# taz.de -- Experte zur Kapitalrente: „Die Antwort kann nicht sein: Pech gehabt, der Markt lief schlecht“
       
       > Deutschland will einen Teil der Rente am Kapitalmarkt anlegen. Florian
       > Blank von der Hans-Böckler-Stiftung erklärt die Risiken, die damit
       > verbunden sind.
       
 (IMG) Bild: Keine Sorge, der Kapitalmarkt wird das schon richten
       
       taz: Herr Blank, die Bundesregierung plant [1][Reformen], auch bei der
       Rente. Zusätzliche Beiträge sollen verpflichtend in eine Kapitalrente
       fließen. Was bedeutet das? 
       
       Florian Blank: Bisher baut die öffentliche Rente auf einem Umlageverfahren
       auf. Vereinfacht gesagt: Was aktuell in die Rentenkasse eingezahlt wird,
       wird praktisch direkt an die Rentner:innen ausgezahlt. Im Unterschied
       dazu wird im [2][sogenannten Kapitaldeckungsverfahren] eine Art
       Zwischenstufe eingebaut. Die Einnahmen aus Beiträgen oder individuellem
       Sparen werden auf den Finanzmärkten investiert. Also letztlich in Aktien,
       Anleihen und damit in Immobilien und Firmen. Da soll das Geld dann
       „arbeiten“ und sich vermehren. Das dauert mehrere Jahrzehnte. Erst dann
       wird es als Rente ausgeschüttet. Das heißt, man vertraut darauf, dass sich
       die Kapitalmärkte positiv entwickeln.
       
       taz: Was halten Sie davon? 
       
       Blank: Ich denke, der Schritt ist nicht nötig. Besser wäre es, das
       Umlageverfahren zu stärken. Das bietet den Vorteil, dass wir in einem
       kollektiven sozialen System bleiben und nicht in ein individualisiertes,
       Jeder-spart-für-sich System übergehen, was die Kapitalrente letztlich ist.
       
       taz: Die Regierung scheint anderer Meinung. Das [3][schwedische Modell] der
       kapitalgedeckten „Prämienrente“ wird immer wieder genannt. Ist Schweden
       hier ein gutes Vorbild? 
       
       Blank: Wenn man sich tatsächlich für Kapitaldeckung entscheidet, mit allen
       daraus folgenden Fragen und Risiken, dann kann man von Schweden lernen. Das
       System ist dort verbindlicher und nutzerfreundlicher. Trotzdem halte ich
       das System in Schweden nicht für überlegen.
       
       taz: Sie sind kein Fan? 
       
       Blank: Tatsächlich haben Schweden und Deutschland ein ähnliches
       Leistungsniveau bei der Rente. Das meiner Meinung nach zentrale Problem:
       Schweden legt den Fokus auf einen stabilen Beitragssatz. In einem
       Rentensystem braucht es aber immer ein flexibles Element. Die Gesellschaft
       verändert sich, es gibt neue Bedingungen, Migration und eine alternde
       Bevölkerung. In Schweden heißt das aber, dass das flexible Element vor
       allem die Höhe der Renten sind. Manchmal steigen die mehr, manchmal
       weniger.
       
       taz: Und manchmal sinken sie auch … 
       
       Blank: Ja, auch das hat es schon gegeben. Das ist ein Risiko, wenn der
       Kapitalmarkt mit drin hängt und allein der Beitragssatz priorisiert wird.
       
       taz: Was heißt es denn für Renten, an den Kapitalmarkt gekoppelt zu sein? 
       
       Blank: Es bedeutet einerseits eine geringere Planungssicherheit. Eine
       zentrale Frage ist, wenn die Kapitalrente kommt, welche Art von Sicherungs-
       und Puffermechanismen es gibt, um Kapitalmarktschwankungen noch
       auszugleichen. Gerade, wenn die kurz vor dem Renteneintritt auftreten. Die
       Antwort kann nicht sein: Pech gehabt, der Markt lief schlecht. Eine
       Regierung muss da Wege finden. Die Menschen müssen wissen, mit was sie im
       Alter rechnen können.
       
       taz: Und andererseits? 
       
       Blank: Die andere Frage ist: Wo wird das Geld eigentlich investiert? Sowohl
       mit Blick auf die Länder, in die das Geld fließen soll, aber eben auch mit
       Blick auf Branchen und Industrien.
       
       taz: In Schweden ist der automatische Standardfonds der „AP7“. [4][61
       Prozent der Firmen] sind aus Nordamerika. Das KI-Unternehmen Nvidia,
       Amazon, Apple – alle mit dabei. 
       
       Blank: Ja, es muss über Anlagerichtlinien gesprochen werden. Soll in die
       Waffenindustrie investiert werden? Wie sieht es mit Arbeitnehmerrechten
       aus? Oder einfach möglichst viel Kapital rausschlagen, egal wie? Wer
       entscheidet über die Investments? Das sind aus meiner Sicht keine banalen
       Fragen. Der Kapitalmarkt ist nicht irgendein Akteur, der einfach nur
       liefert. Da hängt am Ende die Realwirtschaft dran und die Frage von
       ökonomischer Macht.
       
       taz: Damit überhaupt Kapital da ist, plant die Regierung den Rentenbeitrag
       um zwei Prozentpunkte zu erhöhen. Die so gewonnenen Beiträge sollen dann
       investiert werden. Welche Konsequenzen hat das? 
       
       Blank: Es ist zu befürchten, dass dadurch das Wirtschaftswachstum und auch
       Arbeitsplätze gefährdet werden. Grundsätzlich gehen von Umlageverfahren und
       Kapitaldeckungsverfahren unterschiedliche Wirkungen auf die Ökonomie aus.
       Bei Ersterem wird das Geld gleich durch die aktuellen Rentner:innen
       wieder in Konsum übersetzt – sie geben das Geld aus und es bleibt im
       System. Bei Zweiterem wird es gespart und angelegt. Es ist also erst mal
       nicht mehr für den Konsum verfügbar. Letztlich kann das Sparen eine
       Investition in die Zukunft darstellen. Aber mit Blick auf die Rückwirkungen
       auf die Gesamtwirtschaft und die Entwicklung der Kapitalmärkte wissen wir
       nicht, ob es sich auszahlen wird.
       
       taz: Unterstützer:innen der Kapitalrente würden sagen, der Vorteil
       ist, dass sie unabhängig von der Bevölkerungsentwicklung ist. Gerade haben
       wir das Problem, dass immer weniger Junge immer mehr Alte finanzieren
       müssen. 
       
       Blank: Das überzeugt mich nicht. Die Alterung der Gesellschaft ist in
       vollem Gange, und die geburtenstarken Jahrgänge gehen gerade in Rente. Bei
       diesem Übergang hilft es nicht, jetzt eine Kapitaldeckung aufzubauen. Es
       dauert Jahrzehnte, bis ein kapitalgedecktes System voll ausgereift ist. Die
       Kommission sagt, dass es eine Art Ausgleichszuschlag – den Übergangsfaktor
       – geben soll, für alle, die noch nicht von der Kapitalrente profitieren
       können. Das heißt, dass der Zusammenhang zwischen dem demografischen Wandel
       und dem Einstieg in die Kapitaldeckung eher schwach ist.
       
       taz: Welches Land wäre aus Ihrer Sicht ein besseres Vorbild als Schweden? 
       
       Blank: Österreich ist ein gutes Beispiel. Die setzen weiter auf
       Umlageverfahren. Im Vergleich zu Deutschland und Schweden haben sie ein
       höheres Leistungsniveau. In Österreich ist der Beitrag zwar höher, aber die
       Arbeitgeber:innen tragen auch mehr bei. Gleichzeitig bleibt das
       Leistungs- und Beitragsniveau stabil. Letztlich sind Steuermittel dort das
       flexible Element.
       
       29 Sep 2026
       
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