# taz.de -- Bibliotheken in Berlin: Ein Lese-Orchester für den Alex
> 400 Sonnenliegen und eine alte Berliner Sehnsucht: Die Zentral- und
> Landesbibliothek soll endlich einen großartigen Ort bekommen. Am besten
> am Alex.
(IMG) Bild: Berlins Bibliotheken setzen vor dem Lies-ein-Buch-Tag am 6. September mit einem Lese-Orchester am Alex ein (Lese-)Zeichen
Eigentlich sollte an diesem Sonntag am Brunnen der Völkerfreundschaft
weniger los sein. Wo [1][am Alexanderplatz] nur wenige Läden geöffnet
haben, wirkt der prominente Ort an Sonntagen oft wie ausgestorben. Heute
aber stehen ungefähr 400 Sonnenliegen auf dem Platz. Menschen lümmeln
darin, blinzeln in den hellen Himmel und blättern in mitgebrachten Büchern.
Direkt vor dem [2][Galeria-Kaufhaus] ist eine Bühne aufgebaut. Davor folgen
mehr als hundert Kinder einer Frau in lila Weste, die sie zu
Lockerungsübungen auffordert wie vor einer Gesangsstunde: Arme hoch, Zungen
raus. Mal machen alle Gähn-Seufzer, mal Zungentriller, begleitet von großem
Gegacker.
Dann geht es los. Die Kinder schlagen ihre Lieblingsbücher auf –
mitgebracht oder noch schnell aus dem blauen Spandauer Lesebus entliehen,
der neben der Kundgebung parkt. „Petronella Apfelmus“ ist dabei, „Naruto“,
„Das Tagebuch der Anne Frank“ und „Ein Mädchen namens Willow“. Auf ein
Zeichen beginnen alle gleichzeitig laut zu lesen. Ein paar Minuten lang
wird aus dem Alexanderplatz eine vielstimmige Lese-Kakofonie.
Mit der Aktion setzen die Berliner Öffentlichen Bibliotheken während der
Aktionswochen von #BerlinIstKultur und am Tag des Lesens ein Zeichen: Lesen
macht Spaß, Lesen verbindet – und Lesen braucht Platz. Kinder und
Erwachsene sehnen sich nach gut ausgestatteten Bibliotheken in der ganzen
Stadt, lautet die Botschaft, und Berlin endlich [3][eine zukunftsfähige
Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) für alle].
Dass der Lese-Protest ausgerechnet an diesem Tag stattfindet, ist politisch
kaum zu übersehen: In Sachsen-Anhalt wird gewählt, in Berlin sind es noch
zwei Wochen bis zur Abgeordnetenhauswahl. Nach dem 20. September könnte
endlich entscheiden werden, ob aus den Plänen diesmal tatsächlich ein Ort
wird.
## So viele Debatten
Die ZLB versucht seit Jahren, aus einem Provisorium herauszukommen. Noch
immer ist sie auf die Amerika-Gedenkbibliothek am Blücherplatz und die
Berliner Stadtbibliothek in der Breite Straße in Mitte verteilt. Beide
Häuser sind sanierungsbedürftig, beide zu klein.
Kaum eine Berliner Kulturinstitution hat dabei so viele Standortdebatten
erlebt. Pläne am Marx-Engels-Forum, Erweiterungen am Blücherplatz und ein
Neubau am Flughafen Tempelhof scheiterten; das ICC tauchte als Idee auf und
verschwand wieder. Zuletzt wurde über die frühere Galeries Lafayette in der
Friedrichstraße verhandelt. Auch daraus wurde nichts.
Nun richtet sich der Blick auf den Alexanderplatz. Im Galeria-Gebäude, so
die Idee, könnten Warenhaus und Bibliothek nebeneinander und mit getrennten
EIngängen Platz finden. Für die ZLB wäre es die Chance, ihre Bestände,
Angebote und Arbeitsplätze endlich unter einem Dach zu bündeln. Für den
Alex könnte eine öffentliche Einrichtung, die nicht vom Konsum lebt, alles
grundlegend umkrempeln.
Während die Kinder sich nach dem Lese-Orchester Geschenke holen, Shirts,
Bücher und Lesezeichen, erklären mit warmen Worten ZLB-Direktor Jonas Fansa
und Regina Kittler, im Abgeordnetenhaus Sprecherin der Linksfraktion für
Kinder, Jugend und Familie, warum Berlin aus ihrer Sicht diese Bibliothek
braucht.
## Ein bisschen komisch
Ein Siebenjähriger findet die Vorstellung trotzdem „ein bisschen komisch“,
an einem für ihn so hässlich wirkenden Ort wie dem Alex in die Bibliothek
zu gehen. Drei Geschwister aus Lichtenberg, zwischen acht und zwölf Jahre
alt, widersprechen indirekt: Eine Bibliothek würde dem Alex „bestimmt total
gut tun“. Ein 14-Jähriger, der seine elfjährige Schwester im Schlepptau
hat, sagt: „Ich finde es superwichtig, in Zeiten wie diesen viel zu lesen.“
Nach dem Lese-Orchester beginnt die Silent Reading Party. Plötzlich wird es
still. Hunderte Menschen liegen oder sitzen mitten auf dem Platz, lesen
nebeneinander her, ohne Eintritt, ohne Kaufzwang. Für einen Moment sieht
das aus wie eine kleine städtische Utopie.
Denn die ZLB ist längst mehr als eine klassische Ausleihbibliothek. [4][In
der Amerika-Gedenkbibliothek] gibt es beispielsweise Sprachlernangebote,
Digitalberatung, Medienwerkstätten, Lesungen und Musikangebote; ausleihen
kann man da nicht nur Bücher, sondern auch Dinge und Technik.
Schüler*innen aus der Umgebung lernen dort für Prüfungen, jüngere
Geschwister verbringen ihre Nachmittage in der Kinderbibliothek. Gerade in
einer Stadt, in der viele Kinder in Armut aufwachsen, sind solche
kostenlosen Räume existenziell.
Wie wäre es also, wenn hier nicht nur an diesem Sonntag 400 Liegen und
Stühle stünden? Wenn Menschen am Alex schmökern, lernen, diskutieren,
herumhängen und miteinander ins Gespräch kommen könnten – kostenlos, mitten
in der Stadt? Es wäre ein Gewinn für den tristen Alex. Und nach Jahren
vergeblicher Standortsuche vor allem einer für ganz Berlin.
6 Sep 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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