# taz.de -- Soziale Gerechtigkeit und AfD: Die soziale Frage, neu gestellt
       
       > Die Verteilungsfrage hilft der AfD. Doch dazu gehören auch Würde,
       > Anerkennung und Zugehörigkeit – das sind die Treiber der
       > Rechtsradikalen.
       
 (IMG) Bild: Vielleicht brauchen wir eine soziale Frage, die wissen will: Wo wollen wir eigentlich hin? Was können wir miteinander aushalten?
       
       Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt habe ich von vielen Kolleg:innen einen
       Satz gelesen: Jetzt müsse man aber wirklich die soziale Frage stellen. Und
       meine erste Reaktion ist: Ja. Natürlich. Vermögen sind extrem ungleich
       verteilt, Erbschaften lassen Biografien auseinanderdriften, Mieten werden
       zum beherrschenden Kostenfaktor, öffentliche Infrastruktur verfällt.
       
       Also: Stellen wir die soziale Frage. Nur merke ich, dass mich etwas daran
       stört. Vielleicht ist es nur begriffliche Pedanterie, aber mit der sozialen
       Frage meinen wir erstaunlich häufig die finanzielle. Wer hat wie viel? Wer
       verdient wie viel? Wer besitzt was? Alles wichtige Fragen. Aber sind es
       wirklich die einzigen sozialen Fragen?
       
       Denn „sozial“ bezeichnet doch etwas viel Größeres: wie Menschen miteinander
       leben; wer Anerkennung erfährt; wer sich zugehörig fühlt, wer nicht; welche
       Lebensentwürfe als normal gelten; welchen Status jemand besitzt und was
       passiert, wenn dieser tatsächlich oder vermeintlich verloren geht.
       Vielleicht verstehe ich den Begriff also einfach falsch. Aber wann ist das
       Soziale derart auf das Ökonomische zusammengeschrumpft?
       
       Das Merkwürdige ist, dass selbst scharfe Kritik am Kapitalismus nah an
       seiner Logik bleibt. Arbeit bekommt einen Preis, Zeit bekommt einen Preis,
       Aufmerksamkeit mittlerweile sowieso. Die Kritik antwortet: Das ist
       ungerecht verteilt. Stimmt. Aber wenn wir gesellschaftliche Verhältnisse
       vor allem darüber beschreiben, wer welchen Anteil an etwas bekommt, das
       sich in Geld ausdrücken lässt, haben wir dann nicht bereits akzeptiert,
       dass darin die Maßeinheit menschlichen Wohlergehens liegt?
       
       ## Zwischen Erfahrung und Reaktion liegt Deutung
       
       Das ist natürlich ein unfairer Einwand. Eigentum bedeutet Macht. Ein
       Milliardär kann seine Interessen auf eine Weise durchsetzen, die einer
       Altenpflegerin nicht zur Verfügung steht. Es wäre albern, solche
       Unterschiede mit dem Hinweis wegzuwischen, Menschen hätten schließlich
       Gefühle, die inzwischen wahlbestimmend seien.
       
       Vielleicht ist deshalb die Versuchung groß, auch kulturelle Konflikte als
       Ausprägungen materieller Verhältnisse zu verstehen. Konkurrenz,
       Abstiegsangst oder Abgrenzung lassen sich sicherlich am Ende mit
       kapitalistischen Verhältnissen in Verbindung bringen. Vielleicht. Nur
       stolpere ich inzwischen ein bisschen über dieses „am Ende“.
       
       Denn wenn man weit genug herauszoomt, lässt sich fast jedes
       gesellschaftliche Phänomen auf eine grundlegende Struktur zurückführen. Die
       Frage ist nur, ob die Erklärung dadurch besser wird. Oder ob irgendwann das
       Gegenteil passiert und wir ausgerechnet jene Ebene aus dem Blick verlieren,
       auf der Menschen ihre Welt tatsächlich wahrnehmen. Aus einer kaputten
       Bahnstrecke folgt schließlich noch keine Ablehnung von Geflüchteten. Aus
       einem niedrigen Einkommen keine Feindschaft gegen queere Menschen. Aus
       einer geschlossenen Sparkassenfiliale keine Sehnsucht nach traditionellen
       Geschlechterrollen.
       
       Zwischen materieller Erfahrung und politischer Reaktion liegt eine Deutung.
       Jemand muss erklären, warum es mir schlechter geht, warum meine Umgebung
       sich verändert, wer schuld daran ist. Und vermutlich noch wichtiger: Wer
       dieses ominöse „wir“ eigentlich ist, dem angeblich etwas weggenommen wurde.
       Solche Deutungen entstehen nicht in unseren Köpfen allein.
       
       Einen erheblichen Teil gesellschaftlicher Verständigung haben wir in
       digitale Räume ausgelagert, die Unternehmen gehören und nicht dafür gebaut
       wurden, Verständigung gelingen zu lassen. Aufmerksamkeit lässt sich
       monetarisieren, und Konflikt erzeugt Aufmerksamkeit. Das heißt nicht, dass
       Plattformen Rassismus, Frauenfeindlichkeit oder Nationalismus erfunden
       hätten. Das wäre fast beruhigend, weil man sie dann nur abschalten müsste.
       So einfach ist es nicht. Sie treffen auf
       
       Jan Jasper Kosok arbeitet seit 2022
       
       als Co-Leiter der taz-Entwicklungsabteilung.
       
       Zuvor war er Onlineredak
       
       Kränkungen und Vorurteile, die bereits da sind, und verstärken sie.
       
       ## Welche Erzählung begünstigt das System?
       
       Gerade daran zeigt sich, wie schwierig die Trennung von Ökonomie und Kultur
       wird. Dass Aufmerksamkeit verkauft wird und Empörung ein Geschäftsmodell
       sein kann, ist selbst eine ökonomische Logik. Sie trifft auf kulturelle
       Konflikte, verstärkt sie und verändert politische Identitäten. Diese
       beeinflussen wiederum Wahlen und materielle Verhältnisse. Es geht also
       nicht nur darum, welche Geschichte über gesellschaftliche Probleme die
       überzeugendste ist. Es geht auch darum, welche Geschichten ein System
       begünstigt, das an unserer Aufmerksamkeit verdient.
       
       An diesem Punkt wird es schwierig, den Aufstieg der AfD ausschließlich oder
       auch nur hauptsächlich als Verteilungsfrage zu verstehen. Natürlich spielt
       materielle Unsicherheit eine Rolle. Wer erlebt, dass der Bus nicht mehr
       fährt, der Arzt keine Patient:innen mehr annimmt ([1][oder es ihn im
       Umkreis von 30 Kilometern gar nicht mehr gibt]) und die Kinder wegziehen,
       braucht keinen Vortrag darüber, dass Deutschland immer noch ein reiches
       Land ist. Aber Menschen können sich auch als Verlierer:innen fühlen,
       ohne ärmer geworden zu sein.
       
       Ein Mann kann erleben, dass Frauen selbstverständlicher Macht beanspruchen,
       und darin einen eigenen Statusverlust sehen. Heterosexuelle können die
       Sichtbarkeit anderer Lebensweisen als Verlust einer Ordnung empfinden, in
       der ihre eigene selbstverständlich war. Menschen auf dem Land können den
       Eindruck bekommen, dass urbane Lebensweisen dominieren und diese sich über
       ihre lustig machen. Man muss diese Verlusterfahrungen nicht für berechtigt
       halten, um anzuerkennen, dass sie existieren.
       
       Vielleicht ist „Revanchismus“ dafür sogar passender als „Abstiegsangst“.
       Nicht nur der Wunsch, wirtschaftlich wieder aufzusteigen, sondern die
       Sehnsucht danach, gesellschaftlich wieder an einem Ort zu stehen, den man
       für selbstverständlich hielt. Land gegen Stadt, Männer gegen Frauen,
       Heterosexuelle gegen Queere: grobe Gegenüberstellungen, aber Konflikte, die
       eine zusätzliche Buslinie allein nicht lösen wird.
       
       ## Kulturelle Konflikte tun materiell weniger weh
       
       Das heißt nicht, dass die Antwort jetzt einfach „mehr Kulturpolitik“
       lautet. Denn gleichzeitig passiert etwas Eigentümliches. Bei vielen
       materiellen Fragen erklärt Politik seit Jahren, warum sie nur begrenzt
       handeln kann. Kein Geld. Kein Wachstum. Schuldenbremse. Irgendetwas ist
       immer. Bei kulturellen Konflikten ist Bewegung leichter herstellbar, weil
       sie Auseinandersetzung erlauben, ohne zwangsläufig an Vermögen oder
       wirtschaftliche Macht zu gehen.
       
       Für eine Partei wie die AfD ist das günstig. Sie braucht keine komplizierte
       Antwort darauf, wie Pflege finanziert und Wohlstand verteilt werden soll,
       sondern eine Geschichte: Ihr wart einmal jemand. Dann kamen andere. Andere
       Menschen, andere Eliten, andere Werte. Sie haben euch etwas weggenommen.
       Wir geben es euch zurück. Ökonomisch erklärt das wenig, politisch kann es
       wirken. Und Empörung ist leichter zu transportieren als ein
       Finanzierungskonzept für die Pflege.
       
       Also: Wer materielle Ungleichheit ignoriert und Politik auf Repräsentation
       verengt, wird zu Recht gefragt, was ein divers besetzter Vorstand der
       Reinigungskraft bringt. Wer umgekehrt glaubt, mit höheren Löhnen
       verschwänden Rassismus und autoritäre Sehnsüchte gleich mit, macht den
       Menschen zu einem erstaunlich simplen Wesen. Beides sollte nicht
       gegeneinander ausgespielt werden.
       
       Vielleicht brauchen wir deshalb gar nicht weniger soziale Frage. Vielleicht
       brauchen wir mehr davon. Eine soziale Frage, die Vermögen und Einkommen
       genauso ernst nimmt [2][wie Würde, Anerkennung und Zugehörigkeit]. Die
       fragt, wer Macht besitzt, aber auch, warum Menschen bestimmte
       Machtverhältnisse akzeptieren. Die fragt, wer Öffentlichkeit organisiert
       und welche Anreize darin wirken. Die nicht jedes kulturelle Bedürfnis für
       progressiv erklärt, aber ebenso wenig jedes reaktionäre Bedürfnis zum
       Missverständnis eines eigentlich ökonomischen Konflikts umdeutet.
       
       Und vor allem eine soziale Frage, die fragt: Wo wollen wir eigentlich hin?
       Das Versprechen permanent wachsenden Wohlstands trägt nicht mehr, die
       Vorstellung, den eigenen Kindern werde es automatisch besser gehen, ist
       brüchig. Wie entwirft man ein positives Bild der Zukunft, wenn die Zukunft
       selbst zunehmend als Bedrohung erscheint? Wenn der Klimawandel die Frage
       aufwirft, welche Teile unseres heutigen Lebens überhaupt eine Zukunft
       haben? Vielleicht ist das eine Zumutung unserer Zeit: Wir sollen Lust auf
       ein Morgen entwickeln, von dem wir lernen, dass es in vielem schlechter
       werden könnte als das Heute.
       
       ## Wer sind wir füreinander? Was schulden wir uns?
       
       Die Rechte hat es einfacher. Ihre Zukunft ist eine Vergangenheit, die es
       vermutlich nie gegeben hat. Zurück zu klaren Verhältnissen. Zurück zur
       Nation. Zurück zur vermeintlich heilen Familie mit Mutter, Vater, Kind.
       Zurück zu einer Ordnung, in der jeder wusste, wo sein Platz war, was vor
       allem deshalb angenehm klingt, weil selten dazugesagt wird, wessen Platz
       damals ziemlich weit unten lag. Sie muss keine glaubwürdige Zukunft
       entwerfen. Sie behauptet einfach, irgendwo hinter uns habe bereits eine
       bessere gelegen.
       
       Was aber ist die Gegenerzählung? Mehr Netto vom Brutto wird nicht reichen.
       Ein buntes Deutschland auch nicht. Beides beschreibt noch keine
       Gesellschaft, in der Menschen gerne miteinander leben.
       
       Vielleicht hatten meine Kolleg:innen also vollkommen recht. Vielleicht
       müssen wir endlich wieder die soziale Frage stellen. Ich bin mir nur nicht
       sicher, ob wir sie groß genug stellen. Denn möglicherweise lautet sie nicht
       allein: Wer bekommt wie viel? Sondern auch: Wer sind wir füreinander? Was
       schulden wir uns? Welche Veränderungen wollen wir gemeinsam aushalten,
       welche vorantreiben, welche begrenzen? Und wie sieht eine Zukunft aus, auf
       die nicht nur diejenigen Lust haben, die ohnehin zu ihren
       Gewinner:innen gehören?
       
       Vielleicht wäre das ein Anfang. Eine Antwort ist es noch nicht.
       
       26 Sep 2026
       
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