# taz.de -- Schalkes Rückkehr in die erste Liga: Nicht mehr wirklich cool
> In der hässlichsten und ärmsten Stadt des Landes wird der Aufstieg in die
> Bundesliga gefeiert. Da muss man sich einfach mitfreuen. Oder etwa nicht?
(IMG) Bild: Vorfreude pur: Schalkes Anhänger vor dem Anpfiff des entscheidenden Spiels am Samstag
Ganz im Westen, im Grenzgebiet zu den Niederlanden und Belgien, geht man
zwar nicht immer schön, aber doch wenigstens kreativ mit der deutschen
Sprache um. Und erfindet sehr passende, anderswo komplett unbekannte
Wörter: Jahrende zum Beispiel (gesprochen Jahren-de, mit kurzem e).
Jahrende ist die Steigerungsform von Jahren und beschreibt immer dann, wenn
ein bloßes „jahrzehntelang“ unangemessen zu kurz wirken würde, einen
wirklich elendig langen Zeitraum.
Schalkes letzte Meisterschaft ist beispielsweise Jahrende her. Das war
1958, ein Jahr, das kaum jemand miterlebt hat, der heute noch atmet. Damals
gab es noch keine Bundesliga und keinen Frauenfußball, keine bunten
Sneaker, kein Internet und wahrscheinlich nicht einmal die taz.
Bloß Schalke, Schalke war immer da. 1963 durfte der Verein gleich in der
ersten Bundesliga-Saison mitspielen, in einer Zeit also, in der die
Bundesrepublik noch schwarz-weiß war, weil, logisch, das Farbfernsehen erst
1967 eingeführt wurde.
Die Menschen der Region arbeiteten hart. Und sie starben hart, durch
Schlagwetterexplosionen und Steinschlag, Staublunge und Alkohol.
[1][Schalke machte ihnen nicht immer Freude]. Und auch die heutigen Fans
hatten nicht viel Grund zu jubeln, wenn man von unerheblichen Erfolgen wie
dem unverschämten Pokalsieg gegen den wunderbaren MSV Duisburg 2011
absieht.
## Und jetzt die Meisterschaft
Aber jetzt, jetzt ist es [2][vorbei mit der Jahrende dauernden
Trostlosigkeit], denn jetzt ist Schalke wieder erstklassig und wird
natürlich schon ganz bald Meister, ach was, Serienmeister! Weil sie es
verdient haben, die hässlichste [3][und noch dazu ärmste Stadt
Deutschlands] und die Region und vor allem die Fans. Den Wiederaufstieg
massiver und ausdauernder (und mit deutlich weniger antisemitischen
Ausfällen) zu feiern als der revolutionäre 1. Mai in Berlin begangen wurde,
das muss man schließlich auch erst mal hinbekommen.
Sich mitzufreuen gelingt aber nicht so ohne weiteres. Ja, da sind sie
wieder, die sogenannten Knappen, aber ein bisschen ist es so, als träfe man
den einst so coolen Schwarm aus der 8a nach Jahrenden wieder. Genau, den,
der einst so wunderbar lässig und arrogant auf die Zumutungen des
Lehrpersonals reagierte. Und dazu einen aufregenden Hang zur
Kleinstkriminalität hatte.
Der schlechte Umgang von damals hat ihm nicht gutgetan, immerhin, er hat
später in ein Autohaus eingeheiratet, was gut ist, denn er macht immer noch
die gleichen Sprüche wie früher, die aber dort mit etwas Glück vielleicht
noch niemand kennt. Und dann guckt man ihn so an in seiner schick
verschlissenen, ein bis zwei Nummern zu kleinen Lederjacke und hört ihn
„zum Bleistift“ sagen und geht einfach weiter.
Nicht zu Schalke, das immer noch völlig aufgelöst feiert und die guten
alten Zeiten beschwört. Und darüber vergisst, dass es bis zum nächsten
Abstieg womöglich nur ein bisschen dauert, wenn es kein Autohaus zum
Heiraten findet, und dass bis zum Wiederaufstieg diesmal Jahrende vergehen
könnten.
3 May 2026
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(DIR) Elke Wittich
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