# taz.de -- Tour de France in Ostdeutschland?: Abgefahrene Straßen
       
       > Die Tour de France soll 2029 in Ostdeutschland starten. Doch der „Grand
       > Depart“ passt nicht so ganz zur Situation des Breitensports und zur
       > Infrastruktur.
       
 (IMG) Bild: Kann Sachsen die Tour de France? Im August fuhr das Radsportkriterium „Karli-Krit“ durch Leipzig
       
       Tour-de-France-Chef Christian Prudhomme verlegt den Grand Départ, den
       Tourauftakt, gern in Länder, wo er gute Geschichten erzählen kann“, weiß
       Isabell Gall, im ADFC Sachsen für Radverkehr in ländlichen Räumen
       zuständig. Seit 1954 wird die [1][Tour de France] immer häufiger in anderen
       europäischen Ländern gestartet, 1998 sogar in Dublin auf der irischen
       Insel. [2][1987] beispielsweise startete die erste Etappe nahe dem
       Reichstag auf Westberliner Seite, unmittelbar an der Mauer.
       
       An deren Fall im Jahr 1989 soll die Tour in drei Jahren, 2029, nun wieder
       erinnern, wenn es nach dem Bund und den drei mitteldeutschen Ländern geht.
       Das würde „Gäste aus aller Welt zusammenbringen und zugleich an die mutigen
       Menschen erinnern, die 1989 für Freiheit und Demokratie auf die Straße
       gegangen sind“, sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU)
       Ende Juli. Er, seine Amtskollegen aus Berlin, Thüringen und Sachsen-Anhalt
       und der federführende Verband [3][German Cycling], der vormalige Bund
       Deutscher Radfahrer, übergaben Ende Juli die ostdeutsche Bewerbung um den
       Tourauftakt 2029 an den Tourveranstalter Amaury Sport Organisation A.S.O.
       Direktor Prudhomme schwärmte daraufhin von einer „außergewöhnlichen
       historischen und symbolischen Bedeutung.
       
       Solche politische Aufladung von Sportereignisse wird sonst stets der
       verflossenen DDR vorgeworfen. „Natürlich ist das auch ein politisches
       Thema, das kann man nicht ausblenden“, räumt Thomas Hofmann als Präsident
       des Sächsischen Radfahrerbunds (SRB) ein. Seitens der interessierten
       Radsportverbände habe man aber zunächst nicht auf den 40 Jahre
       zurückliegenden Aufbruch in der DDR gezielt, sondern das Jahr 2030 für
       einen Tourstart angestrebt.
       
       Heute böten Etappen auf „Revolutionsgebiet“ auch nach Auffassung der
       sächsischen Bündnisgrünen Gelegenheit zu zeigen, „was sich seit 1989 in
       Sachsen und Ostdeutschland entwickelt hat“. Isabell Gall vom Fahrradclub
       [4][ADFC] kann der Pflege des europäischen Gedankens viel abgewinnen und
       denkt dabei an europafeindlich tendierende Landtagswahlen. Solche kann man
       auch für 2029 vorhersagen, wenn die Tour durch die dann ähnlich
       aufgeheizten Wahlkampfgebiete Sachsen und Thüringen führen sollte.
       
       ## Problematische Straßen
       
       Über welche Straßen Mitteldeutschlands will man die Weltelite eigentlich
       schicken, ohne sich zu blamieren? Welche Abfahrt in den Dresdner Talkessel
       beispielsweise sollte einem Peloton zumutbar sein? Als Freizeitsportler
       sollte man tunlichst immer beide Hände am Rennlenker belassen und die Zähne
       fest zusammenbeißen. Als vor einigen Jahren die populäre Heidenau-Rundfahrt
       aufgeben musste, wurden auch Haftungsfragen bei Unfällen als ein Grund
       genannt. Dagegen kann man sich aber beim Radfahrerbund über eine günstige
       Tretradversicherung selber schützen, wie Präsident Thomas Hofmann anbietet.
       SRB-Projektleiter Lukas Kraft verweist darauf, dass es auch bei der Tour –
       und keineswegs nur bei dem Klassiker [5][Paris–Roubaix] – bewusst gewählte
       Kopfsteinpflasterstrecken gibt. „Die Strecke wählt die ASO vorrangig nach
       Bildern und Dramaturgie, nicht nach Belagsklassen“, weiß der Planer.
       
       Den Fahrradklub ADFC stört mehr das Missverhältnis zwischen den Ausgaben
       für Straßen und denen für Radwege im Freistaat Sachsen. Im Entwurf des
       Krisenhaushalts 2027/28 wird der Straßenbau nicht gekürzt, die Gelder für
       Radwege aber um 85 Prozent. Und mit den 450 Millionen Euro für die
       Erweiterung und Sanierung des Landtags könne man mehr als tausend Kilometer
       Radwege bauen, rechnet ADFC-Geschäftsführer Konrad Krause vor.
       
       Das Sächsische Staatsministerium für Infrastruktur und Landesentwicklung
       kann sich noch nicht zur Eignung von Straßen und zu eventuell nötigen
       Baumaßnahmen äußern. Eine allgemeine Einstufung als „tourtauglich“ gebe es
       nicht. Zunächst müsse der Veranstalter einen konkreten Streckenvorschlag
       unterbreiten, ehe eine Fülle verkehrlicher und sicherheitstechnischer
       Prüfungen einsetzen kann.
       
       Der SRB setzt sich begeistert für den Grand Départ, die „große Abfahrt“
       ein. Aber wie der ADFC sieht auch er ein Missverhältnis zwischen einer
       solchen Schaufensterveranstaltung und den Defiziten bei Breitensport und
       Talentförderung. „Wenn in ein solches Großereignis viel Geld investiert
       wird, muss auch etwas für den Breitensport und die Vereine abfallen“,
       fordert Isabell Gall. Sie hat vor allem die von ihr betreuten ländlichen
       Räume im Blick. Wo können Kinder noch lernen, sicher mit dem Rad zur Schule
       zu fahren, fragt sie, wo bei Sportvereinen andocken?
       
       ## Nicht nur Sachsen schimpfen
       
       ADFC und SRB bestätigen die subjektive Erfahrung, dass von
       Mitgliedsvereinen des Bunds Deutscher Radfahrer organisierte
       [6][Radtouristikfahrten] und Jedermann-Rennen immer seltener werden. In
       Sachsen hat sich deren Zahl etwa halbiert. Lange konnte man sich
       beispielsweise für 30 Euro Startgeld per Transponder beim „Race Day“ in der
       Sächsischen Schweiz und im Osterzgebirge mit der Amateurkonkurrenz messen.
       Übriggeblieben ist der [7][Velorace], wo man für 90 Euro über jene Dresdner
       Straßen kurbeln kann, auf die man ohnehin schon das ganze Jahr schimpft.
       
       Es schimpfen nicht nur die Sachsen und nicht nur die Liebhaber. Im vorigen
       Jahr musste in Thüringen das einzige Profi-Etappenrennen für Frauen in
       Deutschland ausfallen, die [8][Lotto Thüringen Ladies Tour]. Der
       Fahrradpodcast „Antritt“ fragte die langjährige Organisatorin Vera Hohlfeld
       nach Gründen. Sie nannte allgemein mangelnde Wertschätzung und fehlenden
       politischen Willen. Konkret fehlen ganze 200.000 Euro, die das Land
       Thüringen bisher beisteuerte, seit der „Brombeer“-Regierung unter
       Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) aber nicht mehr übrig hat. Zum
       Vergleich: Die Kosten für das große Tourauftakt-Spektakel 2029 werden in
       der Größenordnung von 30 Millionen Euro veranschlagt. Bislang sind dafür
       nur private Mittel geflossen, Entscheidungen zu Kostenbeteiligungen der
       Länder stehen noch aus.
       
       Den Rückgang im Breitensport findet SRB-Präsident Hofmann sogar
       „furchtbar“. Es liege nicht an Vereinen und ihrem großen ehrenamtlichen
       Engagement, sondern vor allem an zunehmender Bürokratie und den steigenden
       Kosten. Die Defizite wirkten sich auf Nachwuchs und Talenteentwicklung aus.
       „Wenn wir keine Rennen durchführen können, werden wir auch keine
       Spitzensportler haben!“ Die Trainerbezahlung hinke ebenfalls hinterher.
       Immerhin, die Sektionen Mountainbike und Gravel würden zwar zunehmend
       nachgefragt, stießen aber an Grenzen, weil ihre Ausübung beispielsweise im
       Wald mit zahlreichen Verboten belegt ist.
       
       An sich aber ist Rennradfahren beliebter denn je, wie man im Straßenbild
       unschwer erkennt. Gemeinschaftsbildende Radtouristikfahren werden aber
       nicht nur seltener veranstaltet, sondern von jungen Leuten auch weniger
       nachgefragt. Soziale sportliche Begegnungen werden zunehmend in privaten
       Gruppen über Social Media oder von Fahrradläden organisiert. „Es liegt im
       allgemeinen Trend, dass immer weniger in Vereinen gemacht wird“,
       konstatiert Thomas Hofmann. „Es ist wie überall, zerstückelter,
       kleinteiliger, weniger verbindlich“, stimmt Isabell Gall zu.
       
       ## Empfundene Zweitklassigkeit
       
       Und doch verbinden beide den Grand Départ in den ostdeutschen Ländern mit
       großen Hoffnungen. Der ADFC-Vertreterin ist der ideelle Aspekt wichtig. „Es
       bleibt für alle gut, wenn Sachsen als Raddestination promoted wird!“
       SRB-Präsident Thomas Hofmann spricht ebenfalls von einer
       „Riesenbegeisterung“, die dem Radnachwuchs Impulse verleihen werde.
       Projektleiter Lukas Kraft untersetzt das mit Zahlen hoher Mobilisierung
       beispielsweise in [9][Utrecht 2015]. Auch in Sachsen und seinen
       Nachbarländern meldeten sich schon jetzt mehrere Hundert ehrenamtliche
       Mitwirkende.
       
       Der Radfahrerbund ist zwar Hauptmotor der Bewerbung, aber auch für den
       Präsidenten „ist das, was rundherum um das Profisportereignis passiert,
       eigentlich das Entscheidende“. Solche erhofften Sekundäreffekte zielen
       letztlich auf Kompensation der auch nach 40 Jahren immer noch empfundenen
       ostdeutschen Zweitklassigkeit. Hofmann spricht von einer „Gelegenheit,
       mitteldeutsche Länder vier Tage lang in die Weltöffentlichkeit zu senden“.
       Der Tourstart wird in 190 Länder übertragen, nach ASO-Angaben sehen die
       gesamte Tour weltweit 3,5 Milliarden TV-Zuschauer. Alle Aufwendungen würden
       vielfach wieder hereinkommen, ein Umsatz von mehr als 200 Millionen Euro
       infolge des Grand Départ wird erwartet.
       
       Noch einmal kommt Politik ins Spiel. Das Interesse an der Tour de France
       steigt zwar. Auch manche sächsische Familien richten ihre
       Sommerferienplanung an deren Etappenplan aus. Für eine Feier der
       Friedlichen Revolution 1989 aber müsse die Tour nicht unbedingt zu Hause
       vorbeikommen. Eine wachsende Mehrheit beurteilt die Folgen des
       deutsch-deutschen Vereinigungsprozesses inzwischen skeptisch. Der
       Faszination der mit mehr als 50 Stundenkilometern vorüberjagenden „Giganten
       der Landstraße“, wie sie zu Zeiten der [10][Friedensfahrt] in der DDR und
       den Nachbarstaaten genannt wurden, würden sie vermutlich dennoch erliegen.
       
       Bis zur Anfang kommenden Jahres erwarteten Entscheidung der ASO über die
       konkurrierenden Startregionen 2029, zu denen auch Tschechien gehören soll,
       bleibt nicht viel Zeit für Geldbeschaffung und Vertragsverhandlungen.
       Schwierige Regierungsbildungen erleichtern diese nicht gerade.
       
       19 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Tour-de-France/!t5014248
 (DIR) [2] /Tour-de-Frappe-in-Berlin/!1863856/
 (DIR) [3] https://www.germancycling.com/
 (DIR) [4] https://www.adfc.de/
 (DIR) [5] /Fahrradfahren-auf-Kopfsteinpflaster/!6078304
 (DIR) [6] /Radtouren/!t5636007
 (DIR) [7] https://www.velorace-dresden.de/
 (DIR) [8] https://www.lotto-thueringen.de/ueber-uns/sponsoring/ladies-tour.html
 (DIR) [9] /Radfahren-in-den-Niederlanden/!5209112
 (DIR) [10] /Radrennsport-in-der-DDR/!6098500
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Bartsch
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Radsport
 (DIR) Tour de France
 (DIR) Sachsen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kritik von der Gedenkstätte Buchenwald: Radrennen über „Blutstraße“
       
       Die Strecke der internationalen Deutschland-Tour der Radprofis steht in der
       Kritik. Eine Etappe führt über ein Gelände der KZ-Gedenkstätte Buchenwald.
       
 (DIR) Radrennen nach Corona: Rückkehr auf Asphalt
       
       Der Radsport wagt sich wieder nach draußen. Nach einem Rennen auf dem
       Sachsenring wurde am Sonntag das Kotzener Bergzeitfahren veranstaltet.
       
 (DIR) 200 Jahre Fahrrad: Als Hamburg einst Fahrradstadt war
       
       Hamburg soll zur Fahrradstadt werden, so das erklärte Ziel des Senats. Als
       Vorbilder dienen Kopenhagen und Amsterdam – das war mal genau anders herum.