# taz.de -- Argentinien unter Milei: Immer mehr Zahlungsunfähige
> Unter Javier Milei steigt die Zahl der Argentinier*innen, die ihre
> Kredite nicht mehr bedienen können. Auch Unternehmen geraten zunehmend
> unter Druck.
(IMG) Bild: Schattenwirtschaft: Viele haben unter Milei ihren Job verloren. Zahlungsverzug ruft illegale Kreditgeber auf den Plan
Argentiniens [1][libertärer Präsident Javier Milei] hat eine neue soziale
Gruppe geschaffen. Der Volksmund nennt sie „Los Morosos“. Salopp übersetzt:
die Zahlungsunfähigen. Mehr als 5,8 Millionen Argentinier*innen und
damit rund 12,5 Prozent der Bevölkerung können ihre Kreditraten nicht mehr
bedienen.
Nach dem jüngsten Bericht der argentinischen Zentralbank lag die
Ausfallquote bei Bankkrediten privater Haushalte im Juni 2026 bei knapp 13
Prozent. Im Juni des Vorjahres lag der Wert noch bei 5,2 Prozent. Besonders
problematisch sind Konsumentenkredite und Kreditkarten.
Viele sind heute mit ihren Kreditzahlungen nicht nur im Rückstand, sondern
schlicht zahlungsunfähig. Neben den klassischen Banken spielen Fintechs,
digitale Kreditplattformen, nicht bankengebundene Kreditkartenanbieter und
Händlerfinanzierungen eine immer größere Rolle. Dort ist die Ausfallquote
mit 27 Prozent sogar deutlich höher.
Staatliche Hilfen in welcher Form auch immer hat der Präsident kategorisch
ausgeschlossen. Für Milei ist das „eine Angelegenheit zwischen Privaten“.
Wenige Tage später legte er bei einer Rede vor Börsianern nach: „Die
Fußballweltmeisterschaft kam, und wissen Sie, was viele Leute gemacht
haben? Sie sind in die Elektrogeschäfte gegangen und haben Fernseher
gekauft!“, auf Pump versteht sich.
## Auch Unternehmen sind in Zahlungsverzug
Der mittelständische Unternehmensverband CAME widersprach. „Es liegt am
Rückgang der Kaufkraft“, erklärte ein CAME-Sprecher und fügte hinzu, dass
viele Familien Kredite aufnehmen müssen, um „Lebensmittel, Schuhe und
Kleidung“ zu kaufen.
Die Zahlen vom staatlichen Statistikamt Indec stützen diese Aussage. Seit
dem Amtsantritt von Javier Milei sind die realen Löhne der registrierten
Beschäftigten um 3,6 Prozent gesunken. Auch im Jahresvergleich zeigt sich
ein Verlust: Die Löhne stiegen im Vergleich von Juni 2025 bis Juni 2026 um
29,6 Prozent, während die Preise um rund 34 Prozent zulegten. Im ersten
Halbjahr 2026 beschleunigte sich das Öffnen der Schere. Die Löhne erhöhten
sich um 14,5 Prozent, die Inflation hingegen um 19,3 Prozent. Nominal
verdienen die Beschäftigten also mehr, real können sie sich davon weniger
leisten.
Hinzu kommt der [2][Verlust von Arbeitsplätzen]. In den zweieinhalb Jahren
Milei gingen bereits 241.000 formale Arbeitsplätze im privaten Sektor
verloren. Viele ehemals Beschäftigte sind in die Informalität abgerutscht,
wie das Institut für Politische Ökonomie (IIPE) der Universität Buenos
Aires kürzlich bekannt gab.
Die Zahlungsprobleme beschränken sich längst nicht mehr auf private
Haushalte. Auch Unternehmen geraten zunehmend unter Druck. Laut einem
Bericht des argentinischen Industrieverbandes (UIA) stieg die Ausfallquote
bei Industrieunternehmen von 0,7 Prozent im Dezember 2024 auf 3,8 Prozent
im Juni 2026. Was sich nach einem geringen Anstieg anhört, ist das
Fünffache innerhalb von nur anderthalb Jahren. Und die Tendenz weist weiter
nach oben.
Noch eine andere Entwicklung bereitet Sorgen. Wo der Staat sich
zurückzieht, füllen meist illegale Gruppierungen das Vakuum. Das ist nicht
neu und lässt sich in nahezu allen lateinamerikanischen Ländern beobachten.
Doch seit Milei den Staat massiv abbaut, beschleunigt sich diese
Entwicklung in Argentinien. Die Narcos in den Armenvierteln sind nicht mehr
nur Verkäufer illegaler Drogen. Sie entwickeln sich zu informellen
Kreditgebern und Glücksspielbetreibern. Dabei verleihen sie Geld nicht
direkt. Sie bauen ein Netzwerk aus Nachbarn, Freunden, Verwandten und
Bekannten auf, die als Vermittler fungieren.
2 Sep 2026
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(DIR) Jürgen Vogt
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