# taz.de -- Mobilitätswende verkehrt: Aszendent Auto
> Das hätte unsere Kolumnistin nie gedacht – Bahn und Flieger machen sich
> Konkurrenz beim Chaos. Bleibt für Fernverbindungen nur das
> Individualmobil?
(IMG) Bild: Man darf doch mal träumen dürfen: Free Floatin’ an der Ostseeküste in Lettland
Anfang des Jahres scrollte ich im Fitnessstudio durch Youtube und bekam
einen Astrologiepodcast vorgeschlagen. Während ich Gewichte hin und
herschob, hörte ich, wie die Astroleute eine Menge Umsturzszenarien für
2026 an die Wand malten. Die Welt würde sich radikal wandeln, alle alten
Sicherheiten schwinden, und wir täten gut daran, rechtzeitig bewusst in den
Bauch zu atmen und alte Sichtweisen loszulassen.
Nun: Am Zusammenbrechen ist offensichtlich was dran. Und die neuen
Sichtweisen erreichen bei mir seit diesen Ferien auch umstürzlerische
Qualität. Zuerst fuhr mein Sohn mit der Familie seines Schulfreundes mit
dem Auto nach Dänemark. Die Reise begann vor unserer Haustür, samt
Abschiedsschwätzchen und Gepäck nach freier Entfaltung. 15 Minuten nach der
von Google berechneten Ankunftszeit bekam ich einen Daumen hoch aus
Dänemark.
Zurück sollte der Sohn allein mit dem Zug kommen. Einmal umsteigen in
Hamburg mit 53 Minuten Zeitpuffer und meiner am Bahnhof bereitstehenden
Nichte. Was sollte schiefgehen? Da diese Kolumne nur 3.000 Zeichen hat,
fasse ich die nächsten sieben Stunden knapp zusammen: Dank insgesamt 16
Pushnachrichten der Deutschen Bahn auf meinem Handy konnte ich die Zugfahrt
gespannt in Echtzeit begleiten.
Es gab einen [1][ausgefallenen Zug,] einen unplanmäßigen Umstieg, eine
veränderte Wagenreihung, Gleisänderungen, Aufhebung der Zugbindung,
Verspätung, noch [2][mehr Verspätung], weniger Verspätung, doch wieder mehr
Verspätung. Wegen eines Gewitters über Berlin und eines Blitzeinschlags bei
Spandau fuhr der Zug schließlich über Potsdam zum Berliner Hauptbahnhof.
Wir staunten, dass die Bahn jetzt sogar ein eigenes Wetter hatte –
außerhalb der Gleise hatte es seit Tagen nicht geregnet. 59 Minuten zu spät
und damit exakt eine Minute vor der Entschädigungspflicht erreichte der
Ersatzzug schließlich den Bahnhof.
Zwei Tage später wollten wir alle zusammen nach Lettland, eine Freundin
besuchen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre man einen Tag unterwegs,
wir hatten nur eine Woche gemeinsam Urlaub und kauften, nun ja,
Flugtickets. Wir checkten Bahn-App und Stellwerk, ob der Regio zum
Flughafen auch fuhr, und liefen sicherheitshalber zum Hauptbahnhof, um
S-Bahn-Störungen zu umgehen. Im pünktlich abfahrenden Zug kam die
Nachricht: [3][Der Flug ist gestrichen].
## Ein Sternenhimmel für Visionen
Am BER hatte unsere Airline zwar kein Personal, aber es kam eine E-Mail mit
neuen Tickets: Berlin–Frankfurt, Frankfurt–Prag, Prag–Riga. Achtzehn
Stunden nach Verlassen der Wohnung kamen wir bei unserer Freundin an. In
derselben Zeit hätten wir Kapstadt erreicht oder wären mit dem Auto nach
Riga gefahren und halb zurück gewesen.
Lettland war großartig: Nationalparks, lange Strände und ein Sternenhimmel,
der Visionen aufsteigen ließ. Ich stellte mir ein Verkehrsmittel vor, in
das ich Klamotten, Essen, Spiele und Cremetuben in Originalgröße werfen
konnte, das losfährt, wenn ich einsteige, und dort ankommt, wo ich hinwill.
Ich atmete tief in den Bauch und verabschiedete eine alte Sicherheit: mir
nie, niemals ein Auto zu kaufen.
27 Aug 2026
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## AUTOREN
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