# taz.de -- Deutsches Start-up bringt Rakete ins All: Ein großer Schritt für die europäische Raumfahrt
> In Bayern gebaut, schießt eine Rakete ins All und bringt Satelliten in
> die Erdumlaufbahn. Da bekommt das Wort Start-up eine ganz neue Bedeutung.
(IMG) Bild: Zischhhhhhhhhh, bumm und weg
dpa | Das deutsche Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace hat beim zweiten
Testflug seiner Trägerrakete erfolgreich fünf Satelliten in die
Erdumlaufbahn gebracht. Die Rakete hob am Samstag um 22.12 Uhr vom
norwegischen Weltraumbahnhof Andøya ab, wie auf einem Livestream zu sehen
war. Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Norwegens Regierungschef Jonas Gahr
Støre gratulierten, [1][Merz wählte große Worte: „Das ist der Beginn einer
neuen Ära].“ Die Spectrum-Raketen drei bis sieben sind nach Worten von
Isar-Aerospace-Chef Daniel Metzler bereits im Bau. „Europa kann schnell
sein und liefern.“
## Großer Erfolg für ein Jungunternehmen
Beim ersten Testflug im März 2025 waren nur 30 Sekunden bis zum Absturz
vergangen. Das in Ottobrunn bei München ansässige Unternehmen feierte damit
nach monatelangen Verzögerungen und viermaliger Verschiebung des zweiten
Testflugs einen großen Erfolg.
Nach Angaben der Moderatoren bei der Live-Übertragung erreichte die 28
Tonnen schwere Rakete knapp vier Minuten nach dem Start eine Flughöhe von
etwa 100 Kilometern über dem Erdboden – die sogenannte Karman-Linie, die
die gedachte Grenze zum Weltall markiert. Auch der weitere Flug der Rakete
in den Orbit verlief demnach reibungslos, bis die Spectrum die
wissenschaftlichen Satelliten mehrerer Universitäten in erdnahen
Umlaufbahnen gut 500 Kilometer über dem Erdboden aussetzte.
Bei der Live-Übertragung war das Abstoßen der ersten Stufe zu sehen. „Das
erste Mal gelingt ein solcher Flug vom europäischen Kontinent aus in die
Erdumlaufbahn“, teilte Kanzler Merz in der Nacht mit. Das Unternehmen
selbst nannte den erfolgreichen Flug in einer Pressemitteilung einen
„Wendepunkt für Europa“.
„Wir haben in wenigen Jahren erreicht, wofür die europäische
Raumfahrtindustrie zuvor Jahrzehnte gebraucht hat“, erklärte Metzler.
„[2][Europa hat jetzt souveränen Zugang] zum Weltraum.“
Ursprünglich hätte die Spectrum-Rakete bereits im Januar abheben sollen.
Doch der erste Termin wurde wegen eines defekten Ventils verschoben, beim
zweiten Anlauf im März kam ein norwegischer Fischer dazwischen, der mit
seinem Boot die Sicherheitszone in den Gewässern vor der Startbasis nicht
rechtzeitig verlassen hatte. Im April wurden die Startvorbereitungen wegen
eines leckenden Druckbehälters abgebrochen, im Juni gab es erneut ein
Problem.
Isar Aerospace will in diesem und im nächsten Jahr weitere Starts in
Norwegen folgen lassen. Ab Anfang 2028 sollen die Spectrum-Raketen auch von
einer geplanten zweiten Startbasis in Kanada abheben, im Gespräch sind nach
Angaben von Isar Aerospace-Missionschef Alexandre Dalloneau auch Starts vom
Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana.
## Erfolg des Unternehmens von strategischer Bedeutung für Europa
Die Spectrum soll nach der Serienreife sogenannte zivile und militärische
Satelliten in erdnahe Umlaufbahnen bringen, geplant ist die Produktion von
40 Raketen im Jahr. Kanzler Merz’ überschwänglicher Glückwunsch erklärt
sich auch daraus, dass sowohl die Bundesregierung als auch die EU und
andere europäische Staaten ein strategisches Interesse am Erfolg des
Unternehmens mit seinen guten 400 Mitarbeitern haben.
Grund ist die derzeitige weitgehende Unfähigkeit Europas, Satelliten mit
eigener Technik ins All zu schießen. Seit Langem wird die große Mehrheit
der europäischen Satelliten von SpaceX ins All befördert. [3][Das ist bei
europäischen Raumfahrtunternehmen] unpopulär, weil die Auftraggeber in den
USA die technischen Spezifikationen ihrer Satelliten offenlegen müssen.
Nach Angaben von Isar Aerospace starteten die USA im vergangenen Jahr 198
Raketen, Europa lediglich 8.
„Strategischer Zugang zum Weltraum und nicht abhängig zu sein von einem
Monopol, ist offen gesprochen extrem wichtig für unsere Sicherheit, für
unsere Wirtschaft, für unsere strategische Autonomie“, sagte Metzler am
Sonntagmorgen. In die Schar der Gratulanten reihten sich
Wissenschaftsministerin Dorothee Bär und Bayerns Ministerpräsident Markus
Söder (beide CSU) ein.
Isar Aerospace hat nach Firmenangaben bislang über eine halbe Milliarde
Euro Investorengelder eingeworben. Zuletzt hatte das Jungunternehmen einen
Vertrag über 200 Millionen Euro mit der Europäischen Weltraumbehörde ESA
unterzeichnet – Teil eines ESA-Programms, das die Entwicklung europäischer
Trägerraketen beschleunigen soll.
Rund 60 Prozent der Anfragen an Isar Aerospace kommen mittlerweile aus dem
militärischen Bereich, wie Vorstandschef Metzler im Frühjahr berichtet
hatte. Laut Unternehmen ist Isar Aerospace jetzt schon mit Aufträgen über
mehrere hundert Millionen Dollar bis zum Jahr 2028 ausgebucht, obwohl die
Rakete nicht serienreif ist. Kanzler Merz hatte das Gelände in Andøya am
13. März gemeinsam mit dem norwegischen Regierungschef Støre besucht.
## Auch die verspätete Ariane 6 soll in Schwung kommen
Größere Höhen im All wird die bayerische Spectrum-Rakete jedoch auch dann
nicht ansteuern können, wenn sie eines Tages die Serienreife erreicht.
Daran arbeitet die französisch-deutsche ArianeGroup, die in diesem Jahr
insgesamt sieben bis acht Raketen des jahrelang verzögerten Typs Ariane 6
starten lassen will. Bisher gab es nach Zählung des Fachportals „European
Spaceflight“ vier Ariane-Starts in diesem Jahr. Anders als die Spectrum ist
die Ariane eine große Trägerrakete, die weit schwerere Nutzlast auch in
geostationäre Umlaufbahnen knapp 36.000 Kilometer über dem Erdboden
befördern kann.
6 Sep 2026
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