# taz.de -- Eine Zeit als Mahnmal
       
       > MITTELSTRECKE Vor 30 Jahren lief die Tschechin Jarmila Kratochvílová
       > einen irrsinnigen Weltrekord über 800 Meter. Bis zum heutigen Tag war
       > keine Frau schneller über die doppelte Stadionrunde
       
       VON THOMAS PURSCHKE
       
       Die 800 Meter der Frauen sind eine denkwürdige Disziplin. Diskussionsstoff
       gibt es nicht erst, seit die Südafrikanerin Caster Semenya 2009 in Berlin
       Weltmeisterin über diese Distanz wurde. Auch die sehr maskulin aussehende
       Maria Mutola immer wieder mal für Zweifel: Sind da tatsächlich Frauen am
       Start?
       
       Eine Athletin war in dieser Hinsicht unvergleichlich. Jarmila Kratochvílová
       ließ zumindest was ihr einstiges Muskelkorsett anbelangt jegliche
       Konkurrenz von Athletinnen vor und nach ihrer Zeit weit hinter sich. Die
       heute 62-jährige Kratochvílová aus Tschechien ist seit nunmehr 30 Jahren
       Inhaberin des Weltrekords über die zwei Stadionrunden: 1 Minute und 53,28
       Sekunden brauchte sie am 26. Juli 1983 für die 800 Meter bei einem Meeting
       in München. Es ist der älteste noch bestehende Freiluft-Weltrekord in der
       Leichtathletik.
       
       Zwei Wochen später war Kratochvílová bei den
       Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Helsinki auch die erste Frau der
       Welt, die über 400 Meter unter der 48-Sekunden-Marke blieb (47,99). Sie
       wurde Weltmeisterin über 400 und 800 Meter und ihre 400-Meter-Zeit wurde
       bis heute nur einmal unterboten – von der DDR-Athletin Marita Koch, die im
       Oktober 1985 sagenhafte 47,60 Sekunden lief (s. Kasten).
       
       Diese Bestmarken wurden in den anabolikaverseuchten 80er Jahren aufgestellt
       und sind somit auf ihre Weise auch Mahnmale für die Pervertierung des
       Leistungssports. Der Heidelberger Zellbiologe und Dopingaufklärer Werner
       Franke sagt dazu: „Die damalige deutsche Spitze, auch über 400 bis 800
       Meter waren aktenkundig alle hormonell virilisiert. Der
       Leichtathletik-Weltverband (IAAF) ignoriert dies jedoch bis heute. Das
       spricht eigentlich nur für dessen nach wie vor korrupte Grundhaltung.“
       Franke verweist darauf, dass noch in diesem Jahr ein an den
       Doping-Opfer-Hilfe-Verein angebundenes Aktenarchiv mit zahlreichen
       Dokumenten zum Dopingbetrug in Deutschland sowie aus dem Ausland zugänglich
       gemacht wird.
       
       Ines Geipel, einstige DDR-Sprinterin vom Sportclub Motor Jena, die ihren
       1984 mitaufgestellten Vereinsstaffelweltrekord wegen des damals kriminellen
       und staatlich organisierten Zwangsdopings zurückgab, findet es „höchst
       seltsam, dass die IAAF diesen Jahrestag des Kratochvílová-Weltrekords stolz
       auf der eigenen Webseite präsentiert“. Sie erinnert sich: „Als ich ihr bei
       einem Wettkampf in den 80er Jahren in der ČSSR begegnete, war es die
       physische Offenbarung. Ich hatte nie vorher einen solchen Laufkörper
       gesehen.“
       
       Nachdem Kratochvílová 1980 bei den Olympischen Spielen in Moskau über 400
       Meter die Silbermedaille gewann, konnte sie 1984 in Los Angeles wegen des
       Boykotts der Ostblockstaaten nicht teilnehmen. Ein möglicher Olympiasieg
       blieb ihr versagt. Indes ein Jahr zuvor sorgte die Frau mit den maskulinen
       Gesichtszügen und dem extrem muskelbepackten Körper mit ihren beiden
       Weltrekorden für gehöriges Aufsehen – und Zweifel.
       
       Auf die Frage, wie eine Frau solche enormen Muskeln aufbauen könne,
       antwortete Kratochvílová in den vergangenen Jahren meist mit der Floskel,
       sie habe eben damals über 16 Jahre lang sehr hart trainiert. Inzwischen ist
       hinlänglich bekannt, dass der Leistungssport besonders in den
       Ostblockregimen von knallhartem Drill und Unterordnung geprägt war. Ihr
       einstiger Trainer, der Exarmeeoffizier Miroslav Kváč, führte die Erfolge
       auf umfängliches Krafttraining zurück. Sein Schützling musste angeblich pro
       Trainingstag bis zu 16 Tonnen an Gewichten stemmen. Zudem sei Kratochvílová
       jeden Vormittag 18-mal 300 Meter gelaufen – gelegentlich auch mit einer
       militärischen Gasmaske sowie einer 10-Kilo-Bleiweste.
       
       Dies erinnert ein wenig auch an den großen tschechischen Langstreckler Emil
       Zátopek und seine eigentümlichen Trainingsmethoden, der in den 50er Jahren
       auch ab und an in schweren Militärstiefeln durch den Wald rannte, um die
       Fuß- und Beinmuskulatur zu stärken.
       
       Am Ende der Strapazen stand für Kratochvílová über 100 Meter eine Bestzeit
       von 11,09 Sekunden zu Buche, über 200 Meter waren es 21,97 Sekunden. Sie
       konnte ihre Grundschnelligkeit mit Stehvermögen auf den längeren Distanzen
       kombinieren.
       
       Kratochvílová sieht heute viel schmächtiger aus als einst. Die Heldin des
       ČSSR-Sports arbeitet seit Langem als Leichtathletik-Trainerin beim
       Sportclub Cáslav Vodratny, eine gute Autostunde östlich von Prag. Sie lebt
       mit ihren Eltern zusammen, ist ledig und hat keine Kinder. Auf Doping
       konkret angesprochen, sagte sie im Jahr 2011 der FAZ: Sie verstehe sich
       weder als Dopingopfer noch als eines der Politik. Sie sei zu nichts
       gezwungen worden. Einmal in der Woche habe sie Spritzen bekommen. Diese
       enthielten angeblich Vitamin B12. Wenn jemand gesagt habe, dass es hilft,
       habe man das geglaubt, sagt sie. Ansonsten fühle sie sich gesund.
       
       Kratochvílová sagte dem tschechischen Rundfunk dieser Tage, dass sie
       niemals erwartet hätte, ihren Rekord nach einen so langen Zeitraum noch
       immer inne zu haben. Der ist für die diesjährige deutsche Meisterin über
       800 Meter, Fabienne Kohlmann von der LG Karlstadt, weit weg, außerhalb
       ihres Vorstellungsvermögens. Kohlmann brauchte in Ulm 2:04,00 Minuten. Ihre
       Bestzeit aus dem Jahr 2010 liegt bei 2:00,72 Minuten. Ihr persönliches Ziel
       ist, unter die 2-Minuten-Marke zu gelangen.
       
       Deutsche Rekordhalterin ist mit 1:55,26 Minuten Sigrun Grau-Wodars vom
       Sportclub Neubrandenburg – gelaufen 1987 bei der WM in Rom. Die
       Olympiasiegerin über diese Strecke 1988 in Seoul gab bei den Ermittlungen
       zum DDR-Staatsdoping zu Protokoll, dass sie von 1983 bis 1990 das
       Anabolikum Oral Turinabol und andere Substanzen eingenommen habe. In der
       ewigen deutschen Weltbestenliste über 800 Meter rangiert die einstige
       Neubrandenburger Klubkollegin von Grau-Wodars, Christine Wachtel, auf Platz
       zwei. Wachtel lief 1987 beim WM-Finale in Rom 1:55,32 und war somit nur
       sechs Hundertstel langsamer als Weltmeisterin Grau-Wodars. Auch Wachtel
       räumte übrigens die Einnahme von Anabolika in der DDR ein.
       
       27 Jul 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) THOMAS PURSCHKE
       
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