# taz.de -- Klimaschutz im Bau: Architekten fordern Abriss-Stopp
       
       > Ein Bündnis kritisiert vor der Bauministerkonferenz die hohen Emissionen
       > in der Baubranche. Alternativen zu Neubauten sind möglich und nötig.
       
 (IMG) Bild: Abrissarbeiten unweit des Kölner Doms im Jahr 2022
       
       Diese Zahl illustriert die ganze Dimension: Die Baubranche verursacht
       weltweit doppelt so viele Treibhausgase wie ganz Afrika. Dort leben mehr
       als 1,5 Milliarden Menschen, die mit ihrer Ernährung, ihrer Kleidung, ihrer
       Mobilität, ihrem Leben nur halb so viel Kohlendioxid zu verantworten haben
       wie der jährliche Neubau von Straßen, Wolkenkratzern, Tunneln,
       Shoppingmalls und Co.
       
       „Um die Bauwende endlich praktisch umzusetzen, fordern wir einen
       Abriss-Stopp“, erklärt Corinna Tell von der „Anti-Abriss-Allianz“, einem
       Bündnis aus Architektur, Stadtplanung, Verwaltung und Forschung. An diesem
       Donnerstag ist Tell mit anderen Aktivist:innen vor das Rote Rathaus in
       Berlin gezogen, um von der Politik eine „Umbauordnung, die Erhalt vor
       Neubau stellt“, zu fordern.
       
       Laut amtlicher Statistik werden in Deutschland nämlich jedes Jahr 12.000
       Gebäude abgerissen, was einerseits für Unmengen an Bauschutt sorgt,
       andererseits Platz für Neubauten schaffen soll. In den allermeisten Fällen
       werden sie mit Zement errichtet. So entstehen jedes Jahr 10 Prozent der
       bundesdeutschen Emissionen durch den Bau. Das heizt das Klima weiter an.
       
       Der August dieses Jahres war nach Angaben des EU-Erdbeobachtungsprogramms
       Copernicus der heißeste August weltweit seit Beginn der
       Wetteraufzeichnungen. Die globale Durchschnittstemperatur lag bei 16,96
       Grad, wie Copernicus am Donnerstag mitteilte. Damit wurde der bisherige
       Höchstwert von 2023 noch übertroffen.
       
       ## Nicht jeder Abriss wird statistisch erfasst
       
       Darauf braucht die Bauministerkonferenz Antworten. Im vergangenen Jahr habe
       sie noch versprochen, den Gebäudeumbau stärker in den Blick zu nehmen.
       „Passiert ist aber nichts“, sagt Leon Beck, Vorsitzender der „Architects
       for Future“.
       
       Das Bündnis, zu dem insgesamt 70 Organisationen gehören, fordert daher für
       jeden geplanten Abriss einen verbindlichen Genehmigungsvorbehalt mit
       Alternativprüfung. „Nur so bleibt wertvoller Bestand erhalten und steht
       kurzfristig zur Nutzung bereit“, sagt Beck, der selbst Architekt ist. Das
       habe auch eine soziale Komponente: [1][„Die Wohnungsfrage entscheidet sich
       nicht im Neubau, sondern im Bestand.“]
       
       Die tatsächliche Zahl der in Deutschland abgerissenen Gebäude dürfte
       wesentlich höher sein als die amtlichen 12.000: Nicht jeder Abriss wird
       tatsächlich auch statistisch erfasst. „Selbst komplexe Bestandsbauten wie
       Kirchen lassen sich hervorragend als Quartierszentren oder Wohnraum
       umnutzen“, sagt Denkmalschützerin Corinna Tell. Der Genehmigungsvorbehalt
       für Abrisse, den das Bündnis fordert, hat es aber nicht einmal auf die
       Agenda der diesjährigen Bauministerkonferenz geschafft. Architekt Beck
       sagt: „Es gibt Austausch, aber nicht in der fachlichen Tiefe, die nötig
       wäre.“
       
       ## Es gibt bereits viele Ansätze für den Klimaschutz am Bau
       
       „Wohnen wollen wir für alle Menschen bezahlbar, verfügbar und
       umweltverträglich gestalten“, hatten sich Union und SPD in den
       Koalitionsvertrag geschrieben und dass ein „Bundesforschungszentrum für
       klimaneutrales und ressourceneffizientes Bauen“ aufgebaut werden soll. Zwar
       hatte dafür bereits die Ampel Fördermillionen in den Haushalt 2024
       eingestellt: Um bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu werden – das ist Gesetz
       in Deutschland – muss erforscht werden, wie die Bauemissionen reduziert
       werden. Abgesehen von einer Standortentscheidung geht es mit dem Zentrum
       aber nicht voran: Stuttgart, Weimar und Bautzen in Sachsen sollen sich die
       Forschung aufteilen, demnächst dafür ein Verein gegründet werden.
       
       Das neue Institut muss nicht bei null anfangen: So gründete die
       Fraunhofer-Gesellschaft 2022 die „Future District Alliance“, um
       Zukunftsszenarien für die Städte von morgen zu entwickeln. In Wien wurde
       [2][mit der Seestadt Aspern versucht], ein Wohnviertel der Zukunft zu
       bauen. Die Bundeskunsthalle in Bonn widmete im vergangenen Jahr die
       Ausstellung „[3][We/Trans/Form“] der Zukunft des Bauens. Traditionelle
       Baustoffe wie Lehm oder Holz kamen dabei wieder zu Ehren, sie binden
       Treibhausgase, speichern sie, solange das Gebäude steht. In München
       entstanden deshalb im Prinz-Eugen-Park, einem alten Kasernenareal, 600
       Wohnungen aus Holz. In Berlin begannen auf dem einstigen Flughafen Tegel
       gerade die ersten Arbeiten für das größte Holzbauquartier Europas: 5.000
       Wohnungen komplett in Holzbauweise sollen hier bis 2029 entstehen.
       
       Es gibt also eine Reihe Ansätze für den Klimaschutz am Bau. „Leider sind
       viele klimafreundliche Materialien noch teurer als die klimaschädlichen“,
       sagt Leon Beck von den „Architects for Future“. Helfen könne die Politik,
       indem sie „die CO2-Kosten konsequent in solche Baustoffe einpreist“. Dafür
       aber müsste die Politik das Problem erkennen. Beck verspricht, für das
       Bündnis dranzubleiben: „Wir werden eine Abrissgenehmigungspflicht jetzt
       konkret ausarbeiten – und dann wieder bei den Bauministern auf der Matte
       stehen.“
       
       10 Sep 2026
       
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