Fast sprichwörtlich geworden ist
       sein Wunsch, seine Bücher sollten als „tool-box“ oder „Molotowcocktails“
       fungieren. Dass diese Bücher ihren Ausgangspunkt im Leben ihres Autors
       haben, daraus macht er kein Geheimnis. Sie bilden, wie er 1981 im Gespräch
       mit Didier Eribon erklärt, „gleichsam Fragmente einer Autobiographie“.
       
       Von heute aus betrachtet, findet sich der erstaunlichste Berührungspunkt
       dieser Werke, die nebeneinander entstehen, ohne voneinander zu wissen, in
       zwei Interviews aus den 80er Jahren. Da hat Baldwin seinen
       Lebensmittelpunkt längst nach Südfrankreich verlegt und pendelt für
       Lehraufträge in die USA. Foucault lehrt als Professor mit der schönen
       Zuständigkeit für die „Geschichte der Denksysteme“ am Collège de France,
       forscht an seinem Großprojekt „Sexualität und Wahrheit“. Immer wieder sucht
       die Öffentlichkeit Rat bei den beiden Intellektuellen – auch die junge
       Gay-Rights-Bewegung.
       
       Baldwin ist 59 Jahre alt, als The Village Voice ihm Fragen zur Lage der
       Homosexuellen stellt. Er sieht sich als Zeugen auch für die schwule
       Erfahrung – aber er fremdelt mit dem Vokabular der Jüngeren: Was genau soll
       „coming out“ bedeuten und was „gay“? Seiner Generation habe nur das Wort
       „homosexuell“ zur Verfügung gestanden. Und dann fällt der Satz:
       „‚Homosexueller‘ ist kein Substantiv.“ Welche Wortart sonst? „Vielleicht
       ein Verb“, antwortet Baldwin. „Ich liebte einige Menschen, und sie liebten
       mich. Das hatte nichts zu tun mit diesen Etiketten.“
       
       ## Einsichten zur Sexualität
       
       Foucault ist 54, als die Schwulenzeitschrift Gai Pied ihm Fragen zu seinen
       Einsichten zur Sexualität stellt. Gleich zu Beginn des Gesprächs freut sich
       Foucault über die Existenz der recht neuen Zeitschrift. Aber er fremdelt
       damit, dass Leute seines Alters sich darin kaum wiederfinden: dass hier,
       wie in der allgemeinen Gesellschaft, Homosexualität mit Jugend
       gleichgesetzt werde. Und dann fällt der Satz: „Wir müssen also hart daran
       arbeiten, homosexuell zu werden und sollten nicht darauf beharren
       anzuerkennen, es zu sein.“
       
       Homosexuell als Wort, das eine Tätigkeit bezeichnet; und homosexuell eher
       werden, als es zu sein: Baldwin wie Foucault sträuben sich dagegen, aus
       einer sexuellen Orientierung eine feststehende Identitätskategorie zu
       machen. Beide sehen hier Prozesse und Praktiken am Werk, keine Schubladen.
       Der eine beglaubigt seine Sicht mit der eigenen Erfahrung – „love is where
       you find it“. Der andere will der Sexualität als, wie er es nennt,
       Dispositiv entkommen, etwa den Zuschreibungen, die mit einer bestimmten
       sexuellen Identität einhergehen; will die Abweichung von der Norm nutzen,
       um neuartige Beziehungen zu erfinden: „Freundschaft als Lebensweise“.
       
       In einer Gegenwart, deren Kulturkämpfe nicht zuletzt um Gender toben,
       klingen Sätze wie diese ein bisschen wie aus einer anderen Zeit, fast naiv.
       Es wäre zu hoffen, dass sie dennoch Gehör finden. Sätze aus einer
       Tradition, die darum weiß, dass Geschlecht und Sexualität nichts mit
       Eigentlichkeit und viel mit sozialer Praxis zu tun haben. Dass praktisches
       Ausloten eine Form von gelebter Aufklärung sein könnte, die sich dem
       überall waltenden Willen zum Wissen verweigert. James Baldwins Village
       Voice-Interview erscheint übrigens am 26. Juni 1984. Das ist derselbe Tag,
       an dem die Pariser Zeitungen den Tod Michel Foucaults melden.
       
       René Aguigah leitet das Ressort Literatur von DLF und DLF Kultur. 2024
       erschien „James Baldwin. Der Zeuge“ bei C. H. Beck.
       
       15 Sep 2026
       
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