# taz.de -- 25 Jahre 9/11: Die Suche nach den Opfern geht weiter
       
       > Nicht mal die Hälfte der Menschen, die in den Trümmern des World Trade
       > Centers starben, sind identfiziert. Die Witwe Monica Iken-Murphy hat
       > trotzdem Hoffnung.
       
 (IMG) Bild: 40 Prozent der Opfer sind noch immer nicht identifiziert: Vermisste Personen in New York nach den Anschlägen vom 9. September 2001
       
       Michael Patrick Iken ging am Morgen des 11. September 2001 wie gewöhnlich
       zur Arbeit. Sein Arbeitsplatz befand sich im 84. Stock des Südturms am
       World Trade Center in New York. Es sollte der letzte Tag im Leben des
       damals 37-jährigen Wertehändlers werden. Michael Iken ist einer von fast
       3.000 Menschen, die beim Terroranschlag auf die Zwillingstürme im Süden von
       Manhattan ihr Leben verloren hatten. Doch auch 25 Jahre später wurde
       Michael Ikens Leichnam noch immer nicht eindeutig identifiziert. Und damit
       ist er bei weitem kein Einzelfall.
       
       Nur etwas mehr als 1.650 Opfer der Anschläge wurden bislang erfolgreich
       zugeordnet. Das heißt, dass auch ein Vierteljahrhundert später die
       sterblichen [1][Überreste von knapp 1.100 Menschen noch immer nicht
       eindeutig zugeordnet werden konnten]. Dies sind etwa 40 Prozent aller
       Opfer, die beim Anschlag getötet wurden.
       
       Für Monica Iken-Murphy, die Witwe von Michael, ist es von großer Bedeutung,
       dass das Institut für Rechtsmedizin in New York die Verfahren zur
       Identifikation von Opfern des 11. Septembers 2001 weiter vorantreibt.
       
       ## „Ich bin dankbar“
       
       „Sie leisten großartige Arbeit – man könnte sagen, sie tun Gottes Werk –
       und darüber bin ich sehr froh. Sie identifizieren immer wieder neue Opfer
       und machen weiter. Dafür bin ich dankbar“, sagt sie im Gespräch mit der
       taz.
       
       Gleichzeitig ist eine positive Identifizierung von Michael Iken für seine
       Witwe nicht ausschlaggebend. Für Iken-Murphy ist ihr verstorbener Ehemann
       allgegenwärtig und eine positive Identifizierung würde daran nicht viel
       ändern, sagt sie. „Für mich bedeutet ein Teil von ihm nichts. Ich würde es
       mir nicht einmal ansehen. Es soll genau da bleiben, wo es ist, in Ground
       Zero. Dort ist er sicher. Ich muss mir keine Sorgen um ihn machen.“
       
       Einzig interessant wäre für sie, mehr über Michaels Abstammung zu erfahren,
       da sie der Überzeugung sei, dass es vielleicht einen Halbbruder oder eine
       Halbschwester ihres verstorbenen Ehemannes gibt. Ihre Hoffnung ist nicht
       ganz unbegründet, denn das Rechtsmedizinische Institute der Stadt
       verkündete erst im August, dass man mittels forensischer DNA-Genealogie ein
       weiteres Opfer der Anschläge identifizieren konnte.
       
       „Die Identifizierung dieses Opfers mithilfe forensisch genetischer
       Genealogie ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was möglich ist, wenn
       wir modernste Technologie mit einem unermüdlichen Einsatz für die Opfer und
       Hinterbliebenen verbinden“, sagte New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani in
       einer Presseerklärung.
       
       ## 40 Prozent der Opfer nicht identifiziert
       
       Der Grund, dass noch immer knapp 40 Prozent der Opfer nicht identifiziert
       worden sind, liegt an den äußerst schwierigen Umständen, mit denen sich die
       Mediziner konfrontiert sehen. Nach den Anschlägen wurden in den Trümmern
       des World Trade Centers knapp 21.000 sterbliche Überreste geborgen.
       
       Viele dieser Überreste sind verschwindend klein. Außerdem waren sie
       extremen Bedingungen ausgesetzt, wie Kerosin, Schimmel, Bakterien oder
       Feuer, die die DNA-Struktur angreifen oder zerstören.
       
       Es brauchte daher technologische Entwicklungen, um nach all diesen Jahren
       DNA-Profile erstellen zu können, betont Mark Desire vom Rechtsmedizinischen
       Institut in New York über die Jahre immer wieder aufs Neue.
       
       Die bisher identifizierten Opfer wurden mit unterschiedlichen Methoden
       identifiziert, unter anderem Zahnröntgenaufnahmen, Fingerabdrücken und
       Tätowierungen. Mittlerweile untersuchen die Ermittler vorwiegend
       Knochenfragmente auf DNA.
       
       ## Egal wie lange es dauert
       
       Das erklärte Ziel ist es, alle Opfer der Anschläge zu identifizieren, egal
       wie lange es dauern wird.
       
       Michael Iken hätte am Dienstag seinen 62. Geburtstag gefeiert. Seine
       verwitwete Frau, die sich in den Jahren nach dem Schicksalsschlag ein neues
       Leben aufgebaut hat, einen neuen Partner fand, feiert dennoch wie jedes
       Jahr Michaels Geburtstag. „Ich plane bereits seinen 65. Geburtstag in drei
       Jahren. Aber ich überlege auch schon, was ich zum 70. mache. Ich hatte nur
       zwei Jahre mit ihm und diese zwei Jahre haben mir so viel bedeutet. Ich bin
       Gott so dankbar, dass er mir dieses Geschenk gemacht hat.“
       
       10 Sep 2026
       
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