# taz.de -- Leichtathletik: Die Anziehungskraft der 800 Meter
       
       > Peu à peu arbeiten sich Spitzenläuferinnen wie Audrey Werro und Femke
       > Broeders-Bol an den umstrittenen Weltrekord von Jarmila Kratochvílová
       > heran.
       
 (IMG) Bild: Audrey Werro (r.) und Femke Broeders-Bol (2. v. r.) beim 800-Meter-Lauf im Diamond-League-Finale in Brüssel, September 2026
       
       Stellt man sich sechs Hundertstelsekunden in einem metrischen System vor,
       sind es weniger als ein halber Meter. Denkt man ganz konkret an die
       Laufbahn des Brüsseler König-Baudouin-Stadions, dann war nur ganz knapp zu
       erkennen, dass Audrey Werro aus der Schweiz in 1:54,75 Minuten vor Femke
       Broeders-Bol aus den Niederlanden den [1][800-Meter-Lauf der Frauen] bei
       den [2][Diamond-League-Finals] gewonnen hat.
       
       In einem der spannendsten Wettbewerbe, die die Leichtathletik zu bieten
       hat, ist aktuell bemerkenswert viel Substanz – zumal in Brüssel die Britin
       Keely Hodgkinson und die Kenianerin Lilian Odira fehlten. Werro wurde vor
       wenigen Wochen Europameisterin; Broeders-Bol hatte die 400-Meter-Hürden
       dominiert und ist erst in diesem Jahr auf die 800 Meter gewechselt;
       Hodgkinson ist Olympiasiegerin; und Odira ist amtierende Weltmeisterin.
       
       Alle vier laufen gegen ein Gespenst, es trägt den Namen 1:53,28 Minuten,
       und dies ist der älteste Weltrekord der Leichtathletik, aufgestellt am 26.
       Juli 1983 von der tschechoslowakischen Läuferin [3][Jarmila Kratochvílová].
       Wie nah die aktuellen Weltklasseathletinnen dieser Marke mittlerweile sind,
       wurde Ende August in Zürich offensichtlich. Da gewann Werro in 1:53,70
       Minuten.
       
       Am Samstag in Brüssel war sie zwar etwas mehr als eine Sekunde langsamer
       und schien etwas müde. Aber nicht müde genug, um einem fulminanten
       Zielsprint Broeder-Bols zu kontern. „Ich dachte, ich hätte es geschafft“,
       sagte die Niederländerin, „so nah dran war ich noch nie.“ Ihre Schweizer
       Konkurrentin sagte: „Ich habe gespürt, wie sie näher kam. Und ich habe
       diesen Zweikampf wirklich genossen, denn er spornt mich an, immer
       weiterzuarbeiten und mich nicht in meiner Komfortzone auszuruhen.“
       
       ## Viel Aufmerksamkeit für 800 Meter
       
       Broeders-Bol, die gerade diesen Schlussspurt hingelegt hatte, nannte
       bewundernd die Art, wie Werro ihre letzten 200 Meter läuft, „phänomenal“.
       Sie sagt: „Ich glaube, ich könnte mir da etwas abschauen, aber ich denke,
       es ist die Kombination aus mentaler und körperlicher Stärke. Sie ist noch
       so jung und doch so unglaublich schnell.“
       
       Alt sind die Spitzenläuferinnen alle nicht: Werro ist 22 Jahre alt,
       Broeders-Bol 26, Hodgkinson 24, Odira 27. Werro sagt: „Ich bin mir bewusst,
       dass ich eines Tages geschlagen werde. Aber im Moment genieße ich einfach
       den ersten Platz.“ Was Werro auch genießen dürfte, ist die enorme
       Aufmerksamkeit, die die 800 Meter derzeit bekommen. 30.000 Dollar bekam
       Werro für ihren Sieg in Brüssel.
       
       In der kommenden Woche findet der wohl letzte Auftritt dieses Jahres statt.
       Bei den Ultimate Championships in Budapest ist ein Preisgeld von 150.000
       Dollar ausgelobt. Außer Werro und Broeders-Bol wird wohl auch die von einer
       kleineren Blessur genesene Hodgkinson ebenso dabei sein wie Lilian Odira.
       Großer Sport also, zumal alle hoffen, dass der gleichermaßen legendäre wie
       umstrittene Weltrekord fallen könnte.
       
       Ein paar Sachen sprechen allerdings dagegen: Es ist schon Ende der Saison,
       die Läuferinnen sind müde. Allein Werro und Broeders-Bol werden in Budapest
       zum siebten Mal in diesem Jahr aufeinandertreffen. Dann wird in Budapest
       etwas fehlen, das in Brüssel und in Zürich dabei war: gleich zwei Arten von
       Tempomachern. Es wird weder eine Läuferin, die die ersten 400 Meter schnell
       anläuft und das Tempo von Beginn an hochhält, geben, noch die
       Wavelight-Technologie, bei der das Rekordtempo durch am Bahnenrand
       mitlaufende LED-Leuchten angezeigt wird. Bei Meisterschaften ist das
       verboten, was bei Leichtathletikfesten erlaubt ist.
       
       Aber: Als Jarmila Kratochvílová 1983 ihren Weltrekord lief, gab es auch
       weder Tempomacherin noch LED-Leiste. Kratochvílová lief das Rennen von
       vorne weg.
       
       6 Sep 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martin Krauss
       
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