# taz.de -- Ukraine trifft russische Wirtschaft: Drohnenattacken gegen Russlands Finanzsystem
> Die ukrainischen Angriffe auf den größten russischen Internethändler
> Wildberries können zu einem Kollaps im Bankensystem führen.
(IMG) Bild: Hier brennt das russische Finanzsystem in Elektrostal nahe Moskau
Apokalyptisch steigt die gigantische schwarze Qualmwolke in den Himmel über
die Stadt Elektrostal bei Moskau. Anfang August landeten ukrainische
Drohnen den schwersten Treffer der seit 18. Juli laufenden Angriffswelle
auf Lager und Logistikzentren des [1][russischen Internet-Handelskonzerns
Wildberries]. Stand Montag wurden inzwischen mindestens 20 Logistikzentren
und Lagerhäuser getroffen, einige brannten komplett aus.
Doch die unbemannten Flugobjekte attackieren nicht nur den mit Abstand
größten Handelskonzern Russlands, der auch die russische Armee beliefert,
sondern sie treffen das Finanzsystem des Riesenreichs. „Der Kollaps“ von
Wildberries, mahnt der russische Oligarch Oleg Deripaska, „könnte das
gesamte Finanzsystem der Russischen Föderation erschüttern“.
Ob Wildberries wegen der Attacken nicht mehr in der Lage sein wird, seine
enormen Schulden zu bedienen, lässt sich nicht vorhersagen. Der
Finanzdirektor der größten russischen Bank Sber, Taras Skworzow, bestätigte
aber, dass sein Institut eine Aufstockung der Rückstellungen für diese
Kredite in Erwägung ziehe, Sber sich also auf Kreditausfälle vorbereite –
in einer Zeit, in der [2][russische Banken durch immer mehr faule Kredite
gestresst] sind.
Das Ziel der Ukraine mit den Angriffen auf die großen Handelskonzerne
Wildberries und Ozon formuliert Denys Schtilerman, heute Chef des
ukrainischen Drohnenbauers Fire Point, der früher noch mit russischem Pass
für das Moskauer Verteidigungsministerium tätig war: „Wir müssen
Wildberries und Ozon fertigmachen. Das wird das Bankensystem zum Einsturz
bringen, weil sie zu den größten Unternehmensschuldnern gehören.“ Das
zweitgrößte russsische Bankhaus VTB habe bereits Probleme gehabt „und jetzt
werden Billionen Rubel an Krediten für immer verloren sein“. Der
ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak assistiert: „Das Hauptziel
dieser Angriffe ist es, der russischen Wirtschaft Schaden zuzufügen und
eine Krise auszulösen.“
## Der Fluch der Pyramide
Tatjana Kim, die Gründerin und Mehrheitseignerin von Wildberries, das auch
„Russlands Amazon“ genannt wird, fordert dringend, dass der Kreml
finanzielle Hilfe bereit stellt. Denn der 2004 als Second Hand
Internet-Börse und Weiterverkäuferin von Waren aus Otto- und
Quelle-Katalogen gegründete Konzern steht im Mittelpunkt einer gigantischen
Finanzpyramide. Deren Einsturz hätte nach Ansicht russischer
Finanzmarktfachleute erhebliche Folgen für die Wirtschaft Russlands und das
Bankensystem.
Wildberries wickelt jährlich Handel im Umfang von 3 Prozent des russischen
Bruttoinlandsprodukts (BIP) ab. Zum Vergleich: Amazon, der größte
E-Commerce-Anbieter in Deutschland, verkauft hierzulande Waren für 0,84
Prozent des BIP. Nun sind gut ein Fünftel der Wildberries-Hallen zerstört.
Von den Verkäufen über die Wildberries-Plattform hängen im größten
Flächenstaat der Welt hunderttausende oft kleine und mittelständische
Unternehmen ab. Fiele dieser Vertriebsweg weg, wären sehr viele Firmen auf
ihre lokalen Märkte zurückgeworfen.
## Doppelter Schaden
Denn der Konzern, der 2025 einen Umsatz von fast 65 Milliarden Euro und
einen Gewinn von knapp 1,9 Milliarden Euro machte, bedient nicht nur die
Hälfte aller Online-Kundinnen und -Kunden in Russland, sondern unterhält
auch eine gut geschmierte Logistik zwischen Kaliningrad und Kamtschatka –
inklusive angeblich zolltechnisch frisierter Massen-Importe aus China.
Durch die Angriffe auf Lager und Logistikzentren des Handelsriesen und den
Rückzug vieler auf der Wildberries-Plattform anbietenden Unternehmen ist
der Umsatz um ein Viertel gesunken. In russischen Medien wird allein der
direkte Schaden durch die abgebrannten Gebäude auf 200 Milliarden Rubel
(umgerechnet gut 2,1 Milliarden Euro) taxiert. Hinzu kommen die verbrannten
Waren, die Wildberries selbst verkauft – gut ein Zehntel aller über die
Plattform vertriebenen Produkte. Andere Anbieter haben über Nacht ihr
Geschäft und Waren im Wert von Hunderten Milliarden Rubel verloren. Der
gesamte Finanzbedarf zum Wiederaufbau des angeschlagenen Geschäftsmodells
wird vom oppositionellen russischen Internet-Magazin The Bell von
Beteiligten auf 13,8 Milliarden Euro geschätzt.
Aber nicht nur der Konzern steht kurz vor dem Kollaps: Denn in seiner
Bilanz stehen fast 10 Milliarden Euro Verbindlichkeiten – zumeist gegenüber
staatlich kontrollierten Banken wie VTB, Sber und Gazprombank. Vor allem
die VTB steckt tief drin, denn sie ist auch strategische Partnerin von
Wildberries, hält 5 Prozent an dessen WB Bank und hat 38 Prozent der
Kredite für den Handelskonzern ausgereicht. Die Staatsbank steht selbst mit
64 Milliarden Euro bei der Zentralbank in der Kreide.
Wildberries ist also längst systemrelevant: Es ist das am höchsten
verschuldete private Unternehmen Russlands. Der Anteil seiner Schulden
macht 65 Prozent der Verbindlichkeiten der Top-5 der größten russischen
Tech-Unternehmen (Wildberries, Ozon, Yandex, T-Bank, Rostelecom) aus.
Wettbewerber Ozon, der auch von ukrainischen Drohnen attackiert wird, hat
deutlich weniger Schulden.
„Ohne staatliche Unterstützung ist Wildberries nicht zu retten“, heißt es
bei russischen Analysten. Aber [3][die Staatskasse ist leer]: Das
Haushaltsdefizit ist bereits um die Hälfte höher als geplant, der
Finanzminister hat Kürzungen in allen Ressorts verfügt. Geld zur Rettung
von Tatjana Kim, Russlands mit 8,1 Milliarden US-Dollar geschätztem
Vermögen reichster Frau, dürfte nicht da sein.
10 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Angriff-auf-russischen-Onlinehaendler/!6201811
(DIR) [2] /Wirtschaft-unter-Putin/!6183261
(DIR) [3] /Meduza-Auswahl-25-September-1-Oktober/!6117340
## AUTOREN
(DIR) Mathias Brüggmann
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Russland
(DIR) Online-Plattform
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Russland
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Drohnen
(DIR) Unser Fenster nach Russland
(DIR) Unser Fenster nach Russland
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kapitalflucht in Russland: Der Kreml hat Angst ums Geld
Menschen in Russland heben aktuell immer mehr Rubel von den Banken ab. Sie
haben Angst davor, dass ihr Sparvermögen verstaatlicht wird.
(DIR) Wirtschaftskrise durch Ukrainekrieg: Russischer Ökonom sagt Niederlage voraus – und wird gefeuert
Russlands Chefökonom der Staatsbank hat öffentlich die katastrophale
ökonomische Lage seines Landes benannt. Die Konsequenzen folgten sofort.
(DIR) Neue russische Angriffe auf die Ukraine: Berichte über eine regelrechte Serie von Explosionen
Russland greift derzeit fast jede Nacht massiv die Ukraine an. In dieser
Nacht sind mindestens neun Menschen getötet worden und dutzende verletzt.
(DIR) Nach Vorfall in Leipzig: Politik versinkt im Drohnen-Chaos
Bei der Drohnenabwehr gibt es viele Lücken und noch mehr Kompetenzgewirr.
Auch die Debatte um mögliche Reformen wird zunehmend unübersichtlich.
(DIR) Angriff auf russischen Onlinehändler: Milliardenverluste für Putin
Ukrainische Drohnen haben mehrere Lagerhäuser des russischen
Versandhändlers Wildberries zerstört, der Schaden liegt im
Milliardenbereich. Und der Kreml? Schweigt.
(DIR) Politologe über Korruption in Russland: „Wer an die Macht kommt, füllt sich die Taschen“
Der Kreml verdirbt seine Bürger, indem er einen Kult der Korruption
predigt, sagt der Politologe Fjodor Krascheninnikow. Und doch sei
Veränderung möglich.
(DIR) Krise in Russland: Alle Zeichen stehen auf Eskalation
Russlands Präsident Putin ist in die Enge gedrängt – militärisch,
wirtschaftlich und politisch. Es gibt bereits Berichte über eine
Generalmobilmachung.