# taz.de -- Kapitalflucht in Russland: Der Kreml hat Angst ums Geld
       
       > Menschen in Russland heben aktuell immer mehr Rubel von den Banken ab.
       > Sie haben Angst davor, dass ihr Sparvermögen verstaatlicht wird.
       
 (IMG) Bild: Aus Angst vor Verstaatlichungen heben Russlands Sparer Milliarden von ihren Konten ab
       
       Russlands Ukrainekrieg kommt [1][immer mehr in der russischen Bevölkerung
       an] – und mit ihm die Angst vor fatalen Folgen. Russische Sparerinnen und
       Anleger haben seit einigen Monaten mehr Geld von ihren Konten abgehoben als
       2022, als das Land nach dem von Wladimir Putin entfachten Krieg von Panik
       erfasst wurde. Großunternehmen ziehen angesichts der Drohung von
       Enteignungen, wirtschaftlicher Instabilität durch die Kreml-Politik und
       ukrainischer Drohnenangriffe verstärkt Gelder ins Ausland ab.
       
       Dies findet statt vor dem Hintergrund zunehmender Befürchtungen und
       Gerüchte, die russische Regierung könne in Kürze Sparguthaben
       zwangsumwandeln in Kriegsanleihen. Denn wegen der rasant wachsenden
       Kriegskosten, [2][massiver Einnahmeverluste] durch von ukrainischen
       Drohnenangriffen zerstörte Raffinerien, Fabriken und Großlager explodiert
       das Haushaltsdefizit: Es ist schon jetzt mit umgerechnet 65 Milliarden Euro
       fast doppelt so hoch, wie für das Gesamtjahr geplant war.
       
       Hinzu kommt, dass aufgrund der Rezession in den zivilen Branchen der
       russischen Wirtschaft und der nicht kostendeckenden staatlichen Preise im
       Rüstungssektor die Zahl notleidender Kredite bei den Banken rasant steigt.
       In der Folge wächst die Angst der Bevölkerung, ob ihre Konten und
       Spareinlagen noch sicher sind.
       
       Durch Massenabhebungen ist der Bargeldumlauf seit Jahresbeginn bis Mitte
       August kumuliert um 2,4 Billionen Rubel (fast 24 Milliarden Euro)
       gestiegen. Das ist mehr als im ersten Kriegsjahr 2022 (2,2 Billionen
       Rubel), als die Behörden nach Beginn der Invasion mit drakonischen
       Beschränkungen den Ansturm auf die Banken stoppen mussten. Nach einer
       Prognose der Sberbank könnte die Summe bis zum Jahresende noch auf 3,8
       Billionen Rubel ansteigen.
       
       ## Etwa 72 Milliarden Euro wurden bereits verstaatlicht
       
       „Das ist die Folge der Angst, dass der Staat etwas mit dem Bankensystem tun
       könnte, dass er die Einlagen verstaatlichen könnte“, sagte die frühere
       Mitarbeiterin der russischen Zentralbank, Alexandra Prokopenko, die jetzt
       am Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin arbeitet. Finanzminister Anton
       Siluanow dementierte jegliche Verstaatlichungsabsichten.
       
       „Wenn die Regierung Geld braucht, wird Putin Vermögen einfach
       konfiszieren“, sagte der Partner eines russischen Milliardärs der
       US-amerikanischen Tageszeitung Washington Post und fügte hinzu: „Wenn man
       die Möglichkeit hat, sein Geld abzuziehen, tut man das.“ Die russische
       Zentralbank bezifferte die Kapitalflucht aus Russland allein im 2. Quartal
       auf 8,1 Milliarden Euro. Immer mehr reiche Menschen in Russland verlagern
       Gelder aus heimischen Banken zu Brokern in Kasachstan, Kirgistan und
       Armenien.
       
       Offizielle russische Angaben belegen, dass das Land zwischen 2022 und Ende
       2025 bereits Vermögenswerte im Umfang von umgerechnet ungefähr 72
       Milliarden Euro verstaatlicht habe – Eigentum von unliebsamen russischen
       Unternehmen oder ausländischen Firmen, die Russland nach dem Überfall auf
       die Ukraine verlassen haben.
       
       Hinzu kommt der psychische Druck durch immer mehr ukrainische Angriffe auf
       russische Raffinerien, Logistikzentren und Rüstungsfabriken. Die Regierung
       hat immer wieder das Internet abgeschaltet – und damit Geschäfte in
       Bereichen E-Commerce, Transport und Dienstleistungen abgewürgt. Die
       Drohneneinschläge in mehr als zwei Dutzend Logistikzentren der
       Internet-Handelsplattformen Wildberries und Ozon haben Waren in
       Milliardenhöhe verbrennen lassen – und damit Hunderttausende russische
       Lieferanten dem Bankrott nähergebracht.
       
       Die ökonomische Lage wird immer verzwickter, die Schlangen vor Tankstellen
       werden wegen mangelnder Benzinversorgung immer länger. Aber eine
       unmittelbare Finanz- oder Bankenkrise steht nicht bevor: Russische
       Haushalte hatten vor der massiven Abhebungswelle Guthaben in Höhe von 713
       Milliarden Euro angehäuft – so viel wie nie in der russischen Geschichte.
       
       19 Aug 2026
       
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