# taz.de -- „Strategisch wählen“ in Sachsen-Anhalt: „Es geht um die demokratische Gefahrenabwehr“
> Campact zieht ein positives Resümee aus dem Aufruf, nicht CDU und Linke,
> sondern SPD und Grüne zu wählen. Kein Grund, die Strategie zu ändern.
(IMG) Bild: Der Protest geht weiter: Campact und Fridays for Future haben zur Kundgebung am Brandenburger Tor aufgerufen
taz: Herr Kolb, Campact hat mit der großangelegten [1][Kampagne
„Strategisch wählen]“ in Sachsen-Anhalt versucht, eine AfD-Regierung zu
verhindern. Die Rechtsextremen haben am Ende 44 Prozent bekommen. Wie fällt
angesichts dieses Ergebnisses Ihr Resümee aus?
Felix Kolb: Das Wahlergebnis ist ein Desaster, eine Zäsur. Es bedroht
unmittelbar Menschen mit Migrationshintergrund, queere Menschen, Menschen
mit Behinderungen und Linke. Aber unsere Kampagne hat durchaus
funktioniert: 60 bis 70 Prozent der Wähler:innen von SPD und Grüne haben
diese Parteien gewählt, um die AfD zu verhindern, und beide haben den
Einzug ins Parlament geschafft. Da bin ich stolz drauf. Wenn diese Leute
CDU und Linke gewählt hätten, könnte die AfD jetzt einfach durchregieren.
taz: Man kann es auch andersrum sehen: Die CDU hätte eine bessere
Verhandlungsposition, und eine stärkere Linke hätte mehr Chancen, eine
soziale Alternative zur Kürzungspolitik im Bund zu formulieren, die viele
zur AfD treibt. Hat Ihre Kampagne die Situation nicht verschlimmert?
Kolb: Mit ein paar Prozentpunkten mehr wären die Verluste für die CDU
trotzdem verheerend gewesen. Für die Linke tut es mir sehr leid, weil sie
eine stabil antifaschistische Partei ist. Aber ich glaube schon, dass die
meisten Linken verstehen, dass die Verluste nur eine bedauerliche
Nebenfolge unserer Kampagne waren. Und ein großer Teil der linken Verluste
ging ohnehin an BSW und AfD.
taz: Das Argument von vielen in der Linken ist, dass eine antifaschistische
Politik immer auch die Verteilungsfrage stellen muss, dass es einen
inhaltlichen Gegenpol zur neoliberalen Politik braucht.
Kolb: Ich halte in dieser Situation die demokratische Gefahrenabwehr für
wichtiger. Klar kann man sagen, es braucht eine Partei, die in den
ökonomischen Konfliktlinien stark ist und da besser mit der AfD in den
Kampf gehen kann. Aber dann nimmt man eben in Kauf, dass die AfD regiert.
Und ich habe auch in der Linken niemanden getroffen, der oder die wirklich
sagt, eine stärkere Linke sei wichtiger, als die AfD von der
Regierungsmacht fernzuhalten.
taz: Aber warum haben Sie denn nicht die Wähler:innen von Grünen und SPD
aufgerufen, Linke oder auch CDU zu wählen?
Kolb: Einfach wegen der Mathematik. Es sollten möglichst wenige Stimmen
verloren gehen. Es wäre ein Desaster gewesen, wären die Grünen trotz dieser
Kampagne mit 4,9 Prozent gescheitert. Aber es war klar, dass wir viel
weniger Leute brauchen, die von CDU, Linken und Kleinstparteien zu Grünen
und SPD gehen, als andersrum. Als die Grünen vor ein paar Monaten bei 3
Prozent lagen, haben wir der Partei übrigens gesagt: Wenn das vor der Wahl
auch so ist, rufen wir eure Wähler:innen dazu auf, etwas anderes zu
wählen. Da waren die auch nicht begeistert. Es war dann aber anders.
taz: Sie glauben nicht, dass „strategisches Wählen“ auch die Erzählung der
AfD stärkt, es gäbe zwischen den Parteien neben ihr keine Unterschiede
mehr?
Kolb: Nein, die AfD stand ja schon zu Beginn unserer Kampagne bei 43
Prozent in Umfragen. Ich glaube, da waren andere Faktoren entscheidender,
wie der langfristige Aufbau rechtsextremer Strukturen in Sachsen-Anhalt,
das fatale Agieren von Bundeskanzler Merz. Es kann natürlich immer sein,
[2][dass man bei AfD-Wähler:innen etwas auslöst]. Ich finde aber, wir
sollten unser Handeln nicht an AfD-Wähler:innen ausrichten, sondern daran,
was die AfD für Menschen bedeutet, die von ihr bedroht sind.
taz: Das BSW droht jetzt, den Steigbügelhalter für die AfD zu machen, auch
aus den Reihen der CDU könnte es Abweichler geben. Was ist Ihre Strategie
für die nächsten Wochen?
Kolb: Zum einen sind wir nicht bereit, die Abgeordneten von BSW und CDU aus
ihrer Verantwortung denen gegenüber zu entlassen, die von der AfD bedroht
werden. Da werden wir Druck machen – auch BSW-Abgeordnete haben schließlich
ein freies Mandat. Der zweite Punkt ist, dass wir sehen, wie sich nun
ausgerechnet die bestätigt fühlen, die schon immer die Axt an die
Brandmauer legen wollten. Dagegen werden wir mit einer Protestwelle auf der
Straße deutlich machen: Nein, die Brandmauer ist nicht der Grund, warum die
AfD so stark ist. Die Brandmauer ist gerade jetzt das Instrument, um der
AfD den Zugriff auf staatliche Macht zu verwehren. Und dann müssen wir
endlich über ein AfD-Verbotsverfahren reden! Für all das sind am Wochenende
schon bundesweit, von Hamburg über Magdeburg und Berlin bis Freiburg,
Demonstrationen geplant.
taz: [3][Die letzte Demowelle gegen rechts] war riesig, konnte aber keine
Trendwende herbeiführen. Haben Sie vor, etwas an Ihrer Proteststrategie zu
ändern?
Kolb: Die Demowelle gegen rechts ab Januar 2024 war ein wahnsinnig
wichtiges Signal, dass eine große Mehrheit der Gesellschaft gegen die
Deportationspolitik der AfD steht, wie sie in Potsdam diskutiert wurde. Und
nach Merz’ Tabubruch im Wahlkampf 2025 haben wir mit den Demos die
Brandmauer wieder stabilisiert. Das war wichtig. Ich würde sagen, dass von
der Politik viel zu wenig mit diesem Impuls gemacht wurde. Da hätte ich mir
damals mehr Rückendeckung gewünscht, auch von der Ampel. Aber das heißt
nicht, dass diese Demos nichts gebracht haben. Sie haben ein großes Gefühl
von Gemeinschaft und Rückhalt geschaffen. Und deutlich gemacht, wo die
demokratische Mehrheit steht. Das würde ich nicht unterschätzen.
taz: In der Vergangenheit konnten die Demos schon deshalb zu wenig
inhaltliche Gegenpunkte setzen, weil Politiker:innen aus
Regierungsparteien auf ihnen reden durften. Das wird auch weiter so sein?
Kolb: Wenn wir Politiker:innen eine Bühne bieten, würde ich das von
den jeweiligen Personen abhängig machen. Es gibt auch in der CDU wichtige
Stimmen, die klar die völkischen Ideen der AfD ablehnen und die Brandmauer
befürworten. Solchen Personen würde ich auf jeden Fall eine Bühne bieten,
auch wenn ich mit ihnen sonst wenig übereinstimme. Der gemeinsame Konsens
muss sein: Die AfD ist als völkische und verfassungsfeindliche Partei
abzulehnen und dementsprechend auch jede Form der Zusammenarbeit mit ihr.
Natürlich wäre eine gemeinsame Strategie aller Demokrat:innen
wünschenswert. Solange es die aber noch nicht gibt, sollten wir im Gespräch
bleiben.
taz: Wie soll es langfristig weitergehen?
Kolb: Worauf es jetzt in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus ankommt, ist,
die Zivilgesellschaft zu stärken. Gerade haben wir entschieden, dass wir
dem Deutschen Fonds für Demokratie eine Million Euro überweisen. Das ist
ein überparteilicher Verein, zu dem etwa Marco Wanderwitz gehört, der sich
als zivilgesellschaftliches Sicherungsnetz versteht. Der Verein will
sicherstellen, dass alle Strukturen, die von der AfD attackiert werden,
weitermachen können. Da wollen wir unseren Beitrag leisten.
taz: Wird es auch in Mecklenburg-Vorpommern eine „Strategisch
wählen“-Kampagne geben?
Kolb: Das ist noch nicht entschieden. Wir haben jetzt eine Umfrage in
Auftrag gegeben, die schaut, wie die Stimmung nach Sachsen-Anhalt ist. Wie
gesagt: Grundsätzlich hat das Instrument „Strategisch wählen“ funktioniert.
Wenn wir auf Basis der neuen Umfragedaten den Eindruck haben, dass diese
Strategie einen Beitrag leisten kann, dann werden wir dazu aufrufen. In
Mecklenburg-Vorpommern ist die Gefahr einer AfD-Regierungsbeteiligung aber
vermutlich geringer.
9 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.campact.de/strategisch-waehlen/sachsen-anhalt-2026/
(DIR) [2] /Wahlverhalten-in-Sachsen-Anhalt/!6211363
(DIR) [3] /Reaktionen-aus-der-Zivilgesellschaft/!6211417
## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Campact
(DIR) Taktik
(DIR) Interview
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Demos gegen rechts
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Zehntausende demonstrieren gegen die rechtsextreme AfD
Nach dem Wahlerfolg der AfD haben in Köln Tausende gegen Rechtsextremismus
demonstriert. Bundesweit waren seit Sonntag 35.000 auf der Straße.