# taz.de -- Unruhen in Syrien: Weniger Öl, mehr Feuer
       
       > Dass Syriens Übergangsregierung die Spritsubventionen streicht, löst die
       > größten Proteste seit dem Sturz des Assad-Regimes aus.
       
 (IMG) Bild: Um gegen die hohen Benzinpreise zu demonstrieren, verbrennen Menschen Autoreifen auf der Autobahn zwischen Aleppo und der Türkei
       
       Es ist ein Einschnitt im Leben aller Syrer*innen, sagt Firaz – und dieser
       Einschnitt sei wie aus dem Nichts gekommen. „Die Regierung hat die
       Entscheidung gegen Mitternacht veröffentlicht. Plötzlich, ohne jede
       Vorbereitung, Diskussion, ohne dass die Öffentlichkeit vorher irgendwas
       wusste“, sagt der Mann aus der Region Aleppo. Syriens Übergangsregierung
       hatte am Sonntag verkündet, dass der Dieselpreis um 40 Prozent steigt,
       Preise für Öl und Gas um 25 Prozent.
       
       Grund, so die Regierung, seien höhere Weltmarktpreise, eine sinkende
       Produktion der Raffinerien und der von [1][Iran blockierte Schiffsverkehr].
       Syrien ist stark von Importen abhängig, 74 Prozent des Diesels, 81 Prozent
       des Benzins und 96 Prozent des Haushaltsgases kommen von außerhalb.
       
       Die Menschen reagierten auf die Preissteigerungen mit den größten Protesten
       seit dem Sturz des Assad-Regimes. Sie blockierten die Autobahn zwischen
       Damaskus und Aleppo mit brennenden Autoreifen, ebenso die Autobahn M4 in
       Hassaka und Deir al-Sor, auf der Laswagen Öl aus dem Irak transportieren.
       Einige riefen: „Das Volk will den Sturz des Energieministers!“ In den
       folgenden Tagen weiteten sich die Proteste aus auf Qamischli und Raqqah in
       Nordostsyrien, Hama und Salamiyya im Norden sowie Idlib, wo die Regierung
       den größten Rückhalt hat.
       
       In Qamischli forderten Protestierende auch mehr staatliche Subventionen für
       Brot. „Menschen leben von Wasser und Zucker – und selbst Zucker ist kaum zu
       kriegen!“, [2][rief einer]. „Das Assad-Regime war kriminell.“ Doch selbst
       unter den weltweiten Sanktionen sei die Lage nicht so schlimm gewesen.
       
       ## Auch die Klinik wird teurer
       
       „Die Erhöhungen treffen das tägliche Überleben und gefährden die
       Stabilität“, sagt Lennart Lehmann, Landesdirektor der Welthungerhilfe für
       Syrien. „Die Mehrheit der Syrer hat keine finanziellen Rücklagen mehr, um
       die plötzlichen Energieschocks abzufangen.“ Selbst Löhne im öffentlichen
       Dienst reichten nicht mehr zum Überleben aus. Läden hätten die Preise um
       rund 20 Prozent angehoben. „Transportpreise schießen in die Höhe, Preise
       für alltägliche Waren steigen, selbst der Weg zur Arbeit oder Schule wird
       zur finanziellen Belastung.“ Steigende Preise trieben sogar die
       Behandlungskosten in den Krankenhäusern nach oben.
       
       Hilfsorganisationen müssten vermutlich die Preise für
       Lebensmittelgutscheine erhöhen, warnt Lehmann. „Wenn die Geberländer nicht
       reagieren, muss die Zahl der Hilfeempfänger reduziert werden.“
       
       ## „Abkehr vom Sozialismus“
       
       Die syrische Regierung reagierte mit einer Erklärung: Würde der Staat die
       Preisdifferenz übernehmen, würde das die Staatsfinanzen „erheblich
       belasten“ und verhindern, dass der Staat grundlegende Dienstleistungen noch
       finanzieren könne.
       
       „Die Regierung steckt in einem Dilemma“, so Lehmann. „Wenn sie die Preise
       deckelt, wird Benzin knapp. Dann gibt es wieder lange Schlangen vor den
       Tankstellen, und der illegale Handel wird wieder zunehmen.“
       
       Der Energiepreisschock liege an der „Abkehr vom Sozialismus“, erklärte
       Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa. Die Regierung schafft nach und nach
       staatliche Subventionen für Brot, Strom und Kraftstoffe ab. Syrien wandle
       sich von einem „System, geprägt von Bürokratie und Korruption“, zu einem
       „liberalen System, das den Privatsektor und die freie Wirtschaft fördert“.
       
       Firaz kritisiert, diese Abkehr sei zu hart. Der Syrer möchte seinen vollen
       Namen nicht veröffentlicht sehen, er engagiert sich sozialpolitisch. „Ja,
       der Staat erholt sich von 14 Jahren Krieg, aber das gilt auch für die
       Menschen.“
       
       Der Staat habe die Kraftstoffpreise für die Bevölkerung angehoben, während
       Behörden „riesige Mengen genau dieser Ressourcen verbrauchen. Es wäre
       logischer, zunächst staatliche Institutionen einzuschränken.“ Der Kern der
       Krise sei ein Mangel an Transparenz. „Die Menschen haben weder Zugang zu
       Informationen, noch können sie an Entscheidungsprozessen mitwirken. Sie
       können die Behörden nicht zur Rechenschaft ziehen.“ Die natürliche Folge
       seien eben Proteste.
       
       18 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Krieg-in-Jemen/!6211552
 (DIR) [2] https://www.instagram.com/reel/DdRRnKHh7Lo/?stkn=cWtucjhhczk2YTdm
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Neumann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Syrien
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 (DIR) Ahmed al-Scharaa
       
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