# taz.de -- Ein Job im Zoo: Tristesse mit süßem Gecko
> Unsere Kolumnistin jobbt derzeit im Zoo. Und auch wenn die Kinder
> manchmal nerven, sind sie doch die interessantesten
> Gesprächspartner:innen.
(IMG) Bild: Faszinierendes Tier, als Kollege aber oft unterschätzt: ein Gecko
Mein Arbeitskollege ist ein kleiner Gecko. Wenn ich meine drei Stunden beim
Baumwipfelpfad [1][im Gondwanaland] absitze, beobachte ich, wie er um die
kleinen Äste und Stämme herumklettert. Er hat knallgrüne Schuppen und ein
paar rote Punkte auf dem Rücken. Ich nenne ihn Georg. „Moin Georg“, sage
ich zu meinem Schichtbeginn, bevor ich mit einem Seil einen Teil des Weges
für die Besucher*innen absperre.
Dann stehe ich drei Stunden im Leipziger Zoo, beobachte die Mimose und die
Madagaskarweber und schaue hinab zum Urwaldfluss, wo die Boote treiben.
„Bitte nicht wippen! Machen Sie Ihr Handy etwas heller, sonst kann ich das
Ticket nicht scannen. Die Aras bitte nicht anfassen. Genau, den Gutschein
müssen Sie an der Kasse noch umtauschen. Sie haben ein Kind zu wenig auf
der Familienkarte – die Bollerwagen sind leider heute aus!“
Mein Minijob im Zoo verursacht meine bisher größte kognitive Dissonanz:
Tierausbeutung steht gegen meinen Veganismus, ich trage Arbeitskleidung,
die ich an mir hässlich finde (sie ist beige!), nach ein paar Stunden spüre
ich meine Hüfte. Aua. Wenn ich unten Boote anschieben muss, sehe ich, dass
einige Arbeitskolleg*innen Verletzungen an ihren Händen haben, weil
manche seit 10 Jahren nichts anderes tun, als Boote anzuschieben und
anzuhalten. Das stört sie nicht – mich macht das wütend. Wenn ich ihnen so
zuhöre, wünsche ich mir mehr Widerstand gegen den langweiligen Job. Dann
erinnere ich mich daran, dass sie ja andere Lebensgeschichten mitbringen
und wahrscheinlich schon viel schlimmere Jobs gemacht haben.
Ich allerdings kriege eine Höllenangst, wenn ich mir vorstelle, so sähe der
Rest meines Lebens aus. Bei dem stumpfen Ticketscannen und den ermüdenden
Stunden am Boot beobachte ich die Familien um mich herum. Der Zoo ist der
perfekte Ort für Feldforschung und soziopsychologische Fragen zu
Bindungsdynamiken. Auch wenn ich mit den meisten Menschen maximal 30
Sekunden zu tun habe, kann ich sehr gut erahnen, welche Themen in 10 Jahren
bei den Kindern in Therapie auftauchen werden.
Gestresste Eltern schreien ihre Kinder fürs Trödeln, Träumen oder Krümeln
an. „Franz, kommst du bitte! Ja, lauf halt weg, drei Stunden ohne dich sind
die besten drei Stunden meines Lebens.“ Oder sie holen ihre Kinder selbst
bei einer Durchsage für ein paar Stunden nicht ab, um ihnen eine Lektion zu
erteilen. Was auch immer für eine.
Mich nerven die Kinder auch oft, aber mit denen kann ich wenigstens noch
ein richtiges Gespräch führen, statt nur die auswendig gelernten Phrasen
herunterzuleiern. Zum Beispiel fragt mich ein Kind, warum ich einen
bestimmten Teil im Gondwanaland absperre, weil es keinen Sinn ergibt, weil
man von der anderen Seite genau dorthin kommt. Das Kind hat recht und ich
habe keine Antwort. Touché, hätte ich antworten können.
Georg und ich stehen am Baum, direkt an einer Hängebrücke. Ich schätze viel
an diesem Ausbruch aus meiner Komfortzone, aber sicher nicht die Arbeit an
sich. An manchen Tagen freue ich mich auf meine Schicht und den Kontakt mit
Menschen. An anderen habe ich Angst vor den langen Stunden, in denen ich
mich nicht ganz bei mir selbst und entfremdet fühle. Das ist auch ein
kleines Paradoxon, da ich im Zoo viel über mich selbst nachdenke.
Und man muss auch zugeben, die Kommunikation im Team und mit Vorgesetzten
ist ziemlich super. Also rufe ich mir in Erinnerung, wofür ich das Ganze ja
mache. Ab September starte ich eine Ausbildung und dafür mag ich Geld
sparen. Also, tschüs, kleiner Gecko Georg, bis zur nächsten Schicht.
8 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.zoo-leipzig.de/
## AUTOREN
(DIR) Jona Rausch
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