# taz.de -- Theater Bremen nach Tod des Intendanten: Aber Pathos passt gut
> Mit der Gegenwartsoper „Innocence“ und der Schauspiel-Uraufführung „I.
> Grief. Different.“ trauert das Theater Bremen um den verstorbenen
> Intendanten.
(IMG) Bild: Ganz schön traurig hocken in Bremen vier Performer*innen auf anthrazitlackierten Pappmaché-Felsen: „I. Grief. Different.“
Zuletzt, ganz am Ende von Kaija Saariahos Oper „Innocence“, lässt die
gespenstische Markéta dann doch ab von ihrer Mutter. Die singt sich, in
Bremen gespielt von Sopranistin Nadine Lehner, als Gelegenheitskellnerin
traurigschön durchs Überleben. Und das überschattete bis dahin halt der
lange zurückliegende gewaltsame Tod der Tochter.
Nun aber wirkt es, als breche Hoffnung auf: Die traumatisierte Mama wird
eine Zukunft haben, weil die wandelnde Mädchenleiche Markéta sie freigibt;
weil Folk-Pop-Performerin Venla Ilona Blom endlich ganz ins Totenreich
hinüberjoikt.
Das Verb joiken leitet sich ab vom Joik, so heißt der sámische
Schamanengesang. Ab dem 17. Jahrhundert von lutherischen Missionaren
[1][als satanisch verdammt,] wurde er bis in die 1990er Jahre [2][verfolgt,
wenn auch am Ende nicht mehr mit Hinrichtungen, Auspeitschungen und anderen
Körperstrafen.]
Klanglich zeichnet er sich vor allem durch per Kehlkopfdruck erzeugte,
gepresste, oft schneidend scharfe Töne mit nasaler Resonanz aus. Rituell
eröffnet der Joik den Übergang vom Jenseits in die Gegenwart. Und eine
Sängerin, die ihn so beherrscht wie Blom, lässt magische Transgression für
möglich halten.
## Die Braut heiratet ein Massaker
Um das Zusammenspiel von Menschen und Geistern musikalisch zu gestalten,
hat sich die 2023 gestorbene finnische Komponistin Saariaho den Joik für
ihr Opernschaffen angeeignet. Besonders eindrucksvoll gelingt das in dieser
2021 in Aix-en-Provence uraufgeführten School-Shooting-Oper; wobei
School-Shooting-Verdrängungs-Oper hier wohl korrekter wäre.
Denn Librettistin Sofi Oksanen hat den Plot 10 Jahre nach einem solchen
Amoklauf angesiedelt: Die Szene ist die Hochzeit des Täter-Bruders.
Sopranistin Julia Grüter als glockenhell tirilierende Braut Stella heiratet
ahnungslos in das Massaker hinein, in das alle anderen irgendwie verstrickt
sind: Durch die Party wandeln die abgeknallten Schüler*innen. Melodielos
vielsprachig schildern sie Details ihrer Ermordung.
Die handlungsarme aber spannungsreiche Oper hatten New York Times,
Guardian, die Fachzeitschrift Diapason [3][und alle anderen auch] gleich
nach der Weltpremiere als Meisterwerk gefeiert; allein in Deutschland haben
sie mit Bremen nun fünf Häuser produziert, Rekord für eine Oper des 21.
Jahrhunderts. [4][In Bremen markiert sie den Beginn einer Saison, mit der
das Theater Abschied nimmt]: Michael Börgerding, der 2012 die Intendanz des
Vierspartenhauses übernommen hatte, war im Januar 2025 gestorben.
Ein Jahr lang wurde seither Börgerdings Nachlass gepflegt, also lang
Geplantes und Angeschobenes realisiert. Kommende Spielzeit soll ein Team um
Regisseur und Autor Armin Petras übernehmen. Auch personell ist das kein
Bruch: So wird Musikdramaturgin Frederike Krüger auch dazugehören, die
schon gegenwärtig die Sparte in Bremen leitet. Zugleich sorgt sie mit der
Saariaho-Oper für eine gut wahrnehmbare Zäsur: Nach 2008 war in Bremens
Großem Haus kein Musiktheaterwerk einer Frau mehr produziert worden. Dort
wurden in der Zeit stets wilde Sachen mit Repertoire-Opern toter Tonsetzer
angestellt, meist von wilden, ewig jung bleibenden Männern.
## Grobschlächtiger, aber gut lesbarer Symbolismus
Zu denen zählt Marco Štorman, der in Bremen seine Liebe zur Oper entdecken
durfte. Mittlerweile führt er in ganz Deutschland Regie. Seine von der
Kritik gefeierten Inszenierungen zeichnen sich durch oft recht
grobschlächtigen, aber gut lesbaren Symbolismus aus. In „Innocence“, seiner
achten Bremer Musiktheater-Arbeit, lässt er die Darsteller*innen auch
mal mit riesigen Plaste-Lilien über die Bühne laufen, damit allen klar ist:
Die tragen ihre Unschuld bloß vor sich her.
Aber Pathos passt gut zur mit dräuenden Akkordreihen am Klavier und
düsteren Fagottkantilenen klug gegliederten, recht romantisch gedachten
Komposition. Die Bremer Philharmoniker tragen sie, dirigiert von Stefan
Klingele, mitreißend vor. Und ein Quäntchen Kitsch verträgt, wie jede
Traumwelt, auch das Seelen-Polarmeer, das Bühnenbildnerin Eva Veronica Born
aus zackig ragenden Flächen zusammengeschoben hat. In seiner Mitte klafft
ein Loch.
Auch im Sprechtheater betreibt man in Bremen zum Saisonauftakt
Trauerarbeit. Dafür wird auf ähnliche Melancholie-Bausteine gesetzt: Was in
der Oper die eisig ausgeleuchteten Schollen sind, sind auf der von Nicole
Marianna Wytyczak eingerichteten dunklen Raumbühne des Kleinen Hauses
anthrazitlackierte Felsen. Zwischen denen sollte hier am Freitag ein
„Trauerfest“ steigen. So wenigstens hat Ralph Tharayil seinen bisher
zweiten Theatertext „I. Grief. Different.“ rubriziert.
Tharayil hatte 2017 beim „open mike“ gewonnen und seine Erzählung „haute
einen um“, [5][befand damals taz-Kritiker Detlef Kuhlbrodt]. Das lässt sich
über „I. Grief. Different.“ nun wahrlich nicht sagen. Der Text hat sieben
Abschnitte. Gegliedert wird er durch einen Kehrvers: „WARUM LIEGT HIER
SCHNEE / GESTERN WAR SAMSTAG / HEUTE IST SONNTAG / HEUTE IST SCHNEE VON
GESTERN“ lautet der. In jedem Durchgang wechselt der Wochentag.
## Tränen auf Kommando
Dazwischen montiert sind assoziative Satzsammlungen zum Thema Trauer. Die
soll sich auf eine reichlich schematische Vaterfigur beziehen, die als
„Dad“ apostrophiert wird. Eine echte Bühnensituation ergibt sich nur, wo
der Text ein kompetitives Training der Trauermuskulatur ausmalt, in etwa
[6][wie bei der Testamentseröffnung am Anfang von Jean Pauls
„Flegeljahren“]: wer zuerst weint, gewinnt. Die vier Akteur*innen
strengen sich simultan an, mittels konventionellen Leidensgeposes, in
Tränen auszubrechen.
Das ist lustig. Das übrige Brainstormgelee wirkt dagegen lustlos
zusammengerührt. Daran können weder die zupackende Regie von Miriam Ibrahim
noch der konzentriert rezitierende Cast viel ändern. Immerhin gelingt's
ihnen, die Prosa zu rhythmisieren, ihren bloß behaupteten unterschiedlichen
Stimmen tänzerische Präsenz zu verleihen.
Als Sprechkonzert aus mal einander übertönendem mal chorisch vorgetragenem
Gerede lässt sich das durchaus genießen. Inhaltlich aber bleibt's trist: Es
stimmt nicht traurig. Es lässt kalt.
22 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.cbc.ca/news/world/church-of-sweden-sami-indigenous-1.6263595
(DIR) [2] https://www.deutschlandfunk.de/verbotene-lieder-mari-boine-und-das-kulturelle-erbe-der-s-mi-100.html
(DIR) [3] https://www.wisemusicclassical.com/work/58414/Innocence--Kaija-Saariaho/
(DIR) [4] https://blogs.taz.de/fremdeln/das-bremer-theater-kanns/
(DIR) [5] /Erst-kamen-die-Leuchtquallen-dann-spuelte-es-Leichen-an-Land/!5459459&s=Ralph+Tharayil&SuchRahmen=Print/
(DIR) [6] https://projekt-gutenberg.org/authors/jean-paul/books/flegeljahre/chapter/2/
## AUTOREN
(DIR) Benno Schirrmeister
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