# taz.de -- Nach der Sturzflut in Nepal: Pilger-Paradies wird zur Todesfalle
> Wasser und Schlamm reißen im Himalaya alles mit, was ihnen im Weg steht.
> Ganze Gemeinden werden begraben. Überlebende erzählen von den Sekunden
> des Grauens.
(IMG) Bild: In einem Camp des Militärs werden Betroffene der Flut erstversorgt
dpa | Die Bilder könnten aus einem Katastrophenfilm stammen: Eine
gigantische braune Wand aus Wasser, Schlamm und Geröll türmt sich plötzlich
auf und schießt durch ein Himalaya-Tal. Schlamm und Wasser reißen Häuser
mit, verschlucken Straßen und schleudern Lastwagen herum wie Spielzeug.
Menschen rennen um ihr Leben, während hinter ihnen ein ganzer Ort
verschwindet.
Ein Alptraum-Szenario für alle, die [1][am Mittwoch in der Region Rasuwa an
der Grenze zwischen Nepal und Tibet] unterwegs waren – und das waren viele,
darunter auch mehr als 500 Touristen aus anderen Teilen der Welt. Die
nepalesische Tourismusbehörde spricht auch von acht Deutschen und einem
Schweizer, zu denen es keinen Kontakt mehr gebe. Ihr Schicksal ist unklar.
Später werden erste Leichen gefunden, Dutzende viele Kilometer entfernt an
der Grenze zu Indien und völlig entstellt. Die Flut hat ihre Opfer über
ungeheure Strecken mitgerissen. Insgesamt gelten mittlerweile mehr als
[2][1.300 Menschen als vermisst.]
## Was sagen Augenzeugen?
„Gestern war der schlimmste Moment unseres Lebens. Viele von uns haben es
rechtzeitig geschafft, sich in Sicherheit zu bringen – aber viele andere
nicht“, sagte Suraj Silwal, Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Bidur,
einer der am schlimmsten betroffenen Gemeinden, am Telefon der Deutschen
Presse-Agentur. Familien suchten verzweifelt nach ihren Angehörigen, die
vielleicht nie mehr nach Hause kommen. „Mein Freund und seine Mutter werden
noch vermisst – sie wurden aus ihrem eigenen Haus fortgerissen.“
Die Such- und Rettungsaktionen seien aber extrem schwierig, erzählte
Silwal. „Es gibt Gebiete, die wir noch immer nicht erreichen können – da
sind keine Brücken mehr, es gibt keine Durchfahrt. Alles sieht so trostlos
aus.“ Aber Stück für Stück kämen die Helfer voran und würden mittlerweile
zu Häusern vordringen, die vorher nicht erreichbar waren: „Wir schauen, ob
jemand dort auf Hilfe oder Lebensmittel wartet.“
## Touristen- und Pilgerparadies Himalaya
Nepal gehört zu den ärmsten Ländern Asiens, und gerade in den abgelegenen
Himalaya-Regionen ist die Infrastruktur vielerorts äußerst fragil. Straßen
sind schmal und schwer zugänglich, Brücken und Verkehrswege können bei
Unwettern schnell zerstört werden. Gleichzeitig lebt das Land in hohem Maße
vom Tourismus – und der Himalaya mit Achttausendern wie dem Mount Everest
und dem Annapurna ist sein größtes Kapital.
Rasuwa liegt dabei mitten in einer besonders reizvollen und zugleich
abgelegenen Landschaft des höchsten Gebirges der Erde. Die Region ist das
Tor zum Langtang-Nationalpark, einem der wichtigsten Trekkinggebiete
Nepals, mit schneebedeckten Gipfeln, Gletschern und Hochgebirgsseen. Hier
liegen auf rund 4.000 Metern Höhe etwa die heiligen Seen von Gosainkund,
die als bedeutender Wallfahrtsort für Hindus und Buddhisten gelten.
Und durch Rasuwa führt auch eine wichtige Route Richtung Tibet und weiter
zum heiligen Berg Kailash und zum Manasarovar-See. Gerade Ende August sind
dort viele Pilger unterwegs – darunter zahlreiche Inder, die auf dem Weg
zum Kailash sind.
## „Timure ist komplett verschwunden“
Jetzt aber gibt es in der sonst so prächtigen Landschaft nur noch eine
Farbe: Braun. Eine dicke, alles verschlingende Masse aus Wasser, Schlamm,
Steinen und Geröll. Sie hat alles unter sich begraben, was ihr im Weg
stand, Fahrzeuge, Häuser, Brücken, Märkte und viele, sehr viele Menschen.
Ein Augenzeuge aus dem Ort Timure sagte dem nepalesischen Nachrichtenportal
Nepal News: „Timure ist komplett verschwunden, nichts ist mehr übrig.“ Er
habe es kaum glauben können, als der Markt direkt vor seinen eigenen Augen
weggespült wurde. „Ich habe noch nie eine solche Flut gesehen.“ Ein
anderer, der Anwohner Sanjeev Shrestha, sagte dem Nachrichenportal
Ratopati, etwa 75 Prozent aller Menschen in der Gemeinde seien
wahrscheinlich von der Schlammflut verschüttet worden.
Auch auf der chinesischen Seite wurden Menschen von den enormen
Wassermassen überrascht. Erst im vergangenen Jahr hatte eine schwere Flut
die Bevölkerung in dem Tal getroffen. Jetzt werden Hunderte vermisst,
zurückbleibt eine Schneise der Zerstörung. Vor allem am Grenzübergang
Gyirong gibt es schwere Schäden. 2024 lief dort fast 30 Prozent des
Handelsvolumens zwischen China und Nepal hindurch, wie Chinas Staatsmedien
berichteten. Jetzt sind Straßen unpassierbar geworden, die
Kommunikationsverbindungen brachen zusammen.
## Was löste die Flut aus?
Überhaupt ist die Grenze zwischen Nepal und Tibet, die auf Landkarten so
klar aussieht, nach der Sturzflut scheinbar verschwunden. Flüsse und
Gletscher kennen keine Grenzen – und können eine zerstörerische Kraft
entfalten, der sich kaum etwas entgegenstellen kann.
Erste technische Untersuchungen weisen inzwischen auf einen massiven Eis-
und Felsabbruch auf der tibetischen Seite hin. Dabei könnte sich ein Fluss
durch die Blockade aufgestaut haben. Als diese Barriere brach, wurde
vermutlich innerhalb kürzester Zeit eine gewaltige Wassermenge freigesetzt.
Der Himalaya ist für die Welt ein magischer Ort der weißen Gipfel, der
Gebetsfahnen und der spektakulären Landschaften. Für die Menschen in seinen
Tälern ist er zugleich Lebensgrundlage und tödliche Gefahr. So wie für den
38-jährigen Buddhi Bahadur Budhathoki: Er musste mitansehen, wie seine Frau
und seine vier Kinder von den Schlammmassen fortgerissen wurden, wie er dem
Onlineportal „Khabar“ berichtet: „Ich habe keine Hoffnung, dass meine
Familie überlebt hat.“
27 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Katastrophe-im-Himalaya/!6207563
(DIR) [2] /Katastrophe-im-Himalaya/!6207560
## TAGS
(DIR) Überflutung
(DIR) Nepal
(DIR) Tote
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Nepal
(DIR) Nepal
(DIR) Nepal
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Gletscherforscher zur Flutkatastrophe: „Gebirge erwärmen sich schneller als der Rest der Erde“
Die Erderwärmung führt zum Abschmelzen der Gletscher. Damit steigt das
Risiko von Katastrophen wie jetzt in Nepal, sagt der Glaziologe Donovan
Dennis.
(DIR) Sturzflut in Tibet und Nepal: Eine Flutwelle so hoch wie ein siebenstöckiges Haus
Wie kam es zur gigantischen Sturzflut im Himalaja? Drohen weitere
Flutwellen? Was zeigen Videos? Und was hat das alles mit dem Klimawandel zu
tun? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
(DIR) Katastrophe im Himalaja: Mehr als 1.300 Vermisste nach Sturzflut in Nepal und Tibet
Im Nepals Grenzregion zu Tibet werden Hunderte ausländische Pilger und
Touristen vermisst. Dort kamen mehr als 350 Menschen um, in Tibet bisher 3.
(DIR) Katastrophe im Himalaja: Hunderte Touristen nach Sturzflut in Nepal vermisst
Unter den bisher 384 Vermissten im Grenzgebiet zu Tibet sind auch viele
Ausländer. Bisher wurden im Katastrophengebiet 157 Tote geborgen.