# taz.de -- Höllische Menstruationsschmerzen: „Bekommen Sie halt ein Kind“
       
       > Um höllische Regelbeschwerden in den Griff zu bekommen, solle unsere
       > Autorin einfach schwanger werden, sagt die Ärztin. Und betreibt damit
       > Medical Gaslighting.
       
 (IMG) Bild: Wenn Männer menstruieren müssten…
       
       An einem sonnigen Spätsommertag setzt mir meine Gynäkologin die Pistole auf
       die Brust: „Entweder Sie nehmen [1][die Pille] oder Sie werden halt
       schwanger“, sagt sie. Mit dem Telefon am Ohr stehe ich auf dem taz-Balkon,
       unter mir die Berliner Friedrichstraße, und weiß nicht, was ich antworten
       soll.
       
       Eigentlich wollte ich herausfinden, welche Möglichkeiten ich habe, um meine
       Bestie von Regelblutung in den Griff zu kriegen. Seit Jahren leide ich
       unter objektiv zu hohem Blutverlust und Schmerzen, die sich nur mit
       hochdosierten Tabletten bekämpfen lassen. Seit ich das erste Mal bei ihr
       auf dem Stuhl saß, behauptet meine Ärztin, das sei normal. Jetzt diese
       knallharte Ansage: eine tägliche Hormonzufuhr oder doch ein süßes kleines
       Baby.
       
       „Oder man nimmt Ihnen den Uterus raus. Aber dafür sind Sie noch zu jung“,
       legt sie nach, als ich zu lange zum Antworten brauche. Den letzten
       Kommentar lasse ich nach einem tiefen Durchatmen an mir vorbeigehen.
       
       Stattdessen sage ich, dass ein Kind nicht infrage kommt. Und dass sich mir
       der Therapieansatz Schwangerschaft nicht erschließt. Schließlich taucht die
       Periode irgendwann ja wieder auf. Was dann? Noch ein Kind? Und noch eins?
       Ihre Antwort: Früher war das so.
       
       Was betreibt meine Ärztin da für ein Geschäftsmodell? Bekommt sie eine
       Provision für jedes Baby, um der historisch niedrigen Geburtenrate
       entgegenzuwirken? Ist das die Innovation im Gesundheitssystem, von der
       immer alle reden?
       
       ## Ob ich überhaupt wisse, wie teuer so eine Diagnose sei?
       
       [2][Medical Gaslighting] nennen Forscher*innen das, was meine Ärztin
       macht: Symptome von Patient*innen herunterzuspielen oder nicht ernst zu
       nehmen. Frauen, queere Menschen und Menschen of Color sind davon besonders
       betroffen.
       
       [3][Mutterschaft] ist eine lebensverändernde Entscheidung. Sie ist keine
       Behandlungsmethode, die sich als Rezept ausstellen lässt, und auch kein
       rhetorisches Druckmittel, um Frauen die Pille anzudrehen. Vor den Kopf
       stößt mich vor allem das: Von einer Ärztin, die nicht nur täglich im
       intimsten Kontext mit Frauen arbeitet, sondern selbst eine ist, habe ich
       mehr Einfühlungsvermögen und Solidarität erwartet.
       
       Dürfte nicht gerade sie, die sich seit sieben Jahren regelmäßig bis zu
       meinem Muttermund vortastet, etwas mehr Fingerspitzengefühl haben?
       
       Genauso erschreckend wie ihre Taktlosigkeit finde ich die Tatsache, dass
       die drei Optionen, die sie nennt, im Grunde tatsächlich die einzigen sind.
       Denn obwohl die Menschheit schon Jahrzehnte Schafe klonen und zum Mond
       fliegen kann, sind Periodenbeschwerden nie Priorität gewesen.
       
       Was dennoch im Rahmen des medizinisch Möglichen für meine Ärztin liegt:
       eine Untersuchung, um meinen Beschwerden auf den Grund zu gehen. Das kommt
       für sie aber nicht in die Tüte.
       
       Als ich frage, ob sie mich vielleicht doch auf [4][Endometriose] – eine
       chronische, entzündliche Erkrankung der Gebärmutter – untersuchen könnte,
       kassiere ich die nächste Schelle. Ob ich überhaupt wisse, wie teuer so eine
       Diagnose sei? Und dass unser Gesundheitssystem gerade einen massiven
       Umbruch durchmache? Kein Wunder, dass das viel Geld kostet, wenn es laut
       Studien im Durchschnitt [5][sieben Jahre dauert, bis eine Patientin, die
       wegen Endometriose zum Arzt geht, eine Diagnose bekommt]. Gern möchte ich
       mein Handy auf den Bürgersteig unter mir pfeffern.
       
       Am Ende des Gesprächs fragt sie, ob sie mir nun die Pille verschreiben
       soll. Ein Rezept für eine Dosis Sperma für die Option Schwangerschaft
       bietet sie nicht an. Das Gesundheitssystem hat eben doch seine Lücken.
       
       19 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Anti-Baby-Pille/!t5021916
 (DIR) [2] https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/2022/11/01/diskriminierung-im-gesundheitssektor/
 (DIR) [3] /Mutterschaft/!t5295460
 (DIR) [4] /Leben-mit-Endometriose/!6137083
 (DIR) [5] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9749182/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Evke Bakker
       
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