# taz.de -- Die Wahrheit: Freier Tag mit Frage
> Warum eigentlich nicht öfter? Bei einer Spaßzigarette die Weltlage
> erörtern oder einfach nur unsere komische Existenz erträglich gestalten.
Mittags hatte ich mich auf eine Spaßzigarette einladen lassen. Ich bin
diesbezüglich ein Nassauer, ein mieser Gelegenheitspartizipant, der nie auf
die Idee kommt, sich dabei geldlich erkenntlich zu zeigen.
„Wo bleibt die Wirkung?“, fragte ich den Spaßzigarettenspender nach
etlichen Zügen. „Ruhig, Brauner“, sagte er. „Einfach abwarten.“
Ungefähr eine Dreiviertelstunde später schlug der Stoff zu, auf die
allerfreundlichste Weise. Eine weiche, warme Schwere durchflutete meine
dauerverspannten Glieder. Plötzlich war mir geradezu plastisch klar,
weshalb die Hippies und die wahren Linken, die Anarchos, den Kriegsdreck
verabscheut hatten und heute ein Scheusal wie Kiesewetter den vermaledeiten
„öffentlichen Diskurs“ beherrscht. Derart kaputt sind nicht mal die Junkies
aus dem Wohnheim in der hiesigen Nachbarschaft.
Der Nachmittagsschlaf war generös. Seit langem bin ich nicht so erfrischt
aufgewacht. Dann rief die schöne Frau an. Die erfreuliche Substanz
zirkulierte unvermindert in mir, und ich quallte sie mit haarsträubenden
Theorien über ihre lavierte Nazigesinnung zu, weil ihre Inklination zum
Britischen dergleichen sehr nahelege. Jedenfalls lachte sie unentwegt.
Das Prächtigste: das retardierte Zeitempfinden. Eine Minute hörte nicht
auf, eine Minute zu sein. Das versöhnt mit unserer komischen Existenz,
zumal wenn man zuletzt jeden Tag mit der Endlichkeit der Eltern
konfrontiert gewesen ist.
## Ein pflichtbefreiter Tag
Abends, nachdem ich leider einigermaßen nüchtern geworden war, beorderte
mich Freund Ossama zur Bierbank auf der Frankenallee. Auch egal, dachte
ich, is’ ohnehin ein pflichtbefreiter Tag. Ossama hatte in der Nähe Jever
eingekauft, an unserem Büdchen ist er nicht mehr gelitten, wegen
irgendeines Ärgers mit der Bierausgabefachkraft. Ich halte mich aus diesen
Sozialverkrampfungen und -verwerfungen mittlerweile heraus, Bedeutsamkeiten
verschieben sich infolge gewisser Erfahrungen.
Ossama und ich tranken stilvoll gemächlich Bier und hörten Musik. Die
Nachgewitterwolken schmückten in ihrer fragilen Anmut den westlichen
Himmel. Ein junger Bursche kam vorbei, stoppte mit ein paar
Trippelschritten und fragte uns: „Entschuldigung, ist hier etwas
heruntergefallen?“
„Nein“, sagte ich. Er stapfte von dannen. Ossama schaute mich an und begann
zu lachen. „Was?“, fragte ich ihn. „Das war die dümmste Frage, die ich
jemals gehört habe!“
Ossama sagte: „Dein ‚Nein‘ war so lustig“, und er imitierte die
Trippelschritte. „Bitte!“, entgegnete ich. „Die Sonne ist heruntergefallen,
das sieht doch jeder! Bald fällt das Firmament herunter. Und der Mond liegt
seit 21.15 Uhr da hinten in der Schwalbacher Straße!“
Ossama lachte weiter. Mir hat mein freier Tag fraglos gefallen.
1 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Jürgen Roth
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