# taz.de -- Wandern auf dem Balkan: Das verlorene Paradies
> Unsere Autorin findet in den Bergen Wiesen, die vor Artenvielfalt nur so
> strotzen. Sie erinnern sie an etwas, das es hierzulande kaum mehr gibt.
(IMG) Bild: Wir legen uns ins Gras, wir haben keine Eile. Ich möchte nie wieder aufstehen
Der Bergkessel wirkt wie ein entrücktes Paradies. Schmale Bäche durchziehen
gluckernd das Tal, saftige Wiesen erstrecken sich bis an die Hänge, selbst
im August sind sie noch tiefgrün. Auch Heidelbeersträucher wachsen an den
Hängen, manchmal sieht man Menschen mit Säcken bei der Ernte. Sonst ist es
still.
Es ist Hochsommer und Westeuropa brennt. Aber hier oben, auf rund 1.500
Metern Höhe, im Nationalpark in der Grenzregion zwischen Kosovo, Montenegro
und Albanien, ist davon nichts zu spüren. Die Welt wirkt unfassbar in
Ordnung. [1][Myriaden von Wildblumen sprießen] um uns herum, in Weiß und
Gelb, Blau und Violett, Rot und Purpur. Wir sind umgeben von nie endendem
Summen und Zirpen. Ich stelle mir vor, dass es das Jahr 1800 wäre, und
frage mich, wie viele Teile der Welt so aussahen. Wir legen uns ins Gras,
wir haben keine Eile. Ich möchte nie wieder aufstehen.
Wir sind nicht die einzigen, die staunen. „Ich kann mich an den Wiesen
nicht sattsehen“, sagt eine Engländerin, die wir treffen. Danach sprechen
wir wieder über [2][die Waldbrände in Wales].
Die Schönheit hier ist außerirdisch und gleichzeitig seltsam vertraut. Bei
vielen Kräutern fällt mir ein, wie sie sich anfühlten, als ich sie als Kind
auseinanderzupfte, wie wir sie damals nannten. Es sind Worte, die ich lange
nicht genutzt habe. Denn irgendwann müssen diese Kräuter und Blumen
verschwunden sein.
Die Wiesen in Deutschland wurden zu Bauland oder eintönigem Gras. Mir war
das nicht aufgefallen. [3][Artenschwund ist abstrakt]. Erst, als ich die
Wiesen im Kosovo sehe, erinnere ich mich mit einer Wucht, die mich selbst
überrascht, an das, was wir verloren haben. Es ist unendlich schön und
unendlich traurig. Mein Freund nennt diese Orte das verlorene Paradies.
## Wiesen als Zukunftsmodelle
Der Balkan gilt als weniger fortschrittlich, als entwicklungsbedürftig. Ich
denke, wie schlecht doch das BIP darin ist, echten Wert zu messen. Und in
Zeiten, in denen Flüsse renaturiert und Moore wieder feucht gemacht werden,
ist es überfällig, dass diese Wiesen Zukunftsmodelle sind, statt bloß
Relikte aus der Vergangenheit.
Eine Gruppe Männer kommt den Weg entlang, sie fallen auf. Ohne teures
Equipment, johlend statt andächtig. Sie sprechen uns an. Ich frage nach
ihrer Geschichte. „Wir sind hier aufgewachsen“, sagt einer. „Wir kennen uns
seit wir klein sind.“ Die Vordersten rennen schon enthusiastisch den
nächsten Berg hoch; nur einer keucht hinterher.
Wohin sie gehen? „Nirgendwohin“, lacht der Mann. „Wir wollen unsere
Kindheitserinnerungen auffrischen.“ Und wir? Ich nenne ihm unseren Zielort.
Aber eigentlich, denke ich, machen wir dasselbe. Nur müssen wir dafür
verreisen.
28 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Alina Schwermer
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